Medardus
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Johannes der TäuferBergpredigt

Predigt am 13.02.2011


Da wird nun hier sehr Unterschiedliches angesprochen: wütende Schimpfworte gegenüber dem Nächsten, Versöhnung, Ehebruch, Ehescheidung, einen Eid schwören. Jesus nimmt zu ganz konkreten Fragen Stellung. Und zwar in der Bergpredigt.

Die Bergpredigt ist bei Jesus etwa das, was die zehn Gebote im Alten Testament sind. Die Szene ist ähnlich. Beide Male - bei Jesus wie bei Mose - geht es auf einen Berg. Dort auf dem Berg wird der Wille Gottes verkündet. Mose empfängt ihn in den Gesetzestafeln. Bei Jesus ist es mehr. Bei ihm heißt es immer wieder: "Ich aber sage euch…" Er ist der neue Mose, und er ist der größere Mose, der aus eigener Voll-macht spricht. Und er spricht viel radikaler. Er geht auf den Grund, auf den Grund des menschlichen Herzens. Er spitzt zu, die normalen Seh- und Verhaltensweisen stellt er auf den Kopf. Wenn dich einer schlägt, halte ihm die andere Wange hin. Das ist nicht normal. Das tut zunächst mal keiner. Aber es kann weiterführen. Es ist berührend zu sehen, dass kein Christ, sondern ein indischer Hindu - Mahatma Gandhi - diese Worte wörtlich genommen, ernst genommen hat. Mit einer enormen inneren Stärke hat er auf Gewalt verzichtet, gewaltlos Widerstand geleistet und so sein Land Indien in die Unabhängigkeit geführt. Ohne Krieg! Und es ist schön mitzuerleben, dass auch jetzt in Ägypten der Aufstand der Bürger fast ganz ohne Gewalt gelaufen ist. Jesus hätte daran seine Freude gehabt. Aber solches Verhalten - Hinhalten der anderen Wange - geht nur im tiefen Vertrauen auf Gott. In diesem Vertrauen kann der Mensch einiges riskieren.

Ich greife aus den vielen Gedanken und Beispielen des Evangeliums nun ein einziges heraus - die Versöhnung mit dem Bruder:

In Taizé gibt es eine große Kirche - die Versöhnungskirche. Am Eingang steht seit vierzig Jahren ein Schild. Jeder, der die Kirche betreten will, muss dort vorbei: Versöhnt euch, die ihr hier eintretet: der Vater mit seinem Sohn, der Mann mit seiner Frau, der Glaubende mit dem, der nicht glauben kann, der Christ mit seinem Bruder.

"Es durchfuhr mich richtig", sagte mir ein Jugendlicher, "jedes Mal, wenn ich das sah. Denn bei uns in der Familie gibt es dauernd Krach. Ich kann mit meinen Eltern nicht richtig reden, die verstehen mich nicht. Aber wenn ich an dem Schild vorbei komme, denke ich, dass ich sicher nicht schuldlos an dem ganzen Theater bin." Es durchfuhr mich richtig, hatte der Junge gesagt. Er war noch jung, er war noch nicht abgebrüht, er hatte sich noch nicht abgefunden. Es konnte ihn noch "durchfahren". Er war noch offen für Versöhnung.

Aus kleinen Anlässen können Kriege entstehen. In meiner Kindheit schoben Nachbarinnen wechselseitig das Herbstlaub der Bäume über die Grenze aufs andere Grundstück. Deshalb sprachen sie lebenslang nicht mehr miteinander. Bescheidene Geldsummen oder Schmuckstücke bringen bei Erbschaftsstreit Familien dauerhaft auseinander. Kleine Anlässe: etwas läuft schief, und das schaukelt sich dann hoch - man schaltet auf stur, fühlt sich im Recht, lässt die Dinge laufen, klärt nichts, redet nicht miteinander. Man geht sich aus dem Weg; kommt der eine, geht der andere. So entsteht Krieg: kleiner kalter Krieg, Schweigen und Verstummen.

In der Bergpredigt sagt Jesus: "Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst." - Was für ein Hinaus und Hinein würde das sein in unseren Gottesdiensten! Jesus hat nicht gesagt: "… und dir dabei einfällt, dass du etwas gegen deinen Bruder hast …" Vielmehr: Hat dein Bruder etwas gegen dich? Man soll sich also erst mal in seinen Bruder hinein denken, soll die Gedanken des Bruders nachdenken, seine Empfindungen nachempfinden, mitempfinden. So fängt Versöhnung an. Mit einem neuen Blickwinkel: vom anderen her! Wie viel wäre schon gewonnen, wenn Eltern sich in ihre aufbegehrenden Kinder hinein versetzen und die Kinder in ihre besorgten Eltern.

Nach dem veränderten Blickwinkel dann das zweite: den ersten Schritt zu tun. "Geh!", sagt Jesus. Nicht: Warte, dass der andere kommt. Einer muss sich zuerst bewegen: warum nicht ich? Schließlich drittens: das richtige Wort zu sagen. Wir tun uns oft schwer damit, weil wir Konfliktgespräche nicht gelernt haben. Wir gehen ihnen lieber aus dem Weg, vermeiden den fairen Streit und lassen die Lage ungeklärt. So entgeht uns die befreiende Kraft, die in der Klärung liegt. Die Wahrheit wird uns frei machen.

"… dann komm und opfere deine Gabe!" Es muss schon stimmen im Menschlichen, wenn es mit Gott stimmen soll. Vor Gott können wir nicht mit einem Achselzucken alles beim Alten lassen. Vor Gott können wir uns aber von unserer Rechthaberei und Unversöhnlichkeit verabschieden. Vor Gott können wir den Bruder, die Schwester neu entdecken.




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