Medardus
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Traum der Magier

MagierAuferstehungsmesse für Heinz-Wilhelm Brauckmann am 07.07.2010


Dieses Bild hing über dem Krankenbett, über dem Sterbebett von Heinz-Wilhelm Brauckmann. Ich dachte: Das ist kein Zufall. Er ist mit drin in diesem Bild mit dem Titel "Traum der Magier", einem mittelalterlichen Kapitell in der Kathedrale von Autun, in Burgund, ganz in der Nähe von Taizé. Dem Bild der drei Könige, die von einem Engel geweckt und berührt werden. Damit sie aufbrechen. Damit sie dem Stern folgen. Damit sie eine Richtung haben für ihr Leben.
Die drei Könige "stecken unter einer Decke". Ein starkes Bild der Gemeinsamkeit, der Gemeinschaft. Heinz-Wilhelm steckte mit vielen "unter einer Decke". Immer suchte er den Ausgleich, das Verbindende. Er hatte ein klares Profil mit deutlichen Konturen, auch mit Ecken und Kanten. Und er war doch ein Brückenbauer, der die Gräben und Grabenkämpfe nicht liebte, der mit großer Besonnenheit auf den Konsens bedacht war. "Unter einer Decke": in der Familie und im Freundeskreis, im Lehrerkollegium der Theodor-Heuss-Realschule, im Herzsportverein, im Pfarrgemeinderat (35 Jahre lang!), in der Kolpingsfamilie. Er liebte solche "Decken", solche Felder gemeinsamen Lebens, liebte die Wärme und Geborgenheit unter der Decke. Und er gab dorthinein seine ganze Kraft, bis in die letzten Tage seines Lebens. Er machte keine halben Sachen - wenn, dann richtig, bis zum Schluss! Viele haben die Energie bewundert, mit der er trotz der schweren Krankheit, die ihn lange acht Jahre heimsuchte, noch schrieb und organisierte und Vorträge ausarbeitete und an vieles und an viele dachte: ein unermüdlicher Geber! Einer, der der Verantwortung niemals auswich. Einer, der mit an den "Decken" webte und seine Fäden - oft genug den "roten Faden" - mit hinein gab.

Noch mal zum Bild. Die drei unter der Decke ruhen. Zwei schlafen, aber einer hat schon die Augen auf. Einer ist wach, ist "aufgeweckt".
Heinz-Wilhelm war "aufgeweckt", lebte mit offenen Augen, mit offenen Sinnen. Und was er sah, bedachte er. Er war kein schneller Mensch: bedachtsam, gründlich, tief-gründig. Er brauchte seine Zeit, und er bewahrte, wie es von Maria heißt, "alles in seinem Herzen". Geschwätz war nichts für ihn. Die Oberfläche reizte ihn nicht. Das Wesentliche zog ihn an.

Mensch, werde wesentlich - denn wenn die Zeit vergeht,
dann fällt der Zufall weg - das Wesen, das besteht,

dichtete Angelus Silesius und hatte wohl Menschen wie ihn vor Augen. Der "Zufall" fällt weg, das, was nur tagesaktuell ist, modisch, was uns jetzt aufregt, aber wovon in zwei Monaten keiner mehr spricht. Aber es bleibt das Wesentliche - ich darf wieder zitieren - "das für die Augen unsichtbar ist". Dafür hatte Heinz-Wilhelm eine Antenne, dafür war er höchst empfänglich und berührbar.

In unserem Bild aus Autun eilt ein Engel herbei. Er drängt und lässt doch alle Frei-heit. Seine Berührung ist vorsichtig und zart. Er berührt den wachen König mit den offenen Augen ganz sachte und weist mit der anderen Hand auf den Stern. Das ist die Richtung des Aufbruchs: dem Stern zu folgen!
Das Wesentliche. Die Lebensrichtung. Der Stern mit seiner Leuchtkraft. Für Heinz-Wilhelm war das alles der Glaube von uns Christen, der Glaube der Kirche, der Glaube an den dreifaltigen Gott. Der Vater, dem er vertraute und zu dem er betete. Der Sohn, dem nachzufolgen er sich bemühte. Der Heilige Geist, der ihn belebte und ihm Kraft und Mut und Phantasie gab. Im Raum dieses Glaubens, unter dieser allergrößten und allerwärmsten "Decke", lebte Heinz-Wilhelm - gehalten und geborgen, vertrauensvoll, dankbar - aber nicht unangefochten, sondern mit Fragen und Ängsten. Er hatte eine große Freude am Leben, eine wirkliche Lebenslust, und Angst vor dem Sterben und dem Tod. Er tat sich schwer, das Leben loszulassen. Er war ein Mensch und wollte nichts anderes sein - ein Kind Gottes. Ich stelle mir vor, ganz wie im Bild, dass am Ende ein Engel gekommen ist und ihn sacht berührt hat und ihn mitgenommen hat in die große Weite, von der der Psalm und das Wort auf der Todesanzeige spricht:

Du führst mich hinaus ins Weite.
Du machst meine Finsternis hell!

Im Übrigen scheint es mir, dass Heinz-Wilhelm Brauckmann oft genug die Rolle des Engels in unserem Bild aus Autun übernommen hat. Das sachte und behutsame Anrühren und Aufmerksam-Machen und manchmal auch "Aufwecken" anderer - die hinweisende Hand mit dem großen Zeigefinger, Richtung Stern - das ist sozusagen die charakteristische Handbewegung oder besser Lebensbewegung von Heinz-Wilhelm gewesen. Als er seinen 70. Geburtstag feierte, habe ich ihm geschrieben, dass auch Priester vor Ort einen Seelsorger oder mehrere brauchen - Laien meist, die im Glauben wach und aufmerksam und anrührend und anregend sind - und dass er so einer für mich sei. Das ist er für mich geblieben: eine Art Seelsorger bis in seinen Tod hinein. Und für andere war er der Lehrer durch und durch, der Lehrer "mit Leib und Seele", - ein Wegweiser, ein Wegbegleiter, ein Mensch mit starkem Richtungssinn - hin zum Wesentlichen. Hin zum Stern. Hin zu Gott.

Das letzte Wort soll Heinz-Wilhelm selber haben. Für ein Gebetbuch, das hier im Herbst erscheint, hat er noch im Mai ein Gebet benannt, das ihm ganz wichtig war - wir werden es gleich als Fürbitte sprechen: "Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens.." - und einige Gedanken hinzugefügt, u.a. diese:
"Zu begreifen, dass mein Lehrmeister Gott mich als Werkzeug seines Friedens, als Helfer und Mitarbeiter an der Vollendung der Schöpfung gedacht hat, macht mich froh. Wir müssen uns nicht überfordern. Wer sich in seiner Hilfsbereitschaft überlastet, wer nicht das rechte Maß findet, zu geben und zu empfangen, liegt schnell auf dem Bauch. Wir können keinen Weltfrieden herbeiführen, aber in unserem Lebensbereich häufig Frieden stiften. Den eigenen Fähigkeiten und der persönlichen Kraft entsprechend sollten wir uns einbringen. Und wenn wir damit mutig beginnen, wird uns klar, wie viel wir zu bewirken vermögen, wie viel Freude es macht zu helfen und wie viel wir zurückgeschenkt bekommen. Das ist die Lebenserfahrung eines über Achtzigjährigen!"

Danken wir Gott für dieses reich erfüllte Leben und machen uns in dem Gebet des Franz von Assisi dessen Sicht zu eigen, Werkzeuge des göttlichen Friedens zu werden.



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