Medardus
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Taufe JesuVon Menschen und Göttern

Predigt am 20.02.2011


Bald vier Millionen Menschen in Frankreich haben sich in den letzten Monaten einen Kinofilm angeschaut und waren tief berührt: "Von Menschen und Göttern" erzählt von neun französischen Mönchen, Trappisten, in dem Kloster Tibhirine im Atlasgebirge, in Algerien, Nordafrika. Sie harren in schwierigen Zeiten, in den 90er Jahren, dort aus, sind die einzigen Christen weit und breit unter lauter Muslimen, unter denen sie viele Freunde haben. Das Kloster hilft vielen Menschen, man lebt in guter friedlicher Nachbarschaft, die Mönche werden von der Bevölkerung als "Männer Gottes" empfunden. Aber es entstehen damals radikale gewalttätige Gruppen, Islamisten, die alle Christen und Ausländer raus haben wollen und sie mit dem Tod bedrohen. Im Film wächst von Szene zu Szene die Angst der Mönche: Was werden sie mit uns machen? Sind wir hier, um unser Leben zu lassen? Sollen wir nicht besser das Land verlassen? Die Mönche sind durchaus keine Helden; sie wissen nicht, was sie tun sollen, sie sind oft mutlos, sie ringen und hadern mit Gott, sie hängen am Leben, wie wir alle. Und sie hören immer wieder davon, wie andere Ausländer, auch Priester und Nonnen, und gemäßigte Muslime ermordet werden. Sie setzen ihr Chorgebet, ihre Choräle gegen diese Angst.

Selten wird in einem Kinofilm so viel gebetet und gesungen wie in diesem. Selten kommt einem die Bergpredigt so nah wie hier: "Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Liebt Eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen." Das genau tun die Mönche. Sie beten für alle, die in Gewalt verstrickt sind: für die Terroristen und die Armee, die den Terror bekämpft und selber Schrecken verbreitet. Die Gewalt kommt immer näher, sie lastet auf der kleinen Mönchsgemeinschaft. Eine unvergessliche Szene: wie ein Armeehubschrauber mit herausragenden Maschinengewehren über der Kapelle des Klosters kreist und den Chorgesang der Mönche übertönt. Nur ganz schwach ist deren Psalmvers zu hören: "Das Dunkel ist für dich kein Dunkel - für dich ist die Nacht ebenso licht wie der Tag!"

Aber was nützen Choräle gegenüber den Gewehren? Und doch: Im Beten und Singen und Nachdenken finden die Mönche ihren Weg. Und in der Feier der Eucharistie, mit Jesus Christus in der Mitte, der dem Kreuz nicht ausgewichen ist, sondern sein Leben hingab und sterbend seinen Verfolgern Vergebung anbot: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun."

Die Mönche sind entschlossen zu bleiben. Sie beugen sich nicht dem Terror. Sie verzichten auch auf militärischen Schutz. Sie legen ihr Leben in Gottes Hand. Wie beim letzten Abendmahl sitzen sie zusammen, brechen das Brot, trinken den Wein, die Kamera leuchtet jedes einzelne Gesicht aus, die Angst ist noch da, die Anspan-nung, aber die Gelöstheit und der innere Friede breitet sich aus - ein Leuchten Gottes, der "seine Sonne aufgehen lässt über Bösen und Guten". Ich kann mich an keine einzige Kinoszene erinnern, in der Gott so dicht gegenwärtig war wie hier!

Das Weitere überrascht nicht mehr: Wochen später - im Jahr 1996 - werden sieben Mönche entführt. Man will sie als Geiseln benutzen, um politische Gefangene freizupressen. Aber das Geschäft klappt nicht. Der Film endet, wie die entführten sieben Mönche ins Schneegestöber gehen und darin verschwinden, im Unbekannten, im Geheimnis ihres Todes. Später findet man ihre abgeschlagenen Köpfe am Straßenrand vergraben. Zeugen des Glaubens sind sie geworden, Blutzeugen, Märtyrer in radikalster Diaspora, die dafür einstanden, dass Gott, dass Allah die Liebe ist, und dass die Bergpredigt am reinsten seinen Willen ausdrückt: Halte auch die andere Wange hin. Bete für die Verfolger. Mach´s wie Gott, der seine Sonne über Bösen und Guten scheinen lässt, der der Vater aller Menschen ist.

Ein Kinofilm eines nicht gläubigen Regisseurs, der dennoch das Geheimnis des Glaubens tief verstanden hat und hervorragend darstellen kann.

Von Tibhirine, vom algerischen Atlasgebirge ins Sauerland! Wir leben Gott sei Dank in friedlichen Verhältnissen. Wir sind nicht an Leib und Leben bedroht. Vielleicht ist es bei uns viel zu bequem! Aber auch hier - in unserem Alltag - kann uns das Thema der Bergpredigt sehr nah rücken. Wir sind eingeladen,
- auf die Heiligkeit und Vollkommenheit des himmlischen Vaters zu schauen,
- das Böse zu überwinden, zu besiegen durch das Gute,
- die Spirale von Angriff und Zurückschlagen zu durchbrechen und so in allen Streitereien eine neue und bessere Ebene zu schaffen.

Gott allein ist vollkommen. Wir sind es nicht. Gott allein ist die Liebe. Wir haben allenfalls Liebe, wie ein Farbtupfer auf unserer Palette. Unser Zeugnis für die Liebe Gottes ist immer eingeschränkt und bruchstückhaft. Feindesliebe ist eine hohe Messlatte. Und doch kann Gottes Liebe auch durch uns ein wenig aufscheinen. Da, wo wir uns nicht in Böses, in Feindschaften und Gewalt hineinziehen lassen. Da, wo wir stand halten und nicht fliehen. Da, wo wir unser Leben in Gottes Hand geben. Wie die Mönche von Tibhirine.


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