Babel und Pfingsten
Lüdenscheider Nachrichten 30.05.2009

Die Bibel erzählt auf den ersten Seiten, wie die Menschen hoch hinaus wollen, auf Augenhöhe mit Gott, und den Turm von Babel bauen.
Aber der stürzt ein, und die Einheit der Menschen stürzt mit. Die Sprache wird verwirrt; die Menschen verstehen einander nicht
mehr.
Die Bibel erzählt auf den letzten Seiten, wie die Apostel zu Pfingsten aus ihrer Rat- und Mutlosigkeit herausgerufen werden. Be-geist-ert
sind sie "Feuer und Flamme" und verkündigen die Frohe Botschaft von Jesus Christus, "und jeder hörte sie in seiner Sprache reden".
Das Verstehen kehrt zurück. Und so entsteht die Kirche - als Ort der Kommunion, der Kommunikation zwischen Gott und den Menschen,
weltweit.
Gestern ist Albert Akohin in Essen zum Priester geweiht worden. Aus seinem Heimatland Togo kennt er die babylonische Sprachenvielfalt - zwanzig
völlig verschiedene Stammessprachen bei nur sechs Millionen Einwohnern! Gut, dass es da Französisch als Brücke gibt! Als er 1994
nach Lüdenscheid kam, lernte er Deutsch. Im Studium übte er sich ein in Latein und Griechisch und mehr noch in die Sprache der
Wissenschaft und der Kirche. "Kirchensprache" ist ja durchaus eine Fremdsprache und Hürde für viele! Als Diakon in der Gemeindearbeit
begegnete er der Sprache der Jugendlichen ("total cool") wie der Alten ("Der liebe Heiland"). Gelegentlich stieß er in unserm Land auf die
Sprache des Hasses ("Ausländer raus!"). Anfangs, als es mit dem Deutschen noch nicht recht klappte, behalf er sich mit Zeichensprache.
Gerade Menschen, die nicht sehr sprachgewandt waren, berührten ihn mit der Sprache des Herzens. So bewegte er sich täglich "in Babel",
zwischen den Welten und zwischen den Sprachen - und so tun wir es alle, mehr oder weniger, und nicht immer reibungslos! Gespräche zwischen
Eltern und ihren heranwachsenden Kindern können sehr "babylonisch" sein.
Aber es gibt auch Pfingsten, Gott sei Dank! Albert war vor zehn Jahren monatelang in Taizé. Tausende von jungen Leuten kamen dort
zusammen, angezogen vom Charisma der ökumenischen Brüdergemeinschaft. In seinem Team arbeiteten Chinesen, Nigerianer, Italiener,
Polen und Iren mit. "Mit dem Mund klappte es nicht immer", erzählte Albert, "aber mit dem Herzen!" Da, wo die Vokabeln fehlen, hat das
Herz seine Möglichkeiten. Das Herz - und Gott, der in das Herz hineinspricht, der seinen Geist schenkt, den Heiligen Geist, und viele Menschen -
Hunderte Millionen auf der ganzen Welt - "in einem Geist" vereinigt. Sie bleiben ganz unterschiedlich, was Rasse, Sprachen, Milieu und Bildung
angeht. Und doch sind sie "vereinbar" und können sich zutiefst verstehen. Hier in Lüdenscheid, wo Menschen aus hundert Nationen wohnen -
und üüberall in Gottes weiter Welt.
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