Jesus geht mit seinen Jüngern über den Bach Kidron.
Das ist mehr als nur eine Ortsangabe. Kidron, d.h. auf Deutsch: trübe, dunkel, schwarz, finster.
Jesus, das Licht, geht in die Finsternis. Er wird an der Finsternis zerbrechen - und sie doch besiegen.
Dort war ein Garten. In den trat er mit seinen Jüngern ein.
Gärten sind oft etwas Schönes. Für Menschen der Wüste sind sie das Paradies. Johannes denkt an den
alten Garten Eden, den Paradies-Garten am Anfang der Welt. Ursprünglich war alles gut und heil. Aber dann ging das
Paradies verloren. Adam, der Mensch schlechthin, wurde aus ihm vertrieben. Er ist ins Böse verstrickt. "Im
Schweiße seines Angesichts" muss er nun leben - im Schweiß der Angst, der Krankheiten und Anstrengungen.
Nichts ist mehr heil! Einzige Ausnahme: dieser eine Mensch Jesus, der das Paradies in sich trägt, aber nun von der
Finsternis überfallen wird, vom Verrat, von der Lüge.
Judas, der ihn verriet, kannte den Ort. Und er machte sich mit der römischen Kohorte, mit Laternen,
Fackeln und Waffen auf den Weg dorthin.
Damals, am Anfang, war es die Schlange. Die verräterische Schlange fehlt auch hier nicht: Judas, der Freund, der
Jesus verrät. Der Kuss, das Zeichen der Zuneigung, verkehrt sich hier ins Gegenteil.
Mit Fackeln, Laternen und Waffen wird Jesus gesucht - gegen ihn, das Licht der Welt, ziehen lächerliche Fackeln.
Gegen ihn, das wehrlose Lamm, sind die Schwerter gerichtet.
Und Jesus fragt: Wen sucht ihr? Sie antworteten: Jesus von Nazareth. Er sagte: Ich bin es. Da wichen sie
zurück und fielen zu Boden.
Etwas anderes würde man erwarten: kein Zurückweichen, sondern: jetzt stürzen sie sich auf ihn! Johannes
zeigt: Jesus ist in aller äußeren Unterlegenheit der Überlegene! Die Finsternis wird nicht siegen,
damals nicht, heute nicht! Jesus wird zwar immer tiefer in die Katastrophe gezogen - sein Leidensweg führt aber zur
Erhöhung am Kreuz. Das immer tiefer Hinab wird ein Hinauf. Und so wie einst im Garten Eden der Baum der Erkenntnis
stand und das Unheil seinen Lauf nimmt, so ist jetzt der zweite Baum aufgerichtet, der Baum des Kreuzes. Von hier nimmt
das Heil seinen Lauf.
Simon Petrus, der ein Schwert bei sich trug, zog es, schlug nach dem Diener des Hohenpriesters und hieb
ihm das rechte Ohr ab.
Die Freunde Jesu scheinen für ihn einzutreten - aber sie haben nichts begriffen. Petrus zieht das Schwert. Wie dumm
er hier erscheint mit seinen falschen Mitteln! Wie oft haben wir Christen im Lauf der Geschichte zu den falschen
Mitteln, zur Gewalt gegriffen!
Da sagte Jesus zu Petrus: Steck das Schwert weg! Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir der Vater
gegeben hat?
Wenn es hart auf hart kommt, gibt es nichts anderes, als den Kelch zu trinken: an der richtigen Stelle aushalten, sich
nicht herauslügen, sich nicht loskaufen mit Geld. Bisher haben sich alle daran vorbeigedrückt.
Jesus wird "den Kelch trinken", und koste es das Leben - um den Teufelskreis zu durchbrechen. Um den Willen des Vaters
zu erfüllen.
Die römische Kohorte und die jüdischen Amtsdiener ergriffen Jesus und fesselten ihn. Dann
führten sie ihn zum Hohenpriester.
Jetzt sehen wir die jüdischen Autoritäten und die römische Macht einträchtig zusammen. Sie tun sich
hier zusammen, um den einen Gerechten zu Fall zu bringen, um das wahre Licht der Welt auszulöschen.
Simon Petrus und ein anderer Jünger folgten Jesus.
Und wir folgen nun Petrus, der durch gewisse Beziehungen Zutritt in den Gerichtshof bekommt. Petrus ist in der Nähe
Jesu, und doch ist er fern von ihm. Er steht nicht zu ihm. Dreimal verleugnet er ihn.
Petrus, der erste der Apostel, wird hier beschrieben als Missversteher, als schwankendes Rohr, als einer, der noch nicht
entschlossen ist, den "Sprung" Jesu in die neue Welt des Reiches Gottes mitzumachen. Er steht hier stellvertretend
für die Kirche - für uns selbst.
Die Knechte hatten sich ein Kohlenfeuer angezündet und wärmten sich. Denn es war kalt. Petrus
stand bei ihnen und wärmte sich. Dreimal fragte man ihn: Gehörst nicht auch du zu diesem Jesus? Dreimal
leugnete Petrus. Gleich darauf krähte ein Hahn.
Petrus wärmt sich an einem Kohlenfeuer. Er wärmt sich an den falschen Kohlen - nicht an dem Feuer, das dieser
Jesus in die Welt warf.
Und Jesus ist allein. Ganz allein.
Vom Weinen des Petrus schreibt Johannes nichts. Immer wieder fehlten auch uns Christen die Tränen, um den Verrat an
Jesus zu beweinen. Fehlten uns die Worte, um um Vergebung zu bitten. Groß ist die Unfähigkeit zu trauern.
Danach führte man Jesus in die Burg, zum römischen Statthalter Pilatus.
Im weiteren Verlauf wird Jesus von Instanz zu Instanz geschoben, von Pontius zu Pilatus, wie man so sagt. Höchst
plausible Sprüche werden da geklopft, z.B.:
Es ist besser, wenn ein einziger Mensch stirbt, als dass ein ganzes Volk zugrunde geht.
Nun also Pilatus. Der betrachtet die "Affaire Jesus" eigentlich als eine innerjüdische Angelegenheit, die ihn
nichts angeht: Sollen die Juden das doch unter sich ausmachen! Aber der Angeklagte - Jesus - interessiert ihn. Der Mann
ist ein Geheimnis! Kein Narr, kein Spinner, kein harmloser Fall. Kein Verrückter! Er ahnt: Hier ist wohl einer, der
uns alle "verrücken" könnte, wenn wir uns auf ihn einließen - er könnte uns wahrhaftig in eine neue
Welt rücken, in das Reich Gottes.
Pilatus fragte: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es. Ich bin ein König.
Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der
Wahrheit ist, hört auf meine Stimme. Pilatus fragte Jesus darauf: Was ist Wahrheit?
Der Zeuge der Wahrheit - und der Politiker. Pilatus taktiert, will gleichzeitig das Volk besänftigen und Jesus
retten, will es allen recht machen, mit Diplomatie, mit Schlauheit - er spielt die Spiele der Macht dieser Welt,
während Jesus die Macht einer anderen Welt verkörpert, neben der sich Pilatus sehr erbärmlich ausnimmt.
Pilatus wendete sich ans Volk: Ich finde keinen Grund, ihn zu verurteilen. Ihr seid gewohnt, dass ich euch
am Paschafest einen Gefangenen freilasse. Wollt ihr also, dass ich euch den König der Juden freigebe? Da schrien
sie: Nein, nicht diesen, sondern Bar Abbas! Bar Abbas aber war ein Straßenräuber.
Darauf ließ Pilatus Jesus geißeln. Die Soldaten setzten ihm eine Dornenkrone auf und legten ihm einen
purpurroten Mantel um. Sie verspotteten ihn und schlugen ihm ins Gesicht. Pilatus führte ihn so vor die Menge und
sagte: Seht, da ist der Mensch!
Ecce homo. Seht - der Mensch! Der Mensch, gequält, gefoltert, verspottet, ausgegrenzt, Spielball der Gewalt. Der
Mensch Opfer der Menge, Opfer des Menschen. Damals wie heute.
Pilatus, unsicher, ängstlich, fragte Jesus: Woher stammst du? Jesus aber gab ihm keine Antwort mehr.
Was soll die Frage? Stammt Jesus von Nazaret? Ist das gemeint? Oder ist es die Frage nach seinem Wesen? Dass er von Gott
stammt? Jesus schweigt. Am Kreuz erst wird die Antwort gegeben.
Jesus schweigt. Ohne Furcht. Er ist der Überlegene.
Nachdem die Soldaten Jesus ans Kreuz geschlagen hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile
daraus, für jeden Soldaten einen. Das Untergewand war ohne Naht, von oben bis unten an einem Stück gewoben.
Deshalb sagten sie zueinander: Wir wollen es nicht zerteilen, sondern das Los darüber werfen, wem es gehören
soll.
Die Soldaten ziehen Jesus aus. Er wird nackt gemacht, so wie Adam sich als nackt erkennt. Sie wollen ihm die
Schamröte ins Gesicht treiben, aber ohne es zu wissen, haben sie den ursprünglichen Glanz des Menschen
sichtbar gemacht. Statt der Schamröte strahlt durch alle Erniedrigung und Entstellung Gottes Glanz aus dem Menschen
Jesus heraus. Die Bloßstellung enthüllt Jesus als den ursprünglichen Menschen, wie er von Gott gedacht
ist - während wir immer neue Feigenblätter, immer neue Variationen der Mode und der Verhüllung suchen,
um unsere innere Armut und Nacktheit zu verbergen. Um uns zu verstecken - wie Adam damals.
Und noch etwas: Der Leibrock bleibt ganz. In der Symbolsprache des Johannes heißt das: Die Kirche, der Leib
Christi bleibt ganz. Eine starke Bitte der frühen Kirche: Möge der Leibrock nicht zerschnitten werden -
Möge es keine Spaltung geben!
Beim Kreuz Jesu standen seine Mutter, sodann die Frau des Klopas und Maria Magdalena. Als nun Jesus seine
Mutter sah und daneben den Jünger, den er besonders lieb hatte, sprach er zu seiner Mutter: "Frau, siehe dein
Sohn!" Danach sprach er zum Jünger: "Siehe, deine Mutter!" Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
Fast alle haben Jesus verlassen. Die Jünger sind weg - bis auf einen. Es bleiben die Frauen. Maria Magdalena,
weinend wahrscheinlich; jetzt hat sie niemanden mehr, der sie nimmt, wie sie ist. Und natürlich die Mutter, Maria,
- oft hat sie ihn nicht verstanden, sie hat ihn loslassen müssen, aber jetzt ist sie zur Stelle, und später
wird sie es wissen und sagen, dass er lebt!
Sie sagt es immer noch: Er lebt! Sie, die Mutter, sie, die Kirche - da, wo sie wirklich "Mutter" ist, sagt sie es mit
großer Freude und Hoffnung: Er lebt!
Maria und der Jünger stehen für die Kirche, für die alte und die junge Kirche - und das Zueinander von
Maria und dem Jünger ist ein starkes Bild auch für heute: dass die junge, vorwärts drängende Kirche
die alte nicht ins Museum oder Altersheim steckt, sondern zu sich nimmt - und dass die alte Kirche die junge Kirche
nicht ablehnt, sondern als verwandt, als ihr "Kind" erkennt.
Am Kreuz sprach Jesus: "Es ist vollbracht!", neigte sein Haupt und gab seinen Geist auf.
(Gebetsstille)
Hier endet Jesus nicht mit einem Hilfeschrei, nicht mit dem Ruf der Verlassenheit. Hier ist sein Tod ein bewusster
letzter Akt: "Es ist vollbracht!" Und er neigt sein Haupt, wie zum Schlaf, wie der erste Adam damals in einen tiefen
Schlaf fiel - Jesus fällt in den Todesschlaf, und wieder gibt es eine Gemeinsamkeit:
Einer der Soldaten stieß dem toten Jesus die Lanze in die Seite, und sofort kam Blut und Wasser
heraus.
Dem ersten Adam im Schlaf wird die Seite geöffnet, die Rippe genommen und daraus Eva gebildet. Dem neuen Adam,
Jesus, wird im Todesschlaf die Seite geöffnet, und es fließen Blut und Wasser heraus. Das Wasser der Taufe,
das Blut der Eucharistie. So symbolisch setzt Johannes die Bilder, und er will sagen: Es gäbe keine Taufe, keine
Eucharistie, keine Kirche ohne den Tod des Herrn - ohne die geöffnete Seite Jesu Christi, aus der der Strom des
neuen Lebens quillt.
In der Nähe befand sich ein Garten und darin eine neue Gruft, in die noch nie jemand gelegt worden
war. Dort bestatteten sie Jesus, mit Rücksicht auf den Rüsttag der Juden.
Am Ende das Grab. Das Grab für einen, der sich nicht begraben lässt. Das Grab gehört Josef von
Arimathäa, der aus Furcht vor den Juden zuhause, hinter verschlossenen Türen ein stiller Sympathisant bleibt -
der erst hervorkommt, als alles aus ist. Ein Mann, der gesehen hat, dass dieser Jesus Christus wahrhaft der Retter der
Welt ist.
Und darum ist das Grab nicht das Ende.
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