Er lässt uns gehen - und er geht mit!
Predigt Osternacht 2009
Stellen Sie sich vor - ein Quiz im Fernsehen, bei Günther Jauch oder bei Jörg Pilawa, und die Frage für 50.000 Euro heißt:
Wer freut sich am meisten auf Ostern? Wie immer vier Ankreuzmöglichkeiten:
a. der Hersteller von Schokoladeneiern
b. der arbeitende Mensch, wegen einiger freier Tage
c. die Hühner, weil sie das pausenlose Eierlegen leid sind
d. der Christ, wegen der Auferstehung Jesu
A und C wären schnell draußen, und bei B (freie Tage) und D (Auferstehung) gäbe es keine Einigung, das Publikum im
Zuschauerraum würde eindeutig auf B setzen, ein Kandidat etwas zaghaft und verschämt auf D, auf die Auferstehung, und im Nachgeplauder
würde der ehemalige Messdiener Jörg Pilawa fragen, was es denn mit Auferstehung auf sich habe, warum man sich denn darüber sehr
freuen könne - und was wäre dann? Wahrscheinlich Hängen im Schacht, Herumgedruckse, ja, äh, irgendwie geht das Leben doch
weiter, - ich weiß auch nicht, was ich davon halten soll, fragen Sie am besten den Papst ...
Liebe Schwestern und Brüder, Gott sei Dank fühlt uns kein Pilawa auf den Zahn, - aber vielleicht die eigenen Kinder oder Enkel. Und
was sagen wir dann - über Osterfreude, über das wichtigste Fest der Christenheit, über Auferstehung? Ich schlage vor, dass wir
uns das Osterevangelium nach Markus vornehmen. Vielleicht finden wir uns in diesen Worten wieder. In Worten von einer schier unglaublichen
Kargheit und Nüchternheit, die durch diesen Text geht - und ihn so glaubwürdig macht.
Als der Sabbat vorüber war ...
Ja, der Sabbat ist für uns vorüber. Der Sonntag bricht an. Jeder Sonntag ist ein kleines Ostern. Darum das Bemühen, den Sonntag
zu "heiligen", das Besondere des Tages hochzuhalten - und Arbeit, Einkaufen, das All-tägliche möglichst von ihm fernzuhalten!
... kauften die Frauen wohlriechende Öle, ...
Sie wollen den toten Jesus salben. Wohlriechend. Der Tod riecht schlecht. Darum können wir den Tod, wie man so sagt, "nicht riechen". Oft
verdrängen wir ihn und wollen ihn nicht wahr haben. Immerhin: die Frauen machen sich auf, stellen sich dieser unerbittlichen Wirklichkeit;
sie pflegen das Grab, wollen den Toten einbalsamieren, konservieren. Er wird davon nicht lebendig. Aber er bleibt in seiner alten Gestalt
erhalten. Das ist schon viel: sich an den Jesus der vergangenen Tage zu erinnern, von ihm zu erzählen - wie wir es auch von unseren
Verstorbenen tun: "Weißt du noch ...?" Man spürt dann wohl: Wir erzählen aus der Vergangenheit - Gegenwart hat das nicht!
... sie kamen in aller Frühe zum Grab, als die Sonne aufging.
Eigentlich sind wir jetzt zur falschen Zeit hier. Wir haben mit unseren brennenden Kerzen und mit der großen Osterkerze das Licht in die
dunkle Kirche gebracht, aber es fehlt der Sonnenaufgang. Die ganze Schöpfung schwingt mit! Die Sonne geht auf. Das ist der richtige Moment,
um das Leben zu spüren und die Dunkelheit der Nacht, das Dunkle des Todes hinter sich zu lassen.
Die Frauen sagten zueinander: "Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?"
Ein großer, schwerer Stein verschließt die Grabhöhle. Zu schwer für Männer, zu schwer für Frauen. Ein großer Stein
trennt von Jesus. Eine Blockade. Welchen Brocken müssen wir überwinden, welchen "Stein des Anstoßes", um den Weg zu Jesus zu
nehmen? Welche Barrieren des Denkens und Empfindens, welche Sätze wie z.B. "Tot ist tot", die uns hindern, uns auf Auferstehung wirklich
einzulassen?
Doch als sie hinblickten, sahen sie, dass der Stein schon weggewälzt war.
Das brauchen sie nicht selber zu tun. Ihre Kraft würde auch nicht reichen. Ein anderer hat es getan. Gott ist es, der in uns wirkt, der die
Blockaden und Barrieren und dicken Brocken in uns wegsprengen oder wegwälzen kann. Es ist eine Gnade, wenn das geschieht, wenn wir
plötzlich oder allmählich - glauben können! Wir müssen uns nur aufmachen - wie die Frauen. Wir dürfen glauben, dass das
Grab nicht der letzte Ort ist - sondern dass Gott uns den letzten Ort gibt. Das einzige Wort, das wir dafür haben, ist: Himmel. Eine
himmlische Hoffnung! Niemand kann den letzten Ort vermessen, keine Landkarte und keine Wissenschaft führt hin, keine Erfahrung. Nur die
Hoffnung, nur der Glaube. Aber was heißt hier "nur"?
Sie gingen in das Grab hinein und sahen einen jungen Mann in weißem Gewand sitzen. Da erschraken sie sehr.
Mutig, diese Frauen. Gehen mitten hinein ins Un-Heimliche, in die Grabesgruft, wo nach ihrem Volksglauben die Gespenster hausen. Wer geht da
schon mit, wer hat den Mut, sich konfrontieren zu lassen mit Grab und Tod und Erschrecken! Mittendrin, nicht aus sicherer Entfernung. Nicht vom
Schreibtisch aus! Und der junge Mann in Weiß, immer als Engel gedeutet, nimmt den Schrecken nicht weg, sondern verstärkt ihn noch.
Wenn ein Engel im Spiel ist - so wissen die Frauen -, dann kommt Gott ins Spiel. Dann blühen Überraschungen. Dann wird es spannend!
Denn für den alten gewohnten Gang (tot ist tot) braucht es Gott nicht.
Er aber sagte zu ihnen:"Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten? Er ist auferstanden. Er ist nicht hier!"
"Ihr sucht Jesus," sagt der Engel. Ob sein Beistand -"Erschreckt nicht!" - allen Suchenden und allen Sprachlosen gilt? Allen, die Jesus Christus
und Gott mit ganzem Herzen suchen? Die sich aufmachen - wie die Frauen - und ins Dunkle des Grabes gehen, mit Mut und Einsatz, am frühen
Morgen? Solchen Menschen - als ersten eben den Frauen - wird die österliche Botschaft verkündet und geht in ihnen auf: "Er ist
auferstanden - er ist nicht hier!" Das ist schon alles an Botschaft, kurz und bündig, der Engel ist kein Schwätzer. Kein Wort, wie das
vor sich ging mit der Auferstehung - wie wüssten wir da gerne Bescheid! Keine Erscheinungen des Auferstandenen. Nur zwei Worte auf
griechisch, drei auf deutsch: Christos anestin, Christus ist auferstanden. Ansonsten nur noch ein Auftrag:
Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch
gesagt hat!
Die Osterbotschaft verlangt nicht nur ein offenes Herz, sondern auch bereite Füße und Beine. Die Frauen kommen, und dann sollen sie
wieder gehen - zu den Jüngern - und ihnen sagen: Christus geht euch voraus - nach Galiläa. Viel Bewegung auf einmal! Wer an die
Auferstehung glaubt, gerät in Bewegung: in eine geistige - geistliche Bewegung. Das Selbstverständliche und Statische wird "geknackt"
und aufgebrochen, das so sicher scheinende Wissen über Leben und Tod. Und die körperliche Bewegung kommt dazu: Man muss gehen, hin zu den
anderen. Man muss Jesus zu den anderen bringen - auch und gerade heute! Und zuvor muss man Jesus folgen, hinter ihm her gehen. Damals war
Galiläa das Ziel, wo alles begonnen hatte. Eine Richtung wird uns gewiesen, nicht schon ein genauer Weg gezeigt. Dort - in Galiläa -
werdet ihr ihn sehen, sagt der Engel. Geht, und dann seht ihr auch. Wer nicht geht, sieht wohl auch nichts. Wer aber geht, kommt wieder im
Alltag, im vertrauten Raum, in seinem Galiläa an. Aber wie anders erscheint ihm dieser Raum! Er ist zum Raum göttlichen Wirkens
geworden. Dort - wir werden es in den Ostergeschichten hören - spricht Jesus Menschen beim Namen an, spricht er ihnen Wert zu. Er
führt sie in die Weite und in die Freiheit des Herzens. Er findet den Schlüssel zu verschlossenen Menschen, kommt nahe im Brotbrechen
und im gemeinsamen Mahl. Die Fischer auf dem See ermutigt er, nach dem vergeblichen Fang in der Nacht neu zu beginnen und wieder und wieder
hinauszufahren.
Er lässt uns gehen, und er geht mit. Das ist Auferstehung - sehr kurz gesagt.
Liebe Schwestern und Brüder, lassen Sie nicht zu, dass Auferstehung für viele nur ein unverdauter Begriff aus der
Raritätensammlung merkwürdiger christlicher Lehren ist. Lassen Sie auch nicht zu, dass Ostern nur noch Eier- und Hasenfolklore ist.
Aber lassen Sie in sich Bewegung zu. Auferstehung ist nicht Hocken bleiben, sondern eben: Auf-(er-)stehen. Bewegung des Denkens und des
Glaubens, des Herzens und der Hoffnung. Bewegung nach vorn: hinter Jesus her!
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