Der Weinstock und die Reben
Ruhrwort vom 09.05.2009
"Sie und ich - wir leben auf verschiedenen Ebenen," sagt die Mutter mit dem Kommunionkind und ist davon durchaus nicht abzubringen.
Wahrscheinlich hat sie ja recht. Mit "Sie", groß geschrieben, meint sie unsereins: die Priester und alle, die den Glauben in den Kirchen
verkünden. Das ist so abgehoben, sagt sie. Mir reicht es, dass es Gott gibt. Ich fühle mich mit ihm und mit mir selbst "im Reinen".
Die Gebote Gottes helfen mir dabei. Was brauche ich mehr?
Die Frau ist mutig. Sie hat sich in die "Höhle des Löwen" getraut und die Einladung zu einer Klausurtagung unseres Pastoralteams
angenommen. Fast drei Stunden haben wir, die "von der anderen Ebene", mit ihr diskutiert. Wir wollten mit Menschen sprechen, die nicht zur
Kirche kommen und sich doch als Christen verstehen. Mehrere hatten zugesagt; sie allein ist gekommen.
Im Laufe des Gesprächs wird mir deutlich, was denn die verschiedenen Ebenen ausmacht, oder besser: wer. Es ist Jesus Christus. Er kommt bei
der Frau nicht vor. Sie spricht nur von Gott und von sich selbst und von Moral als Bindeglied zwischen beiden. Unsere Hinweise auf Jesus blockt
sie ab. Christusbeziehung? Brauche ich nicht wirklich. Messe? Kann ich kaum was mit anfangen. Kommunion? Wozu?
Wir gehen etwas ratlos auseinander und sind uns bewusst, dass die Frau nicht für sich allein gesprochen hat, sondern vermutlich für einen
großen Teil getaufter Christen. Ihre Position kann man so beschreiben: Religion - ja, irgendwie schon. Jesus: Eigentlich nicht (eher
überflüssig; die Moral liefert ja "Gott"). Kirche: Gelegentlich, - wie zur Erstkommunion der Tochter - , darf aber nicht ausarten. Und
außerdem ist da diese "andere Ebene", die so fremd ist mit ihrem frommen Gerede.
Frommes Gerede? Diejenigen vorne am Mikrofon und viele in den Kirchbänken betrachten die Beziehung zu Christus als das Herzstück, als
die Mitte ihres Glaubens und auch ihres Lebens. "Getrennt von mir könnt ihr nichts tun. Wer in mir bleibt, der trägt viele Frucht."
Das haben sie erfahren, unterschiedlich sicherlich in Dichte und Form. Den Kommunionkindern in diesen Tagen geben sie diese Erfahrung als
"Freundschaft mit Christus" weiter. Aber dieses Wort ist viel zu blass. Wie lässt es sich ausdrücken, dass dieser Christus einem in
Fleisch und Blut übergeht, dass er im Denken und Fühlen gegenwärtig ist als der Mitgeher auf den oft verschlungenen Lebenswegen?
Als das Gegenüber eines inneren Dialogs und manchmal auch als "Stachel im Fleisch", im hart gewordenen Fleisch der Ablenkung und des
Desinteresses? Ohne ihn, ohne eine lebendige Beziehung zu ihm, versteinert das Christsein, wird zu einer traditionellen Pflichtübung oder
zur Ideologie. Der Rebzweig hat sich dann vom Weinstock entfernt - und verdorrt.
Die Erfahrungen des eigenen Herzens mit Christus sind intim und kostbar. Darum gehören sie nicht auf den Markt - so wenig wie alle anderen
sehr persönlichen Erfahrungen der Liebe und des Glücks. Gleichzeitig aber wollen wir reden, wollen erzählen, was (wer) uns
trägt und hält, wollen und müssen den Glauben bezeugen. Da kommen wir dann oft ins Stammeln! Uns fehlt die angemessene Sprache,
mitunter klingt es wirklich wie formelhaftes "frommes Gerede", in das wir uns hinein flüchten. Die berechtigte Diskretion verwechseln wir
manchmal mit der üblichen Tabuisierung des Glaubens - der ist rein privat, der geht keinen was an. Ein überzeugender geistlicher
Autor, der Journalist Bernhard Meuser, berichtet in seinem schönen Buch über das Gebet, wie er durch die Frage eines Kollegen: "Betest
du eigentlich?" aus einem eher flauen und undeutlichen Glaubensleben herausgerufen wurde. So können wir anderen helfen (und umgekehrt), die
Lebenskräfte des Weinstocks neu zu spüren und eine frische, lebendige Glaubens-Energie wachzurufen. Die "verschiedenen Ebenen" müssen
nicht in ständiger Fremdheit verharren, sie können und werden hoffentlich zueinander finden.
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