Die Seligsprechung von Papst Johannes Paul II liegt nun zwei Wochen zurück. Sein Nachfolger Benedikt XVI nannte ihn
einen Türöffner - Türöffner für Christus. Ein schönes und stimmiges Bild für den
alten Papst! In einer seiner ersten Predigten 1978 hatte er gesagt: "Habt keine Angst! Öffnet die Türen
für Christus!" Das gehörte bei ihm immer zusammen: sich nicht zu fürchten, mutig und hoffnungsvoll zu
sein - und die Türen zu öffnen, nach innen, zu sich selber hin, ins eigene Herz hinein - und nach außen
hin, zu anderen Menschen und Kulturen hin. In meinem Urlaub an der Küste Kroatiens hatte ich Zeit, meine
römischen Eindrücke bei der Seligsprechung zu "verdauen", und las eine dicke neue Biographie über den
polnischen Papst. Auf den vielen Seiten ist vor allem dies beschrieben: wie er Türen geöffnet hat, auf dass
Menschen neu Christus begegnen können. Seine vielen Reisen kamen nicht aus Reiselust und touristischen Interessen;
sie dienten dazu, Türen zu öffnen, bedrängte Christen zu stärken - in Polen, in Kuba, im Hl. Land -,
die armen Länder der so genannten Dritten Welt zu ermutigen und einen Dialog zu führen mit den "Anderen".
Darum ging er noch im hohen Alter als erster Papst in Synagogen und Moscheen und scheute sich nicht, mit der
Mentalität der westlichen Welt zu "streiten", mit dem oberflächlichen Materialismus, mit dem Werteverlust und
dem Gottesverlust, der unsere Welt immer mehr beherrscht. Türen öffnen - dazu man auch einen geistigen Streit
führen, muss man sich auseinander setzen. Erst wenn man miteinander redet, kann sich etwas bewegen, kann ein
Türspalt aufgehen - für Christus.
Der Erzbischof Dolan von New York erzählte in Rom von seiner Kaplanszeit. Er betreute damals ein von
Mutter-Teresa-Schwestern geleitetes Heim für AIDS-Kranke im letzten Stadium. Es gab einen Patienten, der besonders
aggressiv war gegen alles, was mit Glauben und Kirche zu tun hatte. Und der erbat auf einmal - kurz vor seinem Tod - die
Taufe. Warum das, bei dieser Abneigung gegen alles Religiöse? Der Todkranke sagte: "Ich habe immer wieder die
Schwestern angeschaut. Die tun ihren Dienst mit so viel Freude. Selbst die dreckigsten Arbeiten sind ihnen nicht
lästig. Sie strahlen so viel aus. Ich weiß fast nichts von Gott und Jesus. Aber wenn der Glaube zu dieser
Freude führt, dann möchte ich dazu gehören." Dolan sagte noch, er habe nie wieder in seinem Leben ein so
einfaches und so bewegendes Glaubensbekenntnis gehört. Durch das Lächeln und die Freude von Ordensschwestern
ging hier mehr als ein Türspalt für Christus auf!
Nun, wir kennen auch die andere Seite. Die Türen sind fest zugesperrt. Menschen sind verschlossen für den
Glauben. Und wir, die wir ihnen nahe kommen möchten, finden den Schlüssel nicht, finden den Zugang nicht.
Papst Paul VI traf einmal Roger Schutz, den Gründer von Taizé, wo so viele Jugendliche hingingen, und sagte
zu ihm: "Sie haben den Schlüssel zu den Jugendlichen. Geben Sie ihn mir!"
Wo finden wir den Schlüssel, um Türen zu öffnen? Die Türöffner mit dem Schlüssel leben
alle aus einer starken österlichen Hoffnung: Frere Roger, Mutter Teresa, Papst Johannes Paul - ihre Hoffnung ist:
Gott öffnet Türen, wo wir nur Mauern sehen! Gott selber öffnet Türen, in Seiner Kraft werden einem
die Schlüssel zugesteckt.
In den Ostergeschichten wird immer wieder erzählt, wie der auferstandene Jesus Christus durch verschlossene
Türen ging. Was für ein Bild! Verschlossene Türen waren kein Hindernis für ihn. Die Jünger
hatten sich aus Angst vor Verfolgung förmlich "eingemauert", hatten sich zurückgezogen ins stille
Kämmerlein, hatten die Türen sehr fest hinter sich verschlossen. Und diese Mauer der Abwehr durchschreitet
Jesus. Durch die Angst hindurch kommt Jesus zu den Jüngern, spricht sie an, gibt ihnen Mut und Hoffnung und seinen
heiligen Geist.
Später erzählen die ersten Christen in den Evangelien vom Türöffner Jesus Christus. Sie erinnern
sich, wie er Menschen "geöffnet" hat, die "zu" waren - die Blinden, die Tauben, die Schuldbeladenen. Blind sein und
taub sein ist im Evangelium ein Bild dafür, dass der Mensch ganz in sich verschlossen ist, dass auch die Sinne (die
Augen, die Ohren) kein Fenster zur Welt darstellen, und dass auch der Weg zu Gott dadurch versperrt ist. Jesus aber
schafft Zugänge - schafft es, dass Menschen sich ernst genommen, ja dass sie sich geliebt fühlen. Er schafft
den großen Durchbruch durch alle Trennmauern hindurch. "Ich bin die Tür zu den Schafen," sagt er im heutigen
Evangelium. "Ich bin die Tür. Wer durch mich hinein geht, wird gerettet werden. Ich bin gekommen, damit sie das
Leben haben - und es in Fülle haben." Jesus schafft den ganz großen Durchbruch ins neue, ins ewige Leben:
durch die Tür der Gottesfreundschaft. In der Geheimen Offenbarung spricht Christus: "Ich habe vor dir eine Tür
geöffnet, die niemand mehr schließen kann." Niemand mehr - keine Macht auf Erden! Selbst die absolute
Verschlossenheit des Todes ist durch ihn geöffnet. Das letzte Wort in der Welt heißt nicht mehr Tod, sondern
Leben.
Gott öffnet Türen, wo wir nur Mauern sehen - und Bedenken haben. Das ist heute sehr stark unsere
"Mentalität", gerade in Deutschland: Wir haben in allem Bedenken. Wir trauen uns nicht. Wir sind Weltmeister in der
Angst. (German angst, sagt man z.B. in den USA). Wir versichern uns gegen alles. Wir zweifeln. Wir setzen gegen den
frischen Wind der Erneuerung Mauern - und nicht Windmühlen, auf die wir den Wind lenken könnten. Wir planen
mit Vernunft, aber ohne Gottvertrauen. Wir riskieren nichts. Wir sind oft Pessimisten und manchmal Optimisten, aber kaum
noch Träger der christlichen Hoffnung. Und wissen vielleicht, dass es in anderen Ländern ganz anders ist, dass
oft gerade die Armen die Hoffnung leben und Freude ausstrahlen.
Schauen wir "mit den Augen des Herzens" auf den Türöffner Jesus, auf die Tür mit Namen Jesus Christus,
auf den großen Durchbruch Gottes in unsere Welt hinein - und bitten ihn, dass er uns jeden Tag neu Vertrauen und
Mut und Hoffnung schenkt. Dass wir nicht gegen Mauern anrennen, sondern die schon geöffnete Tür durchschreiten
- und selber immer mehr zu Türöffnern werden. Denn Hoffnung ist die Gabe, die uns weitergehen lässt -
auch wenn wir versucht sind zu meinen, dass Gott schläft, dass er uns nicht im Blick hat. Seien wir dankbar
für diese Gabe.
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