Bei diesem wirklich schwierigen Evangelium denke ich als erstes an einen kleinen Text von Lothar Zenetti, einem
inzwischen pensionierten Pfarrer aus Frankfurt:
Ich traf einen jungen Mann,
kerngesund, modisch gekleidet, Sportwagen,
und fragte beiläufig,
wie er sich fühle:
Was´ne Frage, sagte er: alles Mist!
Ich fragte, ein wenig verlegen,
eine schwerbehinderte ältere Frau
in ihrem Rollstuhl, wie es ihr gehe:
Gut, sagte sie, es geht mir gut….
Da sieht man wieder, dachte ich
bei mir, immer hat man
mit den falschen Leuten Mitleid…
Ich kenne beide Typen: den ersten Typ etwas häufiger. Der zweite kommt seltener vor. Dem ersten Typ geht es nach
dem Augenschein eigentlich ganz gut. Er schwimmt stromlinienförmig mit in der Luxuswelt, er kann sich einiges
leisten, der Sportwagen wird erwähnt, - und trotzdem: Er sagt: Alles Mist! Es gibt noch ein kräftigeres,
häufigeres Wort, das ich mir verkneife, weil wir hier in einem Gottesdienst sind, und das Zenetti eigentlich da
in seinem Text stehen hat.
Das Lebensgefühl vieler! Auch derer, die alles zu haben scheinen! Aber einiges fehlt, vielleicht ist die Freundin
gerade abgehauen, beim Sportwagen ist eine teure Reparatur fällig, etwas läuft schief, und der Typ Nummer Eins
reagiert vor allem auf das, was daneben geht. Er sieht nur, was fehlt, sieht nur die Defizite - das, was nicht da ist.
Und ist darum permanent frustriert und unzufrieden. Eben: Alles - Mist!
Anders die alte Frau. Kein Sportwagen ist da, sondern ein Rollstuhl. Gut, sagt sie, es geht mir gut. Sie achtet nicht so
sehr auf das, was ihr fehlt (Gesundheit, Attraktivität), sondern auf das, was da ist: das Leben. Das macht ihr
Lebensgefühl aus. Ihr Blick auf das Leben ist dankbar. Trotz aller Behinderungen: Sie hat ihre Lage angenommen. Sie
trägt ihr Kreuz bewusst. Sie lebt im Einklang mit ihrem Leben. Sie weiß, wofür sie lebt.
"Da sieht man wieder, dachte ich bei mir, immer hat man mit den falschen Leuten Mitleid." Und das ist wahr: vielleicht
sollten wir unser Mitgefühl nicht immer auf die Klischees der "Armen und Kranken" richten: die alte Frau im
Rollstuhl und alle, die wir der Caritas zuschieben - vielleicht sollten wir manchmal wirklich eher denken an die so
sicher und stark und erfolgreich Wirkenden, die innerlich leer und ausgebrannt sind und hinter der schönen Fassade
eben nicht mehr empfinden und nicht mehr herausbringen als "Alles Mist!"
Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren: wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.
Das ist kein Satz wie "Zwei und zwei ist vier"; das ist ein paradoxer Satz, an dem man sehr lange herum kauen kann. Ganz
sicher ist darin eingeschlossen: Die Gewinn- und Verlustrechnung des Lebens richtet sich nicht nach dem Bankkonto, nicht
nach dem Sportwagen, nicht nach dem Erfolg. Auch nicht nach unseren Vorstellungen vom Glück, harmonischen
Beziehungen, größtmöglicher Entfaltung unserer kreativen Möglichkeiten - oder wie immer sonst die
Glücksverheißungen von heute lauten mögen.
Wonach richtet sich die Gewinn- und Verlustrechnung denn sonst?
Ich taste mich weiter an das Evangelium heran. Meine Erfahrung mit dem Wort Gottes ist die, dass es die Gewinn- und
Verlustrechnung des Lebens am besten und deutlichsten beschreibt. Ich kenne zumindest keine andere Quelle, die das so
kann - die den Menschen in seinem Durst nach Gewinnen und in seiner Angst vor dem Verlieren und dem Verlust so
nähren kann - und uns damit so herausfordert! Meine Erfahrung mit mir selber ist, dass auch in mir - in dem
Priester, in dem Verkündiger des Wortes Gottes - manchmal die innere Mitte bedroht ist. Die Stelle, die die Bibel
das "Herz" nennt, oder die "Seele": schwierig, diese Stelle genauer zu definieren.
Aber da es Ihnen wahrscheinlich ähnlich geht, ahnen Sie wohl, was ich meine. Die innere Mitte, das Herz, die Seele,
das innere Zuhause - die Ebene, wo ich mir selbst begegne, und wo Gott mich anspricht und mir begegnet. Die ist manchmal
wirklich bedroht, ist zugestopft mit Tausenderlei, mit Ablenkungen und rastlosem Hin und Her und mit Bequemlichkeit: und
ich spüre, wie leer einen das alles hält! Im Inneren ist dann eigentlich nichts - zumindest nichts zu
spüren. Das ist wirklich "alles Mist"! Eines allerdings ist wohl immer da: das leise und manchmal stürmische
Verlangen und die Sehnsucht, aus dieser Leere herauszukommen, sich nicht in ihr einzurichten, sich nicht mit ihr
abzufinden.
Für mich ist das die Sehnsucht nach Gott, die die Leere des Herzens füllen kann. Und wenn er das tut - er tut
es immer wieder -, dann ist das für mich der größte "Gewinn"! Dann ist "alles gut" - auch wenn noch so
viele Probleme ungelöst sind! Dann wird er zur "Mitte" - und von ihm her klärt und fügt sich alles.
Aber was heißt: das Leben zu verlieren um seinetwillen, um Christi willen? Die ersten Hörer dieses Wortes,
die Jünger und Apostel, wussten es, erfuhren es hautnah. Das Evangelium von heute ist der letzte Teil der
"Aussendungsrede", mit der die Jünger losgeschickt werden. Liebe Christen, Sie werden einige Sätze davon wohl
im Ohr haben: Die Ernte ist groß; aber es gibt nur wenige Arbeiter. Oder: Nehmt Nichts mit, keine
Vorratstasche - Nichts! Oder: Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe! Oder: Ich bin nicht
gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.
Ungemütliche Sätze, unheimliche Sätze! Wirklich: Jesus verspricht seinen Jüngern nicht "das Blaue
vom Himmel herunter"; er gaukelt ihnen keine Glücksverheißungen vor. Das macht seine Worte so ehrlich! Er
kündigt ihnen Ablehnung, Schwierigkeiten und Verfolgung an. Das Wunder ist: Sie bleiben dabei. Sie sagen nicht: Du
kannst uns mal. Sie gehen in diese sperrige, widerständige Welt hinein - um seinetwillen - und gewinnen das Leben!
Gut, wenn wir das auch von uns heute sagen könnten: Wir gehen in diese sperrige, widerständige Welt von heute
hinein - mit unseren Glaubensversuchen, mit unserem oft angefochtenen und mutlosen Herzen - und gewinnen - das Leben!
Das Leben mit ihm - mit ihm, dem Mitgeher.
Papst Paul VI hat 1970 einen ebenfalls sehr paradoxen Satz gesagt: "Wenn es schwer ist, ein Christ zu sein - dann ist es
leicht, ein Christ zu sein. Und wenn es leicht ist, ein Christ zu sein - dann ist es schwer, ein Christ zu sein."
Ja, wenn unser Glaube herausgefordert wird und unser Widerstand gefordert ist, dann ist es eigentlich leicht, wirklich
ein Christ - nah bei Christus - zu sein. Und wenn alles glatt und leicht läuft und unser Christsein seicht vor sich
hin plätschert - ganz ohne das Kreuz -, dann ist es eigentlich schwer, wirklich ein Christ zu sein! Bitten wir Gott
um die Kraft, unser Kreuz mit Christus zu tragen und so mit Ihm auf dem Weg zu sein - auf dem Weg zum wirklichen
Christen.
( Nach der Kommunion):
Im Warteraum eines Spitals in New York steht auf einer Bronzetafel folgender Text:
Herr, ich habe dich um Erfolg gebeten und Stärke. Du hast mich schwach werden lassen, damit ich gehorchen lerne.
Ich habe dich um Gesundheit gebeten, um große Dinge zu tun. Ich habe die Krankheit erhalten, um gute Dinge zu tun.
Ich habe dich um Reichtum gebeten, um glücklich zu sein. Ich habe die Armut erhalten, um weise zu werden.
Ich habe dich um Macht gebeten, um von den Menschen geschätzt zu werden. Ich habe die Ohnmacht erhalten, um
Verlangen nach Dir zu spüren.
Ich erhielt nichts von dem, was ich erbat. Aber ich erhielt alles, was gut war für mich.
Gegen mich selbst wurden meine Gebete erhört.
Ich bin unter allen Menschen ein gesegneter Mensch!
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