Medardus
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Pfarrei St. Medardus

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Ruhe auf den billigen Plätzen!

Predigt am 29.08.2010


Charles de Foucauld war ein französischer Adliger. Er gehörte zu den vornehmen Kreisen. Aber die bedeuteten ihm nichts. Er war ein Sucher, ein Reisender, reiste nach Marokko und ins Heilige Land, war beeindruckt vom ernsten Glauben der Muslime. In seinen dreißiger Jahren entdeckte er Jesus Christus, entdeckte ihn in Nazareth, interessierte sich für dessen verborgenen Jahre in seiner Heimatstadt, von denen man nichts weiß. Sein Bemühen: den vorletzten Platz in der Welt einzunehmen. Der letzte war schon vergeben. Den hatte Jesus am Kreuz. Aber der vorletzte war vielleicht noch frei. Keine bedeutende Rolle spielen, kein Großer sein in Kirche und Welt, sondern ein kleiner Bruder Jesu mitten unter den Armen: das wollte er versuchen. Wie Jesus in Tuchfühlung und Tischgemeinschaft mit Armen und Kranken, mit Sündern und Leuten am Rande. Als Einsiedler lebte er bei den Tuaregstämmen in der Sahara. Dort wurde er 1914 ermordet. Pläne zu einer Ordensgründung fand man unter seinen Papieren. Niemand hatte sich ihm zu Lebzeiten angeschlossen. Aber 25 Jahre nach seinem Tod zündete seine Idee, und heute gibt es die kleinen Brüder und kleinen Schwestern überall in der Welt - auch in unserem Bistum, in Duisburg-Marxloh. Dort hat einer der Brüder jahrzehntelang unter Tage auf der Zeche gearbeitet. Er war und ist den Türken nah, die die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen. Vor zwei Monaten hat er uns bei unserer Gemeindewallfahrt durch sein Revier geführt, und es war zu spüren, wie der Geist von Charles de Foucauld noch heute lebendig ist: Jesus "auf den billigen Plätzen" dieser Welt still und unaufdringlich präsent zu halten.

Das ist die erste Geschichte zum Einstieg. Die zweite kommt aus dem Judentum. Ein Mann ging zu seinem Rabbi uns fragte ihn: "Warum nur ist Gott heute so schwer zu finden?" Der Rabbi gab ihm zur Antwort: "Weil sich niemand mehr so tief bücken will."

Die Menschen wollen nach oben. Gott aber ist unten. Paulus zitiert im Philipperbrief ein Lied, das damals schon - zwanzig Jahre nach Jesu Tod - gesungen wurde: Jesus "war wie Gott - hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein - sondern er entäußerte sich - wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich". Er entäußerte sich, d.h. er legte nicht zu, sondern er legte ab, er wurde "leer"; er stieg nicht auf, sondern ganz bewusst stieg er ab und kam im Leben der Menschen an.

Haben wir Christen diese Bewegung des Abstiegs jemals wirklich ernst genommen? Haben wir Gott nicht immer nur "oben" gesucht, auf dem Thron, bei der Macht, in Glanz und Gloria - statt "uns zu bücken" und ihn "unten" zu suchen, auch in unserem eigenen zerbrechlichen, vergänglichen, schwachen Menschsein? Die Kirche hat es insgesamt gerne mit der Macht gehalten. Sie hat große Kathedralen gebaut, die heute manchmal zu Museen werden. Sie hat sich in Glanz und Gloria eingerichtet und wohl gefühlt. Sie hat aber auch z.B. die Weihnachtskrippen sprechen lassen. Das Kind in der Krippe, im Stall bei den Hirten war immer ein Stachel im Fleisch der mächtigen Christenheit. So arm kam Gott daher? Franz von Assisi hatte zum ersten Mal eine Krippe aufgestellt, im Mittelalter, - er, der vom Abstieg als Bewegung Gottes und Jesu Christi zutiefst durchdrungen war. Als junger Mann, der den Luxus kannte, hatte er seine Pelze und Ringe dem reichen Vater vor die Füße geworfen, hatte "sich gebückt" und so die Armen als seine Brüder und Schwestern entdeckt. In jedem Jahrhundert kam so einer wie Franziskus und erinnerte die Kirche an den Weg Jesu Christi nach unten. In unserer Zeit war das das Geburtstagskind dieser Woche, Mutter Teresa aus Kalkutta, vor hundert Jahren geboren. Auch sie "bückte sich" als junge Nonne und entdeckte Gott im Schrei eines verlassenen Kindes, irgendwo im Dreck eines Slums, ausgesetzt im Müll. Sie entdeckte Gott im Leib und Leben eines Kranken und Sterbenden. Sie merken: das ist eine andere Art der Gotteserfahrung, der Jesusnähe als die übliche, die von Glanz und Gloria und Schönheit so viel wie möglich retten will - in schöner Liturgie, in prächtigen Barockkirchen, in harmonischem Gemeindeleben, wo sich alle gut verstehen, in großartiger Natur, etwa auf Bergesgipfeln, am Meer oder im tiefen Wald, wo viele sich Gott nahe fühlen. Ich möchte nun "Gott in der Schönheit" und "Gott in der Armut" nicht gegeneinander ausspielen. Wir haben verschiedene Phasen und Zeiten in unserem Leben, in denen uns Gott ganz unterschiedlich begegnet - sozusagen in ganz verschiedener Beleuchtung. Aber von diesem zutiefst christlichen und evangeliumsnahen "Gott in der Armut" ist bei uns kaum die Rede. Der Abstieg Gottes wird über der Aufstiegslust der Menschen vergessen. Daher bestaunt man Mutter Teresa auch wie ein achtes Weltwunder, weil ihr Einsatz so überaus selten ist, "weil sich niemand mehr so tief bücken will".

Könnte es sein, dass die Kirche in ihrem immer größer werdenden Bedeutungsverlust, in ihrer wachsenden Macht- und Einflusslosigkeit, im Mangel an Mitteln und Personen sozusagen mit der Nase auf den "Gott im Abstieg und in der Armut" gesto-ßen wird? Könnte es sein, dass sie ihm vielleicht, - hoffentlich - näher kommt als frühere Zeiten, als sie noch Volkskirche war und Glanz und Gloria kannte? Darf man hoffen, dass die Krippe am Anfang und das Kreuz am Ende und der aufbrechende Abraham und die verfolgten Propheten und Franz von Assisi ganz neu zu uns sprechen - neue Leitbilder des Glaubens werden? Dass sie eine Alternative andeuten zum Üblichen? Dass die landläufige Harmlosigkeit und Folgenlosigkeit der christlichen Botschaft - ein bisschen Moral, ein bisschen "Seid nett zueinander" - aufgebrochen wird? Dass eine neue Glaubwürdigkeit entsteht? Christen, die wirklich "brennen", die wirklich nach Gott fragen, strahlen aus - auch wenn es nur wenige sind in einer "kleinen Herde". Wer wirklich glaubt, braucht nicht viel, um glücklich zu sein. Dieses Glück wird aufmerksamen Mitmenschen nicht entgehen. Aber vielleicht müssen wir erst einmal durch eine Durststrecke, durch die Wüste hindurch. Vielleicht werden die Leute sich bald nicht mehr abspeisen lassen mit Unterhaltung und Ablenkung, "fun, sex and crime", mit all diesen Dumm-Machern, mit Achselzucken auf die Sinnfrage, mit Informationsbergen, die keiner mehr verdauen kann. Viele suchen dann nach Orientierung, nach Weisheit, nach Durchblick. Viele fragen dann neu nach der Wahrheit. Gibt es etwas Unbedingtes, etwas Letztgültiges - oder ist alles gleichgültig? Gibt es die Wahrheit, heißt sie vielleicht Gott? Werden wir Christen dann da sein, zur Stelle sein mit unseren Erfahrungen, mit unseren Fragen und Antworten? Mit den Geschichten und mit den Feiern, die für uns wegweisend sind? Mit der Bibel, mit Jesus Christus, dem großen Zeugen der Wahrheit?

Liebe Schwestern und Brüder, ich hoffe sehr darauf. Bis dahin bleibt als Anstoß zum Weiterdenken und als Weghilfe das Wort des jüdischen Rabbi: Warum Gott so schwer zu finden ist? Weil sich niemand mehr so tief bücken will.








































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