GOTT IM FEUER: Ein starkes Bild… Das Feuer ist lebendig, verzehrend, nicht zu fassen, nicht zu zähmen, nicht in
Form zu bringen. Für die pfingstlichen Feuerzungen gibt es ein Vorbild: den brennenden Dornbusch. In der Wüste
steht ein kahler Busch, der brennt und doch nicht verbrennt, und daraus hört Mose die Stimme Gottes: "Ich brenne
vor Liebe zu euch. Mein Name ist Jahwe - der Ich-bin-da-für euch! Ich habe die Schreie meines Volkes gehört.
Ich sehe die Sklaverei in Ägypten. Ich möchte euch befreien."
Und nun - heute - die Feuerzungen. Manchmal erleben wir Menschen "mit Feuerzungen", Menschen, die "Feuer und Flamme"
sind, in denen die Be-geist-erung lodert. Menschen, die wir so sehr brauchen und oft so sehr vermissen: Menschen mit
brennenden Herzen, "burning persons".
Das zweite pfingstliche Bild: GOTT IM WUNDER DES VERSTEHENS. Fremde Sprachen werden verstanden. Die lange
Völkerliste von damals (Parther, Meder, Elamiter …) ist in dieser Messe ersetzt durch Polnisch, Italienisch,
Französisch, Kroatisch, Ewe (eine Stammessprache in Westafrika), Spanisch und natürlich Deutsch. Verstehen der
anderen! Nun, ich habe gerade z.B. Ewe nicht verstanden, aber ich spüre, dass eine fremde und andere Kultur
zugänglich ist für den Geist Gottes! Der Heilige Geist bleibt nicht stecken im Vertrauten, bleibt nicht
stecken in Jerusalem oder Rom. Er überschreitet Grenzen. Er geht nach draußen. Er schenkt allen ein Zuhause -
quer durch die Sprachen, Kulturen, Nationen, vielleicht sogar quer durch die Religionen.
Zwei Erlebnisse auf Reisen: ich nehme teil an einer Messe in einem abgelegenen Bergdorf Guatemalas und an einer
Sonntagsmesse auf einer kleinen Insel im Viktoriasee, in Kenia. Beide Male sind die Einheimischen ansonsten unter sich.
Stammessprachen werden gesprochen. Ich verstand nichts - und ich verstand zugleich alles! In den Gebeten verstand ich
manche Worte: Jesus Christus, oder Amen, oder Halleluja - das sind offensichtlich universale Worte. Ich verstand den
Ablauf, die menschlichen Gesten, besonders den lang dauernden Friedensgruß. Ich verstand die große
Gemeinsamkeit des Glaubens und fühlte mich zuhause, - einer, der aus einer ganz anderen Welt kommt, fühlt sich
"adoptiert", fühlt, dass er dazugehört.
Auch zum Sprachenwunder des Verstehens gibt es im Alten Testament ein mächtiges Vorbild, oder besser gesagt
Gegen-Bild: den Turm zu Babel. Der bedeutet: wie Gott sein zu wollen - Herrschaft und Dominanz - alles toppen, im
Ranking an der Spitze sein wollen, ein unaufhörlicher Ego-Trip, die Karriereleiter immer höher rauf,
gnadenloser Gebrauch der Ellenbogen: Eifersucht, Neid und Hass im Gefolge. Die Banken- und Finanzkrise der letzten Jahre
war ein deutlicher Beleg, dass am Turm von Babel immer noch gebaut wird. Immer wieder stürzt er ein, reißt
alles mit herun-ter, bringt alles durcheinander - ganz gewiss das Verstehen. "Diabolos" ist das griechische Wort
für Teufel: es ist der, der alles durcheinanderbringt, der das große Chaos schafft, das Tohuwabohu. Das ist
"diabolisch" auch heute: alles durcheinander bringen, Zwietracht stiften, Einheit und Verstehen verhindern, das soziale
und menschliche Klima vergiften.
Verstehen ist nicht einfach. Es sind ja nicht nur die fremden Sprachen, die man nicht versteht! Es sind die
unterschiedlichen Denk- und Lebensweisen - die Weisen, wie die Menschen "ticken".
Nehmen wir Mann und Frau: Der Comedian Mario Barth füllt mit diesem Thema (vor allem mit der Weise, "wie die Frauen
ticken") Fußballstadien. Der Humorist Loriot führt in einem Sketch einen ehelichen Dialog vor, lässt
Mann und Frau völlig aneinander vorbei reden und endet mit dem lakonischen Schlusssatz: "Mann und Frau passen eben
einfach nicht zusammen!"
Nehmen wir Jung und Alt: Das kann ein Gespräch wie unter Tauben sein. Ganz andere Welten stoßen aufeinander.
Der Junge hört nicht, weil er gerade einen Walkman im Ohr hat - und der Alte versteht nicht, weil er tiefsitzende
Vorurteile hat.
Nehmen wir unterschiedliche Fans: Schalke- und Borussia-Fans zusammen, hartgesottene SPD- und CDU-Parteigänger,
kirchliche Rechte und Linke. Wechselseitiges Verstehen, Dialogwille? Kaum zu vermuten. Stattdessen eher ein Verhalten
wie in Talkshows: Schlagabtausch, den anderen austricksen, Vorteile für die eigene Position nutzen.
Die herrschende Denkform des Individualismus drängt uns (bei allen positiven und freiheitlichen Zügen, die der
Individualismus auch hat), die Unterschiede zu kultivieren, das eigene Ego zu pflegen, "meine Welt" zu suchen (nicht die
der "Anderen") und das Verstehen und Bemühen um Einheit zu vernachlässigen. Was für eine Talkrunde, die
einmal so ansetzen würde: Was können wir gemeinsam tun für unser Land, für unsere Kirche?
Noch schwieriger: Arm und Reich. Europa schirmt sich ab, Tausende von Afrikanern kentern auf ihren Booten im Mittelmeer.
Viele ertrinken. Verstehen? Eher Abwehrreflexe: Die westliche Welt stößt auf die Welt der Eingeborenen in
Südamerika oder Afrika: Verstehen? Nur am Rande. Stattdessen eher Unterwerfung, Beherrschung oder Ignorierung der
fremden Kulturen. Das alles ist die Welt von Babel, gestern wie heute!
Gibt es einen Weg von Babel nach Pfingsten? Einen Weg zum Verstehen? Bausteine dieses Weges sind alle Versuche, sich auf
die Anderen einzulassen, sie zu besuchen, sie kennen zu lernen. Was für Chancen liegen im Reisen! Wie gut, dass
viele Jugendliche ein Jahr in den USA oder auf den Philippinen verbringen. Wie gut auch unsere Lüdenscheider
caminos de amistad, der Austausch zwischen jungen Leuten aus Deutschland und Guatemala. Aber wenn dieses Reisen
und Begegnen fruchtbar werden und folgenreich bleiben soll, muss ihm eine Grundentscheidung, ja fast eine "Bekehrung"
zugrunde liegen. Eine Stipendiatin unseres Projekts "Samenkorn" hat das so ausgedrückt: "Man hat uns
herausgefordert, mehr und mehr im Plural, in der Wir-Form zu denken und zu handeln." Ein toller Satz! Nicht - wie
üblich -: Wie kriege ich eine Karriere hin? Wo liegen die Vorteile für mich? Dieses ICH ICH ICH. Sondern: In
der Wir-Form zu leben und dabei den Kreis nicht zu klein zu ziehen. Das Wohl des Nächsten und der Gemeinschaft im
Blick zu halten. Nicht nur: Was kann ich kriegen? Sondern mehr noch: Was kann ich geben? Die Wir-Form einüben, das
ist der Weg in Richtung Verstehen.
In solchen Sätzen höre ich die Stimme Gottes heute aus dem "brennenden Dornbusch" heraus, in den Wüsten
von heute, in dem kargen und dürren Gestrüpp von heute, in den dornigen Verhältnissen von heute.
Er spricht immer noch - sagt immer noch: "Ich brenne vor Liebe zu euch. Ich bin da für euch." Noch immer schickt er
seine Feuerzungen. Wo sie zünden, werden solche Sätze gesagt: "Wir wollen in der Wir-Form denken und handeln."
Wir wollen verstehen, wir wollen zusammen halten. Wir wollen Zeugen Gottes und seiner Liebe sein in dieser Welt!
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