Medardus
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Katholische Kirchengemeinde St. Joseph und Medardus - Jockuschstraße 12 - 58511 Lüdenscheid - Tel. 02351 / 66400-0

Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts

Predigt vom 18.10.2009


Pfingsten "Bei uns sitzen Sie in der ersten Reihe!" Das ist ein Slogan aus dem Fernsehen. Gemeint ist: Wer sich in den Fernsehsessel fallen lässt und das Programm anschaltet, der sitzt wirklich "in der ersten Reihe". Er bekommt das Programm frei Haus geliefert und hat das Geschehen direkt vor Augen.

"Bei uns sitzen Sie in der ersten Reihe" - damit wird geschickt eine Neigung im Menschen bedient. Jeder möchte schon gern in der ersten Reihe sitzen (außer vielleicht hier in der Kirche - da bleibt die erste Reihe meist ziemlich leer!) Erste Reihe - das heißt: nicht auf "den billigen Plätzen" sitzen, nicht "unter ferner liefen", abgehakt sein, sondern anerkannt. Nicht irgendwer, sondern wer. Ein Wunsch, der auf allen Ebenen vorkommt, schon die Kinder beim Spielen wollen "Erster" sein. Ein Wunsch, der auch in den Jüngern Jesu steckt. Ungeniert fordern Jakobus und Johannes für sich die besten Plätze. Ihre Kollegen sind entsprechend verärgert.

"Bei euch aber soll es nicht so sein", schreibt Jesus deshalb seinen Jüngern ins Stammbuch. Im Reich Gottes und auch in der Kirche soll es deshalb kein Gerangel um die besten Plätze geben. Das urmenschliche Verlangen nach Vorrang und Größe zählt bei Jesus nicht mehr. Er hat anderes im Sinn: dienende Liebe - wenn es sein muss bis zur Selbsthingabe.

Jesus geht konsequent diesen Weg. "Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele. "So sagt er es im Evangelium, und so lebt er auch. Die ersten Christen haben in Jesus den zerschlagenen Knecht wiedererkannt, von dem der Prophet Jesaja in der Lesung spricht. Es ist einer, dem es nicht auf Selbstbehauptung ankommt. Er gibt sein Leben hin. Größe durch Dienen, nach dem Beispiel Jesu - das ist der Kern des Christlichen.

Liebe Schwestern und Brüder,
ich möchte Ihren Blick lenken auf einen Mann, der am vergangenen Sonntag (11.10.2009) in Rom heilig gesprochen wurde. Die Heiligen sind ja wie Modelle, an denen wir den "Kern des Christlichen" ablesen können.

Der Heilige vom letzten Sonntag heißt Daminan de Veuster. Ein Belgier, ein Mann des 19. Jahrhunderts. Als junger Missionar ging er weit weg, bis "ans Ende der Welt", nach Hawaii, das damals noch kein Paradies für Touristen war. 1864 kommt er nach 150 Tagen Schiffsreise in Honululu an. Er ist ein durch und durch praktischer und entschlossener Mensch, zudem ein Dickkopf. Auch mit Dickkopf und Eigensinn kann man also ein Heiliger werden! Seine Begabungen sind vielseitig; er ist ein wahres Allround- Talent: Missionar, Baumeister, Handwerker, Mediziner, Manager - und einer, der für seine Projekte Geld auftreiben kann! 1873 erfährt er von den schlimmen Zuständen auf der Insel Molokai. Da geht keiner freiwillig hin. Eine Teufelsinsel, sagen die Leute. Eine Endstation. Schiffe halten dort nur, um Menschen mit Lepra abzusetzen. Es gibt keine Rückfahrkarten nach Molokai. Die Schiffe setzen dort nur ab, laden nur aus - sie nehmen nicht auf. Es ist wie ein lebendig Begraben-sein. 800 Leprakranke vegetieren dort und sind sich weithin selbst überlassen. Viele sind alkoholabhängig. Es ist das reine Chaos.

Damian de Veuster entscheidet sich für diesen Ort. Genau da geht er hin - im Wissen: es gibt kein Zurück. Anfangs spendet der Priester die Sakramente mit rauchender Pfeife. Anders kann er den Verwesungsgeruch der Lepra-Krankheit nicht aushalten. Er baut auf Molokai ein vorbildliches Gemeinwesen auf, wo nicht mehr nur das Recht des Stärkeren gilt. Zehn Jahre später ist ihm klar: Er hat sich angesteckt. Er ist jetzt selber leprakrank. In Briefen spricht er fortan von "Wir Aussätzigen". Die Weltpresse hat schon längst von ihm erfahren und macht seine bedingungslose Dienstbereitschaft und Solidarität mit den Kranken überall bekannt. 1889 stirbt er unter seinen Leidensgenossen. In Belgien wurde er vor Jahren in einer Fernsehumfrage zum "größten Belgier aller Zeiten" gewählt. Größe durch Dienen - das scheint in Belgien noch begriffen zu werden. Nicht mächtige Könige, Politiker und Wirtschaftsführer, nicht weltbekannte Sportler oder Schauspieler bekamen den Titel - sondern ein Missionar und Krankenpfleger, der schon über 100 Jahre tot war, aber offensichtlich eine stille intensive Langzeitwirkung hatte.

Wer kann heute sicher sagen, wie die Langzeitwirkung Jesu Christi ist, des großen Zeugen Gottes, der sich "ohne Rückfahrkarte", ohne Vorbehalt und bedingungslos auf diese Welt einließ und sein Leben gab für uns? Hier sind wir Christen gefragt: Sind unsere Worte gedeckt durch unser Leben, durch Gottvertrauen und Dienstbereitschaft? Gerade in einer Zeit, in der viele soziale Sicherungen bröckeln und sich auflösen, der einzelne Mensch immer mehr auf sich selbst zurückgeworfen ist und oft ein kaltes Kosten-Nutzen-Rechnen regiert? Da hat die Kirche ein echtes Alternativprogamm: Dienen. "Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts", hat der französische Bischof Jacques Gaillot einmal gesagt. Und der kann das glaubwürdig sagen, denn er kümmert sich hingebungsvoll um die Obdachlosen und Ausländer in Paris und um die vielen, die keine Papiere haben und damit keinerlei Rechte. Eine Kirche und eine Christenheit, die nicht dient, dient zu nichts. Sie hat ihren Auftrag verpasst. In einer Kirche aber, die dient, ist Jesus Christus lebendig!

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