Medardus
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Predigt am 27.02.2011


Walter Kohl ist der Sohn von Helmut Kohl, dem langjährigen Bundeskanzler. So dachten und sprachen alle Leute von ihm, und so dachte er schließlich auch selber von sich: der Sohn! Immer nur der Sohn des Alten, des Berühmten, der mit seinem Gewicht und seiner Bedeutung viele erdrückte - und ganz bestimmt ihn, den Sohn! Dieser machte viele Ausbruchsversuche, um aus der Nummer herauszukommen, um ein eigenes Leben zu führen. Um nicht immer nur der Sohn zu sein, sondern er selbst: Walter Kohl. Aber das war sehr schwierig. Schon in der Schule und später beim Bund in der Kaserne: "Bilde dir nicht ein, nur weil du der Sohn bist, kriegtest du hier eine Extrawurst." Dann die Sicherheitsbestimmungen: zwei Bodyguards mit auf dem Weg zur Schule. Dann das Familienleben mit dem fast immer abwesenden Vater. Schließlich bei jedem Vorstellungsgespräch als Banker immer sofort die Frage: "Ach, Sie sind der Sohn des Bundeskanzlers?" Der Sohn fühlte sich immer minderwertiger, immer mehr entfremdet, immer mehr eingeschnürt im Gefängnis des großen väterlichen Namens. In seinem lesenswerten Buch, in dem er seine innere Entwicklung beschreibt, spricht er in einem guten Bild vom Opferland, in dem er sich schließlich befand. Opferland: Opfer des Vaters und der Lebensumstände ("Warum bin ich gerade in diese Familie hineingeboren?"), voller Selbstmitleid und Unzufriedenheit, auch voller Neid gegenüber den anderen, die in normalen Verhältnissen aufwuchsen, meilenweit von seinen Sorgen entfernt. Opferland - das ist nicht "leben", das ist "gelebt werden"! Das kennen wir wohl auch alle aus Teilen und Phasen des eigenen Lebens. Irgendwie sind wir auch immer wieder "Bürger von Opferland", wenn die Sorgen und der Stress uns erdrücken und wir uns selbst unendlich leidtun. Aber wir kommen da in der Regel wieder raus. Walter Kohl nun beschreibt Opferland nicht nur als eine kurze vorübergehende Phase, sondern als die zentrale Lebenserfahrung. Seine Ehe scheitert daran, Selbstmordgedanken drängen sich auf. Aber er hat einen kleinen fünfjährigen Sohn, der sehr an ihm hängt, und der fragt ihn eines Tages, unterwegs auf der Straße: "Papa, ist das Leben schön?"

Was für eine Frage: Ist das Leben schön? So fragen nur Kinder. Der Vater möchte dem Sohn eine ernsthafte, richtige, ehrliche Antwort geben. Nein, das Leben ist nicht schön! So fühlt er es, aber ist das eine Antwort, eine Botschaft für ein Kind? Und so fängt er an, sein Leben aufzuarbeiten. Er bemüht sich, aus dem tiefen schwarzen Loch des Opferlandes, der Opferrolle aufzutauchen. Das Stichwort, das er findet, um die Befreiung auszudrücken, ist ein zutiefst christliches Wort: Versöhnung. Er geht hinein in diese Versöhnung - Aussöhnung mit seinem Leben, mit sich selbst, mit der Familie, auch mit Gott. Ja, da platzt wirklich ein Knoten, das Herz öffnet sich, er lernt, auch die schweren Seiten des Lebens zu akzeptieren. Er lernt, zu sich zu stehen. Und dann kann er hinterher zur Frage seines Sohnes bekennen: Ja, das Leben ist schön! Du kannst dich drauf freuen!

Und von hier aus zum Evangelium! Ist das Leben schön? Ja, sagt Jesus, das Leben ist schön! Er spricht hier ganz bildlich, ganz blumig, ganz durch die Blume: "Betrachtet die Lilien des Feldes!" Die Lilien in ihrer Schönheit stehen für die Schönheit des Lebens. Auch wenn es das Opferland gibt und die schweren Schatten und die Sorgen, die wir uns machen - Jesus sagt: Das Leben ist so schön und so wertvoll - wie ein kostbares Geschenk. Richte dich daher nicht im Opferland ein wie in einer Wohnung, die man kaum noch verlässt. Sieh durch die schweren Schatten hindurch - hin zum Licht. Lass die Sorgen los, gib sie ab, leg sie in Gottes Hand. Klammere dich nicht ängstlich an dein Stück Leben, diese Klammer macht dich unfrei und eng! Vielmehr lass Vertrauen in dir wachsen, gib der Versöhnung Raum - das passt zum Reich Gottes! Die Vögel am Himmel, die Blumen des Feldes, selbst das scheinbar wertlose Gras am Wegrand stehen für Gottes Liebe und Zuneigung zu seiner Schöpfung und ganz gewiss zum Menschen. Singen wir uns zu, was Jesus gesagt hat:

"Gehet nicht auf in den Sorgen dieser Welt,
suchet zuerst Gottes Herrschaft!
Und alles andre erhaltet ihr dazu.
Halleluja, halleluja!"

Ich finde, da können eine ganze Menge Leute aufatmen - oder sich zumindest provoziert und wachgerüttelt fühlen: alle, die - wie damals Walter Kohl - das Opferland bewohnen. Alle, die sich verrückt machen vor Angst und Sorge und sich gegen jeden denkbaren Schadensfall versichern. Alle, die sich unter enormen Leistungsdruck setzen und meinen, nur so werde die Welt - ihre Welt - gerettet. Ihnen wird gesagt: "Betrachtet die Vögel des Himmels", die sich so leicht nehmen, dass sie fliegen können. Aufatmen können die, die alles planen und verplanen müssen und von freiem, lebendigem Leben meilenweit entfernt sind. Aufatmen können die geborenen Schwarzseher und Pessimisten, für die die Zukunft immer nur düster ist. Die, die alles horten - auch ihre eigene Lebensgeschichte - und keine einzige Kränkung vergessen, dürfen loslassen, Belastendes loslassen und zu den Vögeln und Lilien hinblicken. Und die, die alles schon kennen und abhaken, dürfen wieder staunen über die Schönheit des Lebens und der Schöpfung und neu Dankbarkeit spüren für alles, was Gott uns täglich schenkt.




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