Medardus
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Pfarrei St. Medardus

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Katholische Kirchengemeinde St. Joseph und Medardus - Jockuschstraße 12 - 58511 Lüdenscheid - Tel. 02351 / 66400-0

WeinbergGlauben

Predigt am 08.08.2010


"Was glaubst Du, wie viele Tonnen Krabben sind da auf dem Kutter drauf", wurde ich bei meinem Urlaub an der Nordsee gefragt. "Ich glaube da gar nichts, - aber ich vermute…" habe ich geantwortet. Ich habe einen großen Respekt vor dem Wort "glauben", und darum möchte ich es doch gerne reserviert sehen für die Religion, für Gott. Was ich nicht sicher weiß, das ist doch nicht "glauben", sondern vermuten, ahnen, einschätzen - eine bloße Meinung.

Glauben ist ein Tuwort. Ganz deutlich wird das bei dem Vater des Glaubens, bei Abraham. Drei Religionen schauen auf ihn: Juden, Christen und Muslime. "Was wir unter dem Tuwort Glauben verstehen, das haben wir von ihm," so sagen alle drei. Und das ist nicht bloß ein paar Überzeugungen im Kopf haben, sondern: aufbrechen, auf Gott vertrauen mit seinem ganzen Herzen, in die Dunkelheit hineingehen. Es gibt viele Bilder von Abraham, er hat auch die Künstler angesprochen. Ich habe eins vor Augen: Ein weiter, leerer Raum, die Wüste. Ein hoher Himmel, nachtschwarz. Und ganz unten ein kleiner Mensch. Er bewegt sich, er geht, er ist losgezogen in diesen weiten Raum hinein. Gibt es einen Kompass für den Weg? "Kompass ist das Gotteswort", heißt es in einem Lied. Auf dem Bild ist ein Lichtpunkt am Himmel zu sehen. Abraham hat keine Landkarten und Wegweiser, er lässt sich vom Wort Gottes ziehen und locken. Gott hat zu ihm, dem schon alten, kinderlosen Mann gesagt: "Brich auf. Zieh los. Ich werde dir Neuland zeigen. Du wirst Nachkommen haben, Vater eines Volkes wirst du sein. Und vor allem: Du wirst ein Segen sein!" Abraham verhandelt nicht, setzt nichts dagegen. Er vertraut Gott und zieht los. Das hat damals keiner sonst so erfahren. Gott war für alle anderen im Himmel der Garant einer festen Ordnung. Man unterwarf sich ihm, so wie man sich einem König oder einer Verfassung unterwirft. Aber das Vertrauen in Gott - dass er für mich eine Absicht und ein Wort hat, nicht wie ein Weltgesetz, sondern wie ein Vater -, das war noch nicht geboren. Es ist in Abraham entstanden. In ihm kommt es zur Welt. Darum ist er der Vater des Glaubens, des Gottvertrauens.

"Im Glauben gehorchte Abraham, … und er zog weg, ohne zu wissen, wohin es ging." Ich bin mit diesem Wort aus der Lesung besonders verbunden. Unser Weihekurs hat diesen Satz bei der Priesterweihe 1975 zum Leitwort, zum Motto-Wort aus-gewählt. Das ist schon ein bisschen her. Hätten wir heute die Wahl - würden wir ihn wieder wählen? Passt er noch? Ich denke, er passt mehr denn je!

Er passt zum Lebensgefühl eines Priesters, eines Christen heute. Der Raum ist noch weiter geworden und das Firmament nicht heller. Die Wüste ist nicht geschrumpft. Die Ratlosigkeit ist gewachsen - über den weiteren Weg der Kirche und der Gesellschaft im Ganzen. "Fürchte dich nicht, du kleine Herde", heißt es im heutigen Evangelium. Wo geht es hin mit der kleinen Herde? Immer mehr stoßen wir an Grenzen, leben wir mit Grenzen, leben wir mit Fragen. Das ist unbequem. Die Wüste ist kein bequemer Ort. Aber es ist näher am Glauben des Abraham, als sozusagen gemütlich und bequem in "heilen Welten" zu sitzen.

In einer solchen Lage wird der Lichtpunkt am Himmel immer wichtiger. In dieser un-übersichtlichen, widerständigen, sperrigen Welt gilt es die Lichtpunkte zu entdecken. Sie stehen nicht am Himmel, wie die Sterne. Sie sind mitten im Leben. Manchmal überlagert und verborgen. In der Unruhe und Unrast der Tage oft wie verschüttet. "Sie sind in unser Herz geschrieben", weiß die Bibel. In den ruhigen Tagen der Ferien erleben und sehen wir sie vielleicht deutlicher - die Lichtpunkte, die Anknüpfungspunkte für Gott. Momente der Zuversicht, der Liebe und des Glücks. Erfahrungen der Stille, des Ganz-bei-sich-Seins, nicht hin- und hergezogen. Das große Einverständnis mit dem Leben. Das Gespür: Ja, es hat Sinn. Manchmal sogar das Gespür, wie erlöst zu sein - von den Zwängen, von den Anspannungen und Ängsten. Eine tiefe Ruhe inmitten der Wüste, mitten in der unruhigen Welt.

Und der Kompass des Abraham? Gott sprach direkt zu ihm, in sein Herz hinein. Wir haben als Kompass das Evangelium. Wenn wir es be-herz-igen, ins Herz lassen und danach zu leben versuchen, dann leuchtet Gott in uns.

Auf der Insel Pellworm, wo ich in Ferien war, ist das markanteste Gebäude ein Leuchtturm. Sein Licht ist spät abends auf der ganzen Insel zu sehen und selbst auf dem Festland. Wie wichtig sind die Leuchttürme für die Schiffer auf dem Meer geworden! Sie geben Orientierung. Sie sagen: Hierhin, oder dorthin.

Die kleine Herde - sie kann noch so klein sein - wird zum Leuchtturm, wenn sie das Evangelium beherzigt. In Pellworm, in der Diaspora der Nordsee, versammelten sich in der kleinen Kirche sonntags rund fünfzig Gläubige, fast alle Urlauber. Eine kleine Herde! Aber sie sangen so kräftig mit und waren so dabei. Gott allein weiß, was das Evangelium mit den Menschen machen kann, wie es uns verändern kann, wie es eine Leuchtkraft bekommt im Leben der Menschen. In der dortigen Kirche liegt ein Gästebuch aus, und viele Besucher schreiben etwas hinein. Da kann man dann manchmal so etwas wie ein "Echo des Evangeliums" lesen, wenn Leute schreiben, wie sie gestärkt und getröstet sind auf den Wegen des Glaubens.

Fürchte dich nicht, du kleine Herde. Der weltweit bekannte Erzbischof Dom Helder Camara aus Brasilien, der ganz in Tuchfühlung mit den Armen lebte, hat oft von den "abrahamitischen Minderheiten" gesprochen. Er meinte damit: Nicht die großen Mehrheiten bewegen die Welt. Das, was alle denken und tun, führt meist nicht weiter. Immer wieder braucht es Minderheiten, die etwas in Erinnerung bringen, was sonst vergessen und verdrängt würde. Es sind meist kritische, nachdenkliche Leute, die sagen: So geht es nicht weiter. Und darum fangen wir an, anders zu leben! Minderheiten bewegen die Welt, bringen sie weiter und leben neue Wege. Vielleicht ist Abraham auch ihr Vater - mögen sie nun bewusst gläubig sein oder nicht. Abraham, der aufbrach in die Wüste, in die Fremde, ins Neuland, wo noch keiner war. Abraham mit seiner unglaublichen Zuversicht und Hoffnung. Abraham, der Vater des Glaubens. Ein Leuchtturm durch die Zeiten und Religionen. Und wir, seine Söhne und Töchter!




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