Medardus
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Katholische Kirchengemeinde St. Joseph und Medardus - Jockuschstraße 12 - 58511 Lüdenscheid - Tel. 02351 / 66400-0

Morgenandachten

16. - 21. August 2010 im WDR


Montag, 16.8.2010
Maria-Christine Zauzich , ein "Original Gottes"


Guten Morgen, verehrte Hörerinnen und Hörer!

"Du bist als Original von Gott geschaffen, sterbe nicht als Abzieh-Bildchen."

"So habe ich versucht zu leben. Ich habe wirklich gelebt - mit vielen Schmerzen und vielen Freuden. Je mehr mir Glaube geschenkt wurde, desto mehr ging die Angst verloren. Ich hätte gern länger gelebt und gehe bange durch die Todestüre, doch voller Hoffnung. Denn ich glaube an die Auferstehung und das ewige Leben und ein fröhliches Wiedersehen mit allen geliebten Menschen."

Das sind Worte der deutschen Journalistin Maria-Christine Zauzich. Sie hat mehr als zwanzig Jahre in Guatemala gelebt - als aufmerksame und hilfreiche Zeitzeugin und Zeugin des Evangeliums. Vor einem Jahr ist sie dort bei einem Badeunfall - zusammen mit einem deutschen Reisegefährten - im pazifischen Ozean ertrunken. Ein großer Freundeskreis in Deutschland und Guatemala hat um sie getrauert. Die zitierten Sätze stammen aus ihrem Testament, das sie schon 1986 vor ihrer Abreise ins "zweite Leben" in dem mittelamerikanischen Land verfasste.

"Du bist als Original von Gott geschaffen, sterbe nicht als Abzieh-Bildchen."

Jeder Mensch ist einmalig, eine Originalausgabe aus der Hand Gottes, und trotz aller Moden und Anpassungen an den Zeitgeist sind wir keine Kopien. Die Gaben, die Gott uns mitgegeben hat, dürfen wir entfalten. Wir müssen uns nicht verbiegen und nicht nach dem schielen, was gerade so "in" ist. Ich darf ich selber sein, mit allen Ecken und Kanten.

Und die Frau, an die ich in dieser Woche anlässlich ihres ersten Todestags erinnern möchte, hat viele Gaben mitbekommen, hat unverwechselbar als Original Gottes gelebt, als ein Mensch von faszinierender und herausfordernder Eigenständigkeit. Sie pendelte und vermittelte zwischen zwei Welten. Deutschland war ihre erste Heimat, Guatemala ihre zweite. Brückenbauerin hat man sie genannt, Knüpferin an einem Netz, das Menschen - gerade junge Leute - aus beiden Welten zusammenbrachte. Sie schrieb und drehte Filme, hielt vielerorts Vorträge, gründete und leitete das Stipendienwerk Samenkorn. Es verhilft jungen Mayas, Angehörigen der mittellosen indianischen Bevölkerung, zur Ausbildung in Schule und Studium. Sie lebte in Tuchfühlung mit dem Volk, in einer Intensität und mit einer Kraft des Glaubens und der Hoffnung, die viele ansteckte.

"Der Himmel geht über allen auf…" - das war eines ihrer Lieblingslieder. Der Himmel! Da wollte sie hin: gewiss nach der Todestüre, aber auch schon vor der Todesschwelle: "Der Himmel geht über allen auf", kann über allen aufgehen - über Menschen in Europa wie in Lateinamerika, und da vielleicht noch mehr. Weil die Menschen dort sehnsüchtiger und bedürftiger nach dem Himmel sind und ihn nicht vergessen haben, wie mancher bei uns. Das Himmelreich, das "Reich Gottes" soll und wird mitten im Leben zu den Menschen kommen, gerade zu den Armen. Etwas vom Himmel lag immer in ihren Worten und Taten. Für den Himmel mitten unter den Menschen ist sie eingestanden. Das ist eine gute Aussicht für diesen neuen Tag: etwas vom Himmel auf die Erde zu bringen.


Dienstag, 17.8.2010
Maria-Christine Zauzich - Bekehrung


Guten Morgen, verehrte Hörerinnen und Hörer!

Bekehrungen können sehr unterschiedlich sein. Ein Muslim oder Hindu wird ein Christ. Ein Ungläubiger wird gläubig. Ein lauer Taufscheinchrist entdeckt den lebendigen Glauben. Ein späterer Apostel - Paulus - stürzt vom Pferd, vor Damaskus. Aus dem glühenden Christushasser wird ein glühender Christusnachfolger. Das Glühende bleibt in ihm, es gehört zu seinem Charakter; aber völlig neu und lebensbestimmend wird, wofür er glüht.

Paulus stürzt vom Pferd, und - wie er - sind schon viele Menschen heruntergefallen vom hohen Ross ihrer abendländischen Überlegenheit, ihres deutschen Lebensstandards oder ihrer hohen Theologie. "Damaskus", der Ort des Sturzes, liegt oft in den Ländern, die man früher die Dritte Welt nannte. Im Tagebuch einer Reise nach Guatemala ist unter dem Eindruck der Armut zu lesen: "Das Leben hier relativiert uns. Wird mein Leben in Zukunft anders sein? Und wie wird es sich verändern?"

Bei vielen verändert sich dadurch auch der Glaube an Gott. Sie sprechen von einer "Bekehrung". Auch vorher haben sie geglaubt, aber abstrakter, mehr mit dem Kopf, sozusagen "europäisch", oft mit wenig Bezug zu ihrer konkreten Welt. Glühend und konkret wird ihr Glaube, als sie sich der Welt der Armen, der Unterdrückten, der Opfer stellen und innerlich in ihr ankommen. Dem berühmten Erzbischof Oscar Romero in El Salvador ist es so ergangen. Angesichts der Gewalt in seinem Land wird aus dem ziemlich farblosen, zurückhaltenden Bischof Romero ein mutiger, leidenschaftlich für die Armen kämpfender Zeuge des Glaubens. Schließlich ein Blut-Zeuge, ein Märtyrer, der 1980 bei einer Messe, genauer beim Hochheben des Kelches mit dem "Blut Christi", von einem Killer des Geheimdienstes erschossen wird. Romero hat oft davon gesprochen, er sei durch die Armen "bekehrt" worden.

1985 besucht die deutsche Journalistin Maria-Christine Zauzich fast zufällig das Land Guatemala. Es lässt sie nicht mehr los. Bald darauf zieht sie ganz dorthin. Wie kommt jemand dazu, seinen gut bezahlten Posten in einer angesehenen Zeitungsredaktion dranzugeben, so vieles los - und viele zurückzulassen und in einer ungesicherten und gefährlichen Lage neu zu beginnen? Als sie vor einem Jahr im Pazifik ertrank, schrieb Efrain, ein Student in dem von ihr gegründeten Stipendienwerk Samenkorn: "Sie kam in unser Land und hat ihre Heimat verlassen, um mit uns und für uns zu arbeiten - wie es in der Bibel über Abraham heißt: Zieh aus deinem Land weg! Verlass deine Sippe und die Familie deines Vaters und geh in das Land, das ich dir zeigen werde."

Den langen Prozess der Veränderung nennt Maria-Christine Umkehr oder Bekehrung. Sie lebt mitten unter den Armen, nah bei den Opfern und Überlebenden der Gewalt. Ja, sie lebt von ihnen her. Das, was wichtig erscheint im Leben, hat sich ganz verändert. Die Armen, die Mayas auf dem Lande, werden zu Lehrmeistern des Glaubens. Sie lebt mit ihnen und erfährt so auch Gott ganz neu, - erfährt ihn als wirklich, den Gott der Armen, den Gott im Leiden und im Kreuz, aber auch den Gott der Auferstehung und der Hoffnung. Sich ganz und gar, mit Herz und Kopf, mit Leib und Seele diesem Gott und seinen Menschen zur Verfügung zu stellen - das ist die Frucht der Bekehrung.


Mittwoch, 18.8.2010
Maria Christine Zauzich - Gast auf Erden


"Geht! Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe! Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt, so esst, was man euch vorsetzt! Heilt die Kranken! Sagt den Leuten: Das Reich Gottes ist euch nahe!" (Lk 10, 3f. 8f )

Guten Morgen, verehrte Hörerinnen und Hörer!

Das waren gerade eine Menge Ausrufezeichen! Dienstanweisungen Jesu an 72 Wandermissionare, die er losschickte. Heutzutage werden sie wohl kaum buchstäblich befolgt. Ein Missionar hat vermutlich seinen Laptop dabei und ganz sicher seine Schuhe und einiges mehr. Dennoch: Es bleiben Impulse auch für heute - und mancher bricht auf, mit diesen Worten im Ohr und im Herzen.

Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe! Als die deutsche Journalistin Maria-Christine Zauzich in der Mitte der 80er Jahre nach Guatemala ging, war sie wirklich "mitten unter die Wölfe" geraten. Bürgerkrieg herrschte im Land. Viele, die die Unterdrückung der Armen überwinden wollten, gerieten unter Kommunismus-verdacht. Das Militär und seine Handlanger folterten und mordeten Zehntausende von indianischen Mayas in den abgelegenen Landgebieten. Es gab unzählige Mas-saker, Hunderttausende waren auf der Flucht. Sie alle erfuhren, wie sehr der Mensch dem Menschen ein Wolf sein kann. Aber es gab auch die Schafe dazwischen: wehrlos, gewaltlos, unbewaffnet. Ihre Waffe war das Gebet, das solidarische Zusammenwirken, die Inspiration aus der Bibel. Ihre Würde war das Bemühen, sich nicht von den Wölfen anstecken zu lassen. Viele hatten die innere Kraft, auf Rache und Vergeltung zu verzichten. Maria-Christine wurde zur Zeugin ganz aus der Nähe. Sie hörte zu, tröstete, befreundete sich mit vielen, sammelte und veröffentlichte, was sich die Witwen und Waisen von der Seele redeten. Und sie wurde darüber selber immer mehr zum Menschen-für-andere, der nicht mehr von sich her lebte, sondern von der Solidarität mit den Opfern der Gewalt.

Nehmt keinen Geldbeutel mit und keine Vorratstasche! Was sollen die Boten Jesu denn überhaupt mitnehmen? Die Antwort: Nichts! Buchstäblich nichts. Nur das Evangelium. Nur sich selbst - mit ihrem Vertrauen, ihrer Offenheit und Bereitschaft, sich auf das Neue und Andere einzulassen. Keine vorgefertigten Konzepte - damit hat Europa die Welt schon genug beglückt. Keine großen Pläne, die an der Wirklichkeit zerschellen. Nicht "mein Ding", sondern "Sein Reich"!

Außerdem: Wenn man nichts Nennenswertes mitnimmt, spürt man, wie angewiesen man ist. Alles kann dann zum Geschenk werden. Jeder neue Tag ist eine Einübung ins Vertrauen. Man braucht zum Beispiel die Gastfreundschaft anderer, sonst kommt man nicht weit. Maria-Christine war oft unterwegs und hat in Guatemala wie in Deutschland viel Gastfreundschaft erfahren. Sie spürte: als Gast ist man nie "der Herr im Haus", sondern Mensch auf der Durchreise. Man lebt "provisorisch" aus dem Koffer. Ballast nimmt man nicht mit. Man isst und nimmt auf, was einem vorgesetzt wird. Aber gerade so bekommt das Vertrauen seinen Platz. Der Gast ist dem Gottvertrauen vielleicht näher als der Sesshafte auf seinem Besitz. Der "Gast auf Erden" ist unterwegs ins Reich Gottes.


Donnerstag, 19.8.2010
Maria-Christine Zauzich - Zeugin des Glaubens


Guten Morgen, verehrte Hörerinnen und Hörer!

Stellen Sie sich vor, Sie sind Zeuge bei einem Verkehrsunfall. Aber Sie schlagen sich lieber in die Büsche und stellen sich dumm: nichts gesehen, nichts gehört. Man will ja keine Scherereien! Man will auch nicht Partei ergreifen! Lieber sich raushalten! Nichts wie weg.
Und so kommt die Wahrheit nicht ans Licht. Und so bleibt die Gerechtigkeit auf der Strecke - wenn keiner was gesehen und gehört haben will.
Nicht anders ist es mit dem Glauben. Ohne Zeugen stirbt er aus. Ohne Bezeugung verliert er jede Kraft.

Ich habe eine Karikatur vor mir. Sie spricht die Unlust an, Farbe zu bekennen. Ein Ehepaar erwartet Gäste. Der Herr des Hauses stellt einen großen Blumenstrauß vor ein Kreuz, das an der Wand hängt, und meint: "Muss ja nicht gleich jeder sehen!" Muss ja nicht gleich jeder sehen, das Zeichen des Glaubens. Immerhin: Es hängt noch an der Wand. Es ist noch da. Aber es wird verdeckt und versteckt. Dem Hausherrn ist es - vor Gästen - ziemlich peinlich.

So läuft das weithin in unserem Land. Zeugen des Glaubens halten sich bedeckt. Muss ja nicht gleich jeder wissen! Man geht damit doch nicht hausieren! Geht doch keinen was an.

Es könnte auch anders sein. In seinen Tagebüchern notiert der Schriftsteller Max Frisch: "Wenn Sie angeklagt würden, ein Christ zu sein - welche Beweise gäbe es, Sie zu überführen?" In Guatemala und vielen anderen Ländern ist das kein Denkspiel. Den Beweis haben viele Christen erbracht und dafür mit dem Tode bezahlt. Wir nennen sie "Märtyrer" - das griechische Wort für Zeugen. Es waren meist indianische Christen in den Dörfern, Katechisten und andere, die sich für den Glauben und das Gemeindeleben im Dorf verantwortlich fühlten. In den langen Jahren der Gewalt und des Bürgerkriegs, d.h. vor allem in den achtziger und neunziger Jahren, war es schon gefährlich, eine Bibel zu besitzen. Dem allmächtigen Militär kam das wie ein Beweis revolutionärer Gesinnung vor, wie ein Aufwachen aus jahrhundertelanger Schicksalsergebenheit. Tausende wurden damals umgebracht. Die deutsche Journalistin Maria-Christine Zauzich ging diesen Verbrechen nach. Sie sammelte die Lebensgeschichten der Märtyrer. Ganz tief beeindruckte sie der Mut, mit dem sie der Gewalt und Ungerechtigkeit widerstanden. Deren geistige Stärke bewegte sie sehr.

Julio Quevedo zum Beispiel war Sozialarbeiter bei der Caritas und wurde ermordet. In einem Film ließ Christine dessen siebenjährigen Sohn zu Wort kommen: "Nein, ich hasse die Leute nicht, die meinen Papa umgebracht haben. Aber ich bete darum, dass Gott ihnen vergibt und dass sie solch böse Taten nicht wieder tun." Immer wieder erfuhr sie, dass der lebendige Glaube an Gott die Quelle der Kraft und des Mutes war, sein Leben hinzugeben für andere. Und sie spürte, wie ansteckend das ist. Das überzeugende Beispiel anderer weckt und stärkt den eigenen Glauben. Der Glaube ist alles andere als ein "Sahnehäubchen", eine nette Verzierung für festliche Stunden. Er kann wirklich das "Salz in der Suppe" sein, kann dem Leben die richtige Würze geben.


Freitag, den 20.8.2010
Maria- Christine Zauzich - Reichtum der Armen


Guten Morgen, verehrte Hörerinnen und Hörer!

"Die können ja beten!", staunten junge Leute aus unserer Pfarrei in Lüdenscheid, als einige Gäste aus Guatemala bei uns zu Besuch waren. Es waren Studenten aus der indianischen, durchweg sehr armen Maya-Bevölkerung, Stipendiaten des Projekts Samenkorn, das die deutsche Journalistin Maria-Christine Zauzich in den neunziger Jahren gegründet hatte. Sie wollte armen Schülern und Studenten eine Ausbildung ermöglichen. Dabei legte sie Wert auf einen Brückenschlag zwischen den so weit entfernten Ländern und Welten. Junge Deutsche flogen wiederholt zu einem Arbeitseinsatz nach Guatemala, und junge Mayas reisten nach Deutschland, um ihre Heimat, ihre Kultur und ihr Leben bei uns vorzustellen. Caminos de amistad, Wege der Freundschaft - so nannte sich dieser Austausch, durch den viele junge Leute zu Freunden wurden. Am ersten Abend schon, vor dem Abendessen, baten wir die Gäste um ein Tischgebet. Es dauerte wohl bald eine Viertelstunde. Die jungen Mayas beteten frei und ungezwungen und mit ganzem Herzen; sie dankten vor allem für die glücklich verlaufene Anreise, für die Freunde, für die Tischgemeinschaft. Unsere Leute taten sich mit dem Beten viel schwerer, sie waren es so nicht gewohnt und stießen da bei sich auf Hemmungen und eine deutliche Scheu. Bei den anderen spürten sie dagegen einen erstaunlich offenen geistlichen Reichtum. Und dieses Spüren ging in den nächsten Tagen und Wochen weiter. Das landläufige Klischee stimmte einfach nicht: dass wir - die Reichen - immer die Gebenden sind und die aus den armen Ländern immer die Nehmenden.

Worüber staunen Mayas aus Guatemala bei uns? Zum Beispiel über den ehrenamtlichen Einsatz vieler Deutscher; über Solidarität, Großzügigkeit und Spendenbereitschaft; über Ehrlichkeit, Sauberkeit, Ordnung und darüber, dass "so vieles einfach klappt". Und sie selber, beeindrucken uns mit ihrer Fröhlichkeit, ihrer Bescheidenheit, ihrer sensiblen Wahrnehmung und ihrer ungenierten Weise, den Glauben zu leben. Man merkte im Zusammensein, wie die einen die anderen in ihrem Anderssein bereicherten.

Maria-Christine Zauzich wies gerne hin auf eine Tonplastik, die ein Künstler aus Peru für eine Gemeinde im Schwäbischen geschaffen hat: eine "Partner-schaftsfigur". Ein Peruaner und ein Deutscher beugen ein Knie voreinander und reichen sich einen gefüllten Korb. Beide scheinen gleichzeitig zu geben und zu nehmen. Sie leben nicht in einer unguten Abhängigkeit voneinander, sondern "auf gleicher Augenhöhe". Sie ergänzen und bereichern sich mit dem, was sie sind und haben. Ähnlich schrieb schon der Apostel Paulus an die Korinther, nachdem er zuvor zu großzügigen Spenden für notleidende Gemeinden eingeladen hatte: "Es geht um einen Ausgleich. Im Augenblick soll euer Überfluss ihrem Mangel abhelfen, damit auch ihr Überfluss einmal eurem Mangel abhilft." (2 Kor 8,13f) Und er stellt ihnen Jesus Christus vor Augen: "Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen." ( 2 Kor 8, 9)


Samstag, 21.8.2010
Maria-Christine Zauzich - Denken im Plural


Guten Morgen, verehrte Hörerinnen und Hörer!

"Sie hat uns herausgefordert, mehr und mehr im Plural zu denken." Die Rede ist von Maria-Christine Zauzich; sie hat in den neunziger Jahren das Projekt Samenkorn gegründet, um mittellosen Jugendlichen in ihrer "zweiten Heimat", in Guatemala, den Schulabschluss und ein Studium zu ermöglichen. Als sie vor einem Jahr bei einem Badeunfall starb, haben die Stipendiaten des Projekts ein Buch ausgelegt, in das sie ihre Erinnerungen und Eindrücke von der Gründerin schrieben. Dort findet man diesen Satz: Sie hat uns herausgefordert, mehr und mehr im Plural zu denken - also in der Mehrzahl, in der Wir-Form.

Gerade bei Bildung, Studium und Ausbildung denken Menschen eher in der Ich-Form. Die Konkurrenz ist groß und schläft nicht! Daher muss ich möglichst durch Leistung beeindrucken, muss im Ranking unter den Besten sein, muss alle Vorteile für eine Karriere wahrnehmen. Ein Studium im Ausland ist da oft besonders viel versprechend. In Guatemala zum Beispiel drängen die Studenten, wenn´s eben geht, in die USA. Mediziner verdienen in den Staaten viel mehr und bleiben dort. Nur wenige kehren in die Heimat zurück. Sie lassen sich dann zumeist in der Hauptstadt nieder. In die abgelegenen indianischen Gebiete will kaum einer. Ärzte und andere Berufe mit Studienabschluss muss man dort lange suchen. Das individualistische Denken hat sich weltweit breit gemacht und durchgesetzt. Denken im Plural, in der Wir-Form: Wo kommt das noch vor?

Zum Beispiel im Projekt Samenkorn! "Gott ruft uns, dass wir das Wohl des Nächsten und der Gemeinschaft über das persönliche Wohl stellen", schreibt ein anderer Student in dem erwähnten Buch. Nur schöne Worte? Das Projekt bemüht sich, an einer Haltung zu arbeiten, die das Wohl des Nächsten in den Blick nimmt. Die Studenten verpflichten sich, im eigenen Land zu bleiben und neben dem Studium einen sozialen Einsatz zu leisten, sich etwa um verwahrloste Kinder zu kümmern oder Analphabeten ans Lesen und Schreiben zu führen. In vielen Wochenendtreffen vertiefen sie sich in die Werte der eigenen Maya-Kultur, die ja die Gemeinschaft ganz groß schreibt, und sie setzen sich auseinander mit Fragen der persönlichen Entwicklung und Ethik, der Politik und des Glaubens. Sie sollen als wache und selbstbewusste Menschen in ihrer Welt stehen und können stolz sein auf die indianische Kultur, die von der herrschenden weißen Schicht immer wieder verachtet und lächerlich gemacht wird. Ihre Spiritualität atmet sozusagen mit zwei Lungenflügeln: den Traditionen der Maya und dem christlichen Glauben. Als "Bauleute des Wandels", wie eine Studentin schreibt, versuchen sie eine Alternative zu schaffen zur herrschenden Gewalt und Kriminalität, Korruption und Entwertung des Menschen. Und sie hoffen, dass "daraus neue Saatkörner reifen, die noch mehr gute Früchte bringen" und ihrem Land zu gute kommen. Was eine begeisternde und geradezu prophetische Frau, Maria Christine Zauzich, aus Deutschland begonnen hat, das führen sie fort: möglichst in der Wir-Form zu denken und Saatkörner der Hoffnung zu sein.




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