Nun hängt das Hungertuch von MISEREOR schon einige Wochen in der Kirche. Ein Maler aus Togo hat es geschaffen.
Schauen Sie mal hin: ist es hoffnungslos? Ist es hoffnungsvoll?
Auf jeden Fall ist es realistisch, wirklichkeitsnah. So kenne ich Lome, die Hauptstadt Togos auch: die Slums, die
Arme-Leute-Viertel. Da ziehen sie hin vom Land, zu Tausenden jedes Jahr. Ein Dach überm Kopf, ja, aber durch die
Wände zieht es, 20 m² müssen für eine Familie reichen, kein Trinkwasser ist im Haus, kein
elektrisches Licht, die Abwässer laufen über die Wege, der Müll bleibt liegen. Lärm, Gestank,
Hitze …
Vor Schicksalsschlägen, etwa vor schwerer Krankheit, ist man völlig machtlos. Das Portemonnaie ist fast leer,
vielleicht ein Euro ist drin, eine Busfahrkarte kostet schon mehr, also muss man stundenlang laufen. In solchen
Verhältnissen würden wir es keinen Tag aushalten.
Und dann die andere Seite. Hochhäuser und Banken in der Innenstadt, Industrieanlagen, Erdölraffinerien. Aber
das Volk hat nichts davon. Nur die Oberschicht profitiert davon - und das Ausland. Wir, die reichen Länder.
Verständlich, dass viele Afrikaner in diesem Elend keine Zukunft sehen und wegwollen. Wir sehen oben rechts die
Boote. Sie brechen auf Richtung Europa. Da liegt, wie sie meinen, ihre einzige Hoffnung. Für fast alle wird diese
Hoffnung zur Illusion.
Die anderen bleiben. Vor allem die Frauen. Es erstaunt immer wieder, mit welcher Energie und Lebenskraft Menschen das
Beste aus der Situation machen. Die Kinder spielen wie überall, Spielzeug bauen sie sich selber, es wird
vielleicht mehr gelacht und gescherzt als bei uns, während wir auf hohem Niveau gerne klagen und jammern.
Man kennt sich in Afrika aus im Überleben! Die Frau im Bild zieht kraftvoll eine Karre mit einem Wassertank in die
Mitte. Sie zieht ihn in ein Dreieck aus Licht, aus Hoffnung, das seine Spitze oben hat. Da sehen wir die Taube des
heiligen Geistes. Darunter ein kleiner Häuptlingssitz, leer, der Thron des Weltenrichters. Das Weltgericht steht
noch aus, darum ist der Thron noch nicht besetzt. Aber die Worte des Richters im Weltgericht sind uns bekannt; er fragt,
wie wir mit den Armen dieser Welt umgegangen sind, mit den Hungrigen, Kranken, Gefangenen: "Was ihr dem Geringsten
unter meinen Brüdern und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan!" Im Lichtkegel des Dreiecks sind solche
Taten zu sehen: so die Pflege von Kranken. Aber auch der Aufbau eines Kleingewerbes: Weben von Stoffen statt
Second-Hand-Billig-kleidung aus Europa - und vieles mehr.
Der göttliche Sprecher auf dem Thron könnte in diese afrikanische Großstadtszene hinein auch die Worte
der Lesung sprechen (Ez 37,12-14) - sie passen genau hierhin:
Ich öffne eure Gräber und hole euch aus euren Gräbern herauf. Ich hauche euch meinen Gesit ein; dann
werdet ihr lebendig.
Damals war es ein Wort des Propheten Ezechiel an die Juden im Exil, in der "babylonischen Gefangenschaft". GRAB - das
ist hier nicht, was wir zunächst darunter verstehen: das letzte Grundstück, das wir haben - auf dem Friedhof.
Diese wenigen Quadratmeter, mit denen alles endet. Nein, "Grab" im Sinne der Bibel ist hier: Unterdrückung,
menschenunwürdiges, erzwungenes Leben in der Fremde, Unrecht und Hunger, - also das, was im Hungertuch zum Ausdruck
kommt -, dazu noch Hoffnungslosigkeit und Ende der Lebensfreude:
Nicht mehr weiter wissen - und dann nicht mehr weiter wollen
Nichts mehr wirklich empfinden können - alles prallt ab
Keine Barmherzigkeit erfahren und selber gnadenlos werden
Sehend - blind, hörend - taub
Nur noch vegetieren - nur noch essen trinken, schlafen.
Das ist der "Tod" schon vor dem letzten Atemzug. Der Tod schon mitten im Leben. In der Geschichte vom verlorenen Sohn
ruft der Vater am Schluss: "Siehe, mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden!" Er war verloren, er war tot -
denn das kann man doch nicht "Leben" nennen, dieses Herumsitzen mit den falschen Freunden in der Bar, und dann - noch
tiefer hinab - das Vegetieren bei den Schweinen. Die Bibel ist ein einziger riesiger Protest gegen solches Leben im
Elend, in der En-ge, in der Schmalspur - und sie setzt zwei Worte dagegen - nur zwei Worte:
KOMM HERAUS!
Jesus ruft immer wieder Menschen heraus aus ihren Gräbern, ihrer Ohnmacht, ihrer Todesstarre. Er ruft sie heraus
aus ihren Ängsten und Zerstörungen. In ihm ist eine ungeheure Kraft des Lebens, die geradezu ansteckend wirkt.
Wer hat nicht alles diese Kraft erfahren und ist "angesteckt" worden: der Zöllner Zachäus, der blinde
Bartimäus, die Aussätzigen, Maria Magdalena, - diese Kraft, die Menschen wie den Jüngling von Nain und
Jesu Freund Lazarus aus ihrem Tod herausholt. "Lazarus, komm heraus!"
Diese ansteckende Kraft ist mit Jesus nicht gestorben, am Kreuz. Sie wirkt weiter - unter dem Namen "Heiliger Geist".
Auf ihn weist schon der Prophet in der Lesung hin: "Ich hauche euch meinen Geist ein; dann werdet ihr lebendig." Haben
wir in uns selber - oder bei anderen - schon einmal diese ansteckende Kraft Jesu und seines heiligen Geistes
gespürt? Ich bin überzeugt: Sie ist da, in unserer Mitte. Und sie wirkt, in unserer Mitte. Aber wir
übersehen sie leicht. Wir deuten sie nicht als solche, verbinden sie nicht mit Gott. Wir geben ihr andere Namen.
Wenn ein Mensch durch andere aus seinen schlimmen Zuständen der Sucht, der Vereinsamung oder schwerer Konflikte
herausgeholt wird, dann nennen wir das z.B. einen "therapeutischen Erfolg" und erklären es psychologisch. Warum
sehen wir nicht auch darin Gottes Geist am Werk, der Menschen aus der Enge in die Weite führt? Gottes Geist
läuft nicht am menschlichen Geist vorbei; er bedient sich der menschlichen Fähigkeiten.
In der langen Geschichte von der Erweckung des Lazarus sagt Thomas zu den anderen Jüngern: "Lasst uns mit ihm gehen
- mit Jesus." Und die Jünger gehen mit - nach Bethanien, an den Ort des Todes. Sie hören dort den Ruf Komm
heraus! und werden später ebenfalls so rufen. Sie rufen Menschen auf zur Umkehr: rufen sie heraus aus dem Reich
des Todes und der tödlichen Mächte und "Todsünden" ( Hass, Gewalt, Lüge, Habsucht,
Gleichgültigkeit) - und rufen sie hinein in das Reich des Lebens. Hinein in den Lichtkegel, den das Hungertuch
zeigt. Das Evangelium lädt uns ein: Lass auch du dich herausrufen aus der Finsternis und hineinrufen ins Licht.
Und gib diesen Ruf weiter.
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