Mariä Himmelfahrt
Predigt am 15.08.2010
Maria Himmelfahrt - warum feiert die Kirche dieses Fest? Wie kommt ein Papst Pius XII darauf, 1950 - ein paar Jahre
nach dem fürchterlichen Zweiten Weltkrieg - das neue Dogma zu verkünden: Maria, mit Leib und Seele in den
Himmel aufgenommen. Die Leute waren damals mit dem Wiederaufbau beschäftigt - hatten sie nicht andere Sorgen?
Meine Antwort: In dem Fest geht es um die Würde des Menschen, geht es um das christliche Bild vom Menschen. Weil
es immer wieder um diese Würde geht, verteidigt die Kirche z.B. unermüdlich das ungeborene Leben, oder sie
setzt sich für die Heiligung des Sonntags ein. Der Sonntag zeigt uns, dass wir nicht nur zum Arbeiten und Produzieren
und Kaufen und Konsumieren da sind. Die Feste der Kirche und gerade auch dieses Fest sagen uns: Es muss doch mehr als alles
das geben, mehr als volle Kühlschränke und Profit und Fernsehunterhaltung. Mehr als alles, was uns so ganz
alltäglich in Beschlag nimmt! Nicht kleinlich, sondern ganz groß soll vom Menschen gesprochen werden. Der Glaube
hat eine Vision vom Menschen, eine große und reiche Sicht: Niemals darf der Mensch entwertet werden, niemals
ausgegrenzt, ausgemustert, zum "alten Eisen" gerechnet werden. Die Gesellschaft und Wirtschaft denkt oft sehr eng von der
Würde des Menschen. Der Marktwert und soziale Nutzwert steht im Vordergrund. Hast du was, bist du was. Hast du nichts,
bist du nichts! Und die Vision des Glaubens? Jeder Mensch ist Kind Gottes, Schöpfung Gottes! Jeder Mensch ist mehr
als seine Leistung und Arbeitskraft. Jeder Mensch ist zur Ewigkeit berufen. Wir alle, gerade auch die Armen dieser Welt,
sind für den Himmel bestimmt. "Der Himmel geht über allen auf" - über dem ganzen Menschen mit Haut und Haar,
mit Leib und Seele. Wir alle sollen in den Himmel "fahren" - in die Umarmungen Gottes, in seine Liebe hinein. Wir alle sollen
befreit werden von der Last unseres Schmalspurlebens, von der Last der inneren und äußeren Armut - und von der Last
unserer dunklen Abgründe. Der Traum vom Heil-Sein und Ganz-Sein, mit dem wir Menschen hier immer wieder scheitern und
unsere Bruchlandungen machen - er kann in Erfüllung gehen! Das Heil-Sein ist nicht unser Werk, es ist Geschenk und
Gnade Gottes. Die Erfüllung - das ist der Himmel!
Als Pius XII. 1950 das Dogma von der Aufnahme Mariens in den Himmel verkündigte, gab es einen wirklichen Bedarf für
die christliche Vision vom Menschen. Hitler und die Nazis genauso wie Stalin und die Kommunisten hatten die Würde des
Menschen so in den Dreck gezogen wie wohl noch nie in der Geschichte. Die Juden und andere waren zu "Untermenschen" erklärt
und weithin ausgerottet worden. Millionen andere: gedemütigt, hin- und hergeschoben, auf der Flucht, aus der Heimat
vertrieben, vergewaltigt, ausgebombt, in Zwangsarbeit, in Lagern, in Haft, verstümmelt, seelisch verwundet, wie Tiere
behandelt, wie Material, wie eine Sache - das war die Erfahrung sehr vieler Leute. Würde des Menschen? Zerstört,
geschunden!
Die Kirche hat sich damit nicht abgefunden und 1950 - zumindest "symbolisch" - ein Bild der Hoffnung dagegengesetzt. Maria, eine
einfache, unbekannte Frau, eine "niedrige Magd" aus dem jüdischen Volk, eine für alle - wird ins Paradies gerufen, in
die Herrlichkeit Gottes, in die Vollendung, in den Himmel. Wird dort aufgenommen mit Leib und Seele, mit Haut und Haar, mit ihrem
ganzen Leben, mit allen Erfahrun-gen, mit ihren Freuden und Sorgen, mit allem, was in ihr unerlöst und unvollendet und
bruchstückhaft war. Alles geht mit, nichts wird wie ein Arbeitskittel nach voll-brachter Arbeit abgelegt - weil alles,
Freude und Leid, unser Leben ist und zu uns gehört, uns ausmacht. Die Kirche spricht von der Auferstehung des Leibes, des
ganzen Menschen, und meint damit: Nicht nur eine sozusagen "nackte" Seele tritt hin vor Gott und ist in ihm geborgen. Ein Mensch
tritt hin vor Gott - mit allem, was zu ihm gehört: eine Person mit allen Versuchen zu lieben und mit allen Erfahrungen der
Schuld und des Scheiterns, eine Person, die Vater oder Mutter, Sohn oder Tochter ist, eine Person, die ihre Welt mitbringt. Ich
bringe meine Gemeinde mit und die Großmutter ihre Kinder und Enkel und der Lehrer seine Generationen von Schülern. Das
ist unsere jeweilige Welt, die unser Leben ausmacht, und dafür steht das Wort "Leib", mit dem wir in unserer Welt vorkommen
und handeln. Es geht um den ganzen Menschen, der bei Gott ankommt.
Maria ist als erste angekommen, als erste von uns allen. Früher hat man sie vor allem in ihrer Einzigartigkeit gesehen, hat das
Besondere und Einmalige und den Abstand zu uns betont. Sie war die "Königin".Heute spricht man mehr von dem Gemeinsamen. Man
nennt sie "Schwester", Schwester im Glauben und sieht sie als Leitbild - als Bild, Vorbild, das uns leitet und anleitet.
Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht kennen Sie die Bankreklame
Wir machen den Weg frei. Jesus Christus hat den Weg zu
Gott, den Weg in den Himmel frei gemacht - durch seinen Tod und seine Auferstehung. Maria ist als erste auf diesem Weg gegangen.
Als erste von uns allen! Wir dürfen ihr folgen: Darum lassen Sie uns Mariä Himmelfahrt feiern, mit Freude und Hoffnung
feiern, denn "der Mächtige tut Großes an uns - er hebt die Menschen aus dem Staub - er schenkt uns große Würde,
er erhebt unseren Blick und unser Leben nach "oben" - hin zu ihm - in seine Herrlichkeit." Er hat so an Maria gehandelt - er wird so
an uns tun.
Am 14. August jährt sich der Todestag von Maria-Christine Zauzich und Horst Sauer.
Maria-Christine Zauzich hat ihre Gedanken zum Fest Mariä Himmelfahrt am 15. August 2004 - also vor 6 Jahren - in ihrer Ansprache
so formuliert:
Ich freue mich, heute wieder hier stehen zu dürfen - am Fest Mariä Himmelfahrt, oder richtiger: "Fest der Aufnahme Mariens
in den Himmel". Aufnahme mit Leib und Seele! Unsere Stipendiaten von Samenkorn werden am frühen Morgen einen Blumenteppich legen,
über den dann, begleitet von Böllern, Knallern, Weihrauch und Blasmusik eine Marienstatue durch die Straßen getragen
wird - Maria Himmelfahrt ist auch das Patronatsfest der Hauptstadt Guatemalas.
Um ehrlich zu sein: Die Mutter Gottes meiner Kindheit ist mir mit dem Erwachsenwerden abhanden gekommen - jene liebe Muttergottes der
Maiandachten und Maialtäre, die wir Geschwister zuhause mit duftenden Maiglöckchen schmückten - die Muttergottes der
Rosenkränze, die wir in Notzeiten gemeinsam beteten - die Jungfrau und Himmelskönigin, die Ideale verkörperte, hinter
denen man als junger Mensch meilenweit zurück blieb. So wurde sie irgendwann für meinen Glauben ziemlich unwichtig.
Als ich dann nach Lateinamerika kam, war die Mutter Gottes auf einmal wieder da - sehr präsent in der Volksfrömmigkeit, etwa
in den Prozessionen. Unvergesslich z.B. die Marienfigur in der Karwoche: In der Karfreitagsprozession wurde kurz vor Mitternacht erst der
beleuchtete Sarg mit dem toten Jesus vorbeigetragen. Es hatte plötz-lich geregnet, es war kalt, die Leute warteten schon seit Stunden.
Dann tauchte aus dem Dunkel das Podest der schmerzensreichen Muttergottes auf - es wurde von etwa hundert Frauen auf den Schultern
getragen. Die Frauen zogen unbeirrt und schwankend unter der Last vorbei. Sie waren völlig durchnässt, die Kleider klebten
ihnen auf der Haut, viele Gesichter waren von Anstrengung und Schmerz gezeichnet - so ein Podest zu tragen ist schwerste körperliche
Arbeit. Diese Frauen verkörperten die Solidarität mit der Mutter Maria, die bis zum Schluss, bis unters Kreuz bei Jesus ausharrte.
Maria ging mir auf als eine Frau, die leidet - wie so viele Frauen in Guatemala, die ihre verschwundenen Männer oder Söhne
betrauern - die in den Elendsvierteln mit ihren Kindern überleben müssen, oft ohne Arbeit, oft verlassen vom trunksüchtigen
Mann. In aller Morgenfrühe schleppen sie schwere Körbe mit Obst und Kartoffeln auf die Märkte, schleppen Brennholz, schleppen
schwere Kanister mit Wasser. Ich war tief beeindruckt von der symbolischen Kraft der Prozessionsszene, von den Frauen, die unter der Last
wankten und mit Maria dem Gekreuzigten folgten.
Warum ist uns Maria hier in Deutschland oft so fremd geworden? Vielleicht liegt es auch daran, dass sie scheinbar wenig mit unserem Leben,
mit unserem Alltag, auch wenig mit dem modernen Ideal einer emanzipierten, selbstbewussten Frau zu tun hat. Aber um Jesus kennen zu lernen,
müssten wir uns eigentlich zuerst Maria nä-hern. Was lässt sich über sie sagen? Wohl dies: ein Dorfmädchen, aus
einfacher Familie. Verliebt in einen Schreiner und Häuserbauer. Sie versteht zunächst nicht, was Gott von ihr will - und sagt
doch Ja zu Gott, glaubend, vertrauend, ohne zu wis-sen, was sie damit auf sich nimmt. Sie sagt: "Mir geschehe nach deinem Wort." Sie sagt:
Es möge so werden, wie du, Gott, es willst.
Unter erbärmlichen Bedingungen bringt sie ihr Kind zur Welt. Man sagt ihr voraus, dass sie mit diesem Kind noch viel zu leiden hat. Sie
flüchtet vor Herodes, wird Asy-lantin in Ägypten, muss dann später zusehen, wie Jesus schon mit zwölf Jahren eigene Wege
geht, als er im Tempel mit den damaligen Professoren diskutiert. Die folgenden Jahre und Jahrzehnte können wir kaum ahnen - vermutlich
wird Maria Witwe. Als Jesus sein öffentliches Wirken beginnt, ist Maria hin und wieder dabei, etwa bei der Hochzeit von Kana. Dort
drängt sie Jesus, zu zeigen, dass seine Stunde gekommen ist - er soll zeigen und deutlich machen, wer er ist. Er weist sie schroff
zurück, vollbringt dann aber doch sein erstes Zeichen und Wunder, das uns bis heute erfreut - weil Wasser in Wein verwandelt wird, in
den Wein der Freude und der Fülle, damit das Fest, die Hochzeit nicht jäh zu Ende geht.
Maria ist dann immer wieder dabei, in guten und in bösen Stunden. Sie sieht, wie die Drohungen zunehmen, wie Jesus sich ständig mehr
in Gefahr bringt, bis es zur Katastrophe kommt - am Kreuz. In dem umstrittenen Film von der Passion Jesu hat mich sehr die Person Mariens und
der anderen Frauen beeindruckt, ihre schweigsame Gegenwart, ihr Aushalten bis zum Ende.
Maria ist alles andere als eine süßliche, blutleere Gestalt. Sie ist eine starke Frau, eine höchst bemerkenswerte Frau - so wie
auch heute viele Frauen in aller Welt, die keine Schlagzeilen machen, die arm sind und nicht beachtet werden, aber die mit großer innerer
Stärke durchhalten, und die deshalb Verehrung und Bewunderung verdienen.
Maria als starke Frau ist in den letzten dreißig Jahren vor allem in Lateinamerika wieder entdeckt worden. Sie, die Arme, die "niedrige
Magd", die Unbekannte, die Gott erwählt hat, damit sein Sohn Mensch werden kann. Gottes Wahl fiel auf Maria. In der Kirche Lateinamerikas
spricht man von der "Option für die Armen" - von der vorrangigen Entscheidung für die Armen. In Maria bekommt diese Option ein Gesicht.
Es ist die Maria, die im Evangelium das Magnificat singt. Man muss sich diese Szene einmal vor Augen führen und die Worte in unserer
heutigen Sprache zusammenfassen:
Jung und schwanger, macht Maria sich auf einen mühseligen Fußmarsch zu ihrer Kusine Elisabeth. Die ahnt - wie eine Prophetin - das
Besondere dieser Schwanger-schaft. Und der kleine Johannes hüpft fröhlich in ihrem Leib. Und Maria überkommt es: sie singt,
vielleicht tanzt sie dazu, ihren großen Gesang, zusammengesetzt aus prophetischen Texten und Psalmen, die von den großen Taten
Gottes sprechen. Sie lobt Gott, der die Kleinen, die am Rande Stehenden beachtet und wertschätzt. Sie singt von einem Gott, der die
Stolzen und Mächtigen von ihren Thronen stößt und sich auf die Seite der Schwachen stellt. Gott wird den Hungernden zu essen
geben und die Reichen lässt er leer ausgehen! Seines Volkes Israel wird er sich annehmen, obwohl das Volk ihn immer wieder verrät.
Maria verkündet schon vor Jesu Geburt das Evangelium, sie sieht voraus den Einsatz ihres Sohnes für die Armen und für die
Sünder; für sie ist Jesus gekommen, um ihrer Befreiung willen. Maria, von der sonst nur wenige Worte überliefert sind, zeigt
sich hier wortgewaltig: Sie spricht revolutionär, umstürzlerisch, sie stimmt das Lied von der Befreiung an, die mit Jesus beginnt.
Sie verkündet das Reich Gottes, das Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, das alle üblichen Maßstäbe auf den Kopf
stellt, oben und unten, und sie singt von einem treuen Gott, der uns liebt wie ein Vater, wie eine Mutter - Maria, so heißt es oft,
zeigt uns das "weibliche Gesicht" Gottes.
Maria ist die erste, an der Gott sein Versprechen wahr macht, das uns allen gilt: Wir alle, Arme und Sünder - und wehe, wir fühlen
uns weder als die einen noch als die anderen - wir alle sind für den Himmel bestimmt. "Der Himmel geht über allen auf" - über
dem ganzen Menschen mit Haut und Haar, mit Leib und Seele. Wir alle sollen in den Himmel fahren, in die Umarmungen Gottes, in seine
zärtliche Liebe hinein. Wir alle sollen befreit werden von der Last der materiellen und der inneren Armut auf dieser Welt - und von der
Last unserer dunklen Abgründe. Was für eine frohe Botschaft verkündet uns Maria! Dass der Traum vom Heil-Sein, hier immer
wieder versucht und immer wieder gescheitert, in Erfüllung geht! Das ist der Himmel, das sind die Arme Gottes.
Maria, zeige uns Jesus, so wie Gott ihn sieht, damit wir ihn lieben und ihm nachfol-gen können - um eines Tages wie Du in den Himmel zu
fahren! Asi sea - so möge es sein." Amen.
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