Medardus
Eine Gemeinde der
Pfarrei St. Medardus

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Katholische Kirchengemeinde St. Joseph und Medardus - Jockuschstraße 12 - 58511 Lüdenscheid - Tel. 02351 / 66400-0

Kirche Bruegge100 Jahre Heilige Messe in Brügge

Predigt 08. November 2009


"Small is beautiful." So hat man vor Jahren gesagt, und es stimmt immer noch. Small is be-autiful. Klein ist schön. Das war wie ein Protest, ein Einspruch gegen die Großmannsssucht, gegen das "Immer größer, immer mehr, immer höher hinaus", das die Wirtschaft und den Menschen dahinter offensichtlich kaputt macht. "Klein", d.h. überschaubar, vor Ort, men-schlich noch gut fassbar - und das ist gar nicht so schlecht. Klein - das kann wirklich schön sein!

In Brügge weiß man das. Man muss es Ihnen eigentlich nicht sagen. Die Gemeinde St. Pau-lus war immer klein. Sie ist mit Abstand die kleinste Gemeinde in der Pfarrei. Aber was heißt schon klein, und was heißt schon groß? Entscheidend für eine Gemeinde ist, dass der Glaube gelebt wird, und wie er gelebt wird - hoffentlich auch heute mit Freude und Zuversicht! Mit der Zuversicht, dass an Jesus Christus zu glauben höchst sinnvoll und bereichernd ist. Wir sollten uns niemals dem Gefühl überlassen und der Klage und dem Jammer, dass alles "den Bach heruntergeht" und wir keine Zukunft haben. Wenn wir das glauben, haben wir wirklich keine Zukunft! Mit Freude und mit Phantasie wollen wir als Christen zusammenkommen, unsere Erfahrungen miteinander teilen und das tun, was wir tun können - nicht mehr, und nicht weniger.

Vorgestern, am Freitagabend, haben wir hier in der Kirche einen "Liturgischen Abend" gehalten. Wir waren nicht allzu viele, so zwischen 30 und 40 aus der ganzen Pfarrei, und auch etliche Brügger waren dabei. Wir haben zusammen gebetet und gesungen, und in drei Gesprächsrunden haben wir uns anregen lassen und ausgetauscht darüber, wie der Hl. Geist, der Geist Gottes in unserer Mitte wirken kann, was er uns gibt, und was er von uns fordert. Zwei oder drei in seinem Namen, 30 oder 40: Small is beautiful, auch klein ist schön, wenn wir nur Freude und Zuversicht ausstrahlen, wenn der "richtige Geist" uns vereint. In der Diaspora - und fast ganz Deutschland ist heute Diaspora! - können 30 oder 40 eine schöp-ferische, lebendige Minderheit sein, die manches bewegt: das Salz der Erde, das Salz in der Suppe, in der oft so faden Suppe dieser Welt. So sind wir jedenfalls gedacht.

Klein ist schön und kann eine große Verheißung in sich tragen, ein großes Potential an Wachstum. Klein und sehr bescheiden waren z.B. die Anfänge der katholischen Kirche hier in Brügge, an die wir heute - an diesem Festtag - erinnern. Ihr Gemeindemitglied Theo Rademacher hat in seiner Gemeindechronik sehr lebendig beschrieben, was vor hundert Jahren geschah. Ich will seinem Vortrag heute Nachmittag nicht vorgreifen, aber die Umstände der ersten heiligen Messe am 7. November 1909 andeuten. Sie fand statt im Saal eines Wirtshauses, im Lindenhof. Stellen Sie sich das vor: Ansonsten wird dort getanzt und getrunken, eine Zeitzeugin schreibt: " Auf den Tischen standen noch die ungespülten Biergläser, und der ganze Saal sah wenig würdig aus für einen Gottesdienst…" Aber dort und so geht es los, sozusagen zwischen ungespülten Biergläsern, arm, armselig, so wie man es von der Diaspora her kennt. In der Chronik findet sich der schöne Satz: "Aber vielleicht kam der Hei-land unter diesen Umständen umso lieber zu den Brüggern." - zu den 95 Menschen, die diese erste heilige Messe mitfeierten. Es ist ja der Heiland, der in einem Stall zur Welt kam und mit Palästen nichts zu tun hatte - der Heiland an den Hecken und Zäunen, der Heiland auf der Straße, der Heiland mitten unter den Menschen, mitten im Alltag, mitten in der Welt. Er kommt in einem Tanz- und Wirtshaussaal wieder in die Brügger Welt.

Der Heiland mitten im Alltag. Danach ist auch das Evangelium (Mk 12, 41- 44). Eine Alltags-beobachtung Jesu im Tempel. Und wieder wird das Kleine gepriesen und als schön empfunden. Jesus sitzt im Tempel und beobachtet den Opferstock. Die Reichen kommen und geben viel hinein. Aber das Lob Jesu gilt nicht ihnen, sondern einer armen Witwe, die - sagen wir - 20 Cent hineinwirft. Sie gibt nicht aus dem Überfluss- so wie die anderen -; bei ihr geht es wirklich ans Eingemachte. Sie gibt etwas von ihrem Leben. So ist auch die kleinste Gabe wertvoll. Auch der kleinste Dienst um der anderen willen hat einen Wert. Auch die beschei-denste Fähigkeit, die jemand einbringt, zählt in den Augen Gottes.

Und dann die andere Witwe, aus der Lesung, die Witwe von Sarepta. Es herrscht Dürre im Land, eine Hungersnot plagt die Menschen, als der Prophet Elija in die Stadt kommt. Eine Witwe ist dabei, eine letzte Mahlzeit aus den allerletzten Resten zu bereiten, bevor sie sich in den Hungertod fügt. Von dem ganz Wenigen, das sie hat, gibt sie dem Elija zu essen. Sie teilt, was sie hat - und es reicht für viele Tage: Der Mehltopf und der Ölkrug werden nicht leer. Das heißt in der Sprache der Bibel: Göttlicher Segen liegt auf solchem Verhalten. Wer so hingibt, der empfängt. Wer wird da nicht an Jesus Christus denken, der sich selber hinge-geben hat in den Tod am Kreuz und so das Leben empfängt in der Auferstehung?

Ich bewundere diese beiden Witwen aus der Bibel. Was bewegt Menschen dazu, buchstäblich das letzte Hemd für andere zu opfern? Was für eine unerhörte Freiheit! Was für ein großes Vertrauen - so loslassen und hingeben zu können! Vielleicht ist das der tiefste Grund, warum "small beautiful und klein schön ist": die Kleinen und die Armen sind viel dichter dran am Vertrauen. Die Großen und Starken und Reichen reden vielleicht auch vom Vertrauen, aber in Wirklichkeit stützen sie sich zumeist auf die eigene Kraft und Bedeutung und Leistung. Sie "kriegen das selber hin"; sie vertrauen mehr "auf dem Papier". Vielleicht ist das ein Wink Gottes, dass die Kirche von heute nicht mehr wirklich - wie früher - zu den Großen und Starken zählt, sondern in die Kleinheit und Armut und Armseligkeit gedrängt wird. Es wird mehr und mehr eine Kirche des Mangels: arm an Geld, arm an Mitteln, bedrückend arm an Priestern. Auch arm an Gläubigen. Gott dürfte sich die Ohren zuhalten, wenn wir darüber nur jammern und klagen und alles mit früher vergleichen. Jede Zeit, auch die jetzige, ist Gottes Zeit, ist uns zugedacht als eine Herausforderung. Der Mangel fordert uns heraus, fester zu-sammenzustehen, neue Wege auszuprobieren und vor allem: im Vertrauen auf Gott und in der Hoffnung zu wachsen. "Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir" - das Psalmwort steht nicht nur für Beerdigungen! Wir erleben hautnah die Tiefe, den Mangel, die Krise. Aber aus dem tiefen Loch können wir aufblicken und rufen, zum Herrn hin mit ganzem Herzen rufen - und das wird uns verändern! So können wir in Brügge und allerorten in der heutigen Diaspora - zu dreißig oder vierzig - eine bewegliche, tatkräftige, zuversichtliche Minderheit sein, die sich nicht am Vergangenen festkrallt, an der "guten alten Zeit", sondern mutig Schritte geht ins Weite, auch ins Neuland, in die Zukunft Gottes.

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