Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt (1 Petr 3) - So
hieß es gerade in der Lesung. Fangen wir an mit dem letzten Wort: erfüllt. Die Nachfrage lohnt sich schon:
Was erfüllt uns, womit füllen wir unser Herz? Was ist uns heilig? Wofür stehen wir ein?
Es gibt eine Menge Leute, die sind nicht zufrieden damit, ihr Leben mit Dingen anzufüllen: ihre Zimmer
vollzustellen, ihre Kühlschränke und ihr Portemonnaie voll zu haben.
"Voll" - das schreckt sie eher: volle Terminkalender. Nichts geht mehr rein. Voll und satt: Sie wollen ihr Leben nicht
zustopfen und zustellen mit Tausenderlei. Weniger ist mehr, so sagen sie. Sie suchen Frei-Räume. Sie suchen Werte,
die man nicht für Geld kaufen kann, aber mit denen man wirklich leben kann! Die kleinen Hoffnun-gen des Tages sind
ihnen wichtig ("Hoffentlich ist morgen schönes Wetter"), aber sie ahnen auch eine "große Hoffnung", die
Menschen ganz und gar erfüllen kann: die Hoffnung auf eine bessere Welt, zu der ich beitragen kann. Dabei haben die
großen Programme und die großen Worte an Kredit verloren - es gibt Grund, ihnen zu misstrauen. Aber wie
wäre es mit Personen, die vertrauenswürdig sind? Wie wäre es mit Personen, auf die man bauen und seine
Hoffnung setzen kann? Wir Christen haben damit eine große und lange Erfahrung! Als Christen machen wir unsere
Hoffnung fest an einer Person: an Jesus Christus.
Personen können faszinieren. Wir haben es erlebt bei Johannes Paul II. Als er starb - vor sechs Jahren -, da zogen
Millionen Menschen nach Rom, um ihn zu verabschieden. Das war nicht "gemacht", da war keine Werbestrategie dahinter. Das
war echt empfunden. Hinter der Trauer stand eine große Begeisterung für diesen alten Mann, die auch bei
seiner Seligsprechung deutlich wurde: Man konnte sich durchaus an ihm reiben und musste nicht in allem seiner Meinung
sein. Das hielt er aus. Er hatte niemandem nach dem Mund geredet, er hatte sicher auch eine Menge falsche Entscheidungen
getroffen - aber er war ein wirklicher Zeuge Jesu Christi gewesen. Das faszinierte. Er hatte sich im jahrzehntelangen
Dienst aufgerieben, schleppte sich noch im hohen Alter an die Schauplätze der Welt und ließ bis zum
Sterbebett hin eine Hoffnung erkennen, die jung geblieben war und gerade viele junge Leute erreichte: diese
unerschütterliche Hoffnung auf Jesus Christus.
Hoffnung ist heute Mangelware. Sie kommt nicht so oft vor. Aber wenn einer sie ausstrahlt, dann kann sie anstecken. Und
dann verpufft Begeisterung nicht wie ein Strohfeuer, sondern verdichtet sich, wird zu etwas Bleibendem, zum festen
Getragen- und Gehaltensein, ja sogar zur Nachfolge.
Wären die Jünger zu Pfingsten nur kurzfristig begeistert gewesen - wie in einem Gefühlsrausch, wie bei
einem "Megaevent"-, dann würde kein Mensch mehr heute von Jesus reden! Gott sei Dank zündete der Heilige Geist
anders in den Jüngern. Es traf sie ins Herz. Es traf sie in der Mitte, es ließ sie nicht mehr los. Der Geist
Gottes erfüllte sie, und sie standen ein dafür und setzten Kopf und Kragen ein, setzten ihr Leben ein für
dieses Neue: für diese Bindung an Jesus Christus.
"Seid stets bereit, Rechenschaft zu geben von Eurer Hoffnung, Rede und Antwort zu stehen, wenn ihr gefragt werdet."
In diesen Wochen geht das Wort vom Dialogprozess durch die Kirche in Deutschland. Die Bischöfe laden dazu ein. Sie
möchten eine "Spirale des Vertrauens" in Gang setzen - möchten zuhören und nicht nur reden, möchten
das Misstrauen überwinden helfen, möchten ein großes Nachdenken vieler Christen über unsere
christliche Hoffnung. Vielleicht lässt sich die Grundfrage so stellen: Was will Gott uns damit sagen, dass wir
Christen eine Minderheit werden und der Glaube den meisten Menschen ziemlich gleichgültig ist?
Was will Gott uns damit sagen? Ist uns diese Situation und diese Zukunftsaussicht egal? Klagen und jammern wir nur -
dass früher alles besser war, dass das Bewährte und Vertraute zerbricht und "alles den Bach runtergeht"?
Ein nachdenklicher Mitmensch, mit dem ich vor kurzem darüber sprach, sagte mir: "Der Glaube wird zur reinen
Privatsache. Da lebt er dann noch ein wenig im "stillen Kämmerlein" - und schwächelt vor sich hin. Und niemand
kriegt ihn mit! Er hat kaum Austausch, er wird nicht herausgefordert. Er braucht nicht Rede und Antwort zu stehen."
(Denken Sie an die Karikatur, wo ein Ehepaar zuhause Gäste erwartet, und der Herr des Hauses stellt einen
großen Blumenstrauß vor das Kreuz an der Wand, mit den Worten: "Muss ja nicht gleich jeder sehen!") Ja, der
Glaube traut sich nicht mehr recht heraus. Er ist "verschämt" geworden. Er scheint sich zu schämen. Wenn aber
von Gott und vom Glauben kaum mehr die Rede ist, dann kommt der Glaube auch kaum mehr vor.
Aber es gibt auch ermutigende Beispiele. Ein Mann, aus der Kirche ausgetreten, aber auf der Suche, bekommt auf der
Arbeit von einem freikirchlichen Kollegen ein Neues Testament in die Hand gedrückt: "Hier, lies mal." Er tut es,
und in den nächsten Wochen gehen alle inneren Lichter an bei ihm. Und es passiert eine Conversion, eine
Lebenswende. Wäre der gläubige Arbeitskollege stumm und verschämt geblieben und hätte nichts gesagt,
so wäre wohl nichts passiert.
Oder - ich habe dies gestern gehört -: Eine alte Frau kommt ins Altenheim, freundet sich dort ein wenig mit einem
Zivi an, sie unterhalten sich über vieles, und die Frau fragt den Jungen: "Glaubst du eigentlich an Gott?" Der
Junge schüttelt den Kopf: er habe schon zu viel Schlimmes gesehen und miterlebt. Die alte Frau gibt ihm mit: "Ich
glaube, du wirst den Weg zu Gott noch finden, du hast noch viel Zeit vor dir, und ich werde für dich beten." Das
ist keine Konversionsgeschichte, aber die Frau fordert den Jungen heraus - zum Nachdenken, und so kann sich etwas
bewegen im anderen Menschen. Ohne Rede und Antwort bewegt sich nichts!
Ein Mann aus der früheren DDR sieht ein Großplakat der Aktion gott.net an der Autobahn bei Berlin und mailt
den Verantwortlichen: "Ich sah euer Plakat mit der dreifach wiederholten Aussage "Ich liebe dich":- Gott. Ich bin
zurzeit in einem tiefen Loch, hab Schlimmes hinter mir - aber dieses Plakat war wie ein Himmelsbote. Es hat mich
wirklich gestärkt und aufgebaut. Und das auf der Autobahn!"
So kann es kommen: ein "Himmelsbote auf der Autobahn". Himmelsboten, die Rede und Antwort stehen. Oder die so leben,
dass sie gefragt werden. Menschen, die durch eine Einladung, durch eine Frage, durch eine Geste beim anderen etwas in
Gang bringen - und der tief gefrorene Glaube taut wieder auf. Die verschüttete Hoffnung wagt sich wieder ans Licht.
Himmelsboten: im Hausflur, am Krankenbett, beim Einkauf - oder auf der Autobahn. Himmelsboten, die zu mir sprechen -
nicht so direkt, eher "durch die Blume". Aber wach und oft mutig. Vielleicht kann ich selber auch so ein "Himmelsbote"
sein …
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