Der Sämann ging aus, um zu säen. Aber das ist kein Bauer aus Westfalen! Der würde das Saatgut niemals so
verschleudern. Anstatt erst zu pflügen, schreitet dieser Mann aussäend über ungepflügtes
Stoppelfeld! Sät auf den Weg, den die Nachbarn getreten haben. Sät in Disteln und Dornen. Sät in
dünnen Humus, der nur notdürftig steinigen, felsigen Grund bedeckt. Erst nach dieser Aussaat wird
umgepflügt. Ein merkwürdiger Bauer! Kein Wunder, dass aus der Saat nicht viel wird - betriebswirtschaftlich
geht dieser Sämann bald in den Ruin.
Wir haben ein Gleichnis gehört. Es sagt uns: So arbeitet Jesus, der Herr! So arbeitet er in Galiläa, in
Lüdenscheid und anderswo - ohne ausgeklügelte Strategie, ohne genau geplante Werbetechnik. Er geht nicht
rechnend und kalkulierend vor, wie ein Manager das tun muss, sondern verschwenderisch. Er verschwendet seine Worte,
seine Taten, seine Liebe an die kleinen Leute seiner Zeit: die Fischer, die Armen, die Frauen und Kinder. In Wort und
Tat verschwendet er sich selbst an die Leute! Großzügig, voller Hoffnung! Manchmal traurig über die
Schwerhörigkeit, über die Hartherzigkeit. Erschüttert über die Ablehnung, der er begegnet.
Sein Weg durch Galiläa ist kein Siegerweg. Die Pflugschar stößt auf Widerstand, bildlich gesprochen:
auf Felsengrund. Der Sämann Jesus selber scheitert zunächst am Widerstand seiner Feinde, er hängt am
Kreuz. Doch die Verschwendung wird unentwegt fortgesetzt - erst recht nach dem Tod am Kreuz. Die Frohe Botschaft wird in
alle Welt gebracht: in alle vier Winde und Himmelsrichtungen, auf jede Art Land gesät - unter Gerechte und
Ungerechte, Faule und Fleißige, Fromme und "religiös Unmusikalische".
Und wiederum ist das Ergebnis bescheiden genug. Nahezu 2000 Jahre Saat des Evangeliums - und immer wuchert die Saat von
Hass und Gewalt, von Egoismus und Eigennutz und erstickt das gesäte Wort. Unter dem dünnen Humus scheinbarer
Christlichkeit ist oft hartes Gestein, lagern harte Herzen. Es wird gepredigt, getauft, viel Christliches gedruckt und
gelesen - aber es scheinen ausgetretene, oft beschrittene Wege damit nur noch ausgetretener, festgetretener zu werden.
Das Wort schlägt nicht Wurzel, bleibt liegen - und schon kommen die Vögel und picken es weg, und es bleibt
nichts zurück.
Aber: Es wird immer weiter gesät! Verschwendung sondergleichen! Wichtige Manager kritisieren die Kirche, sie
arbeite unwirtschaftlich. Der große Aufwand stehe in keinem Verhältnis zum mageren Ergebnis. Man müsse
ganz anders vorgehen. Die Verschwendung beenden. Vielleicht sich konzentrieren auf die kleine Herde hoch interessierter
Gleichgesinnter, wie es die Sekten nicht ohne Erfolg versuchen.
Man könnte das eine oder das andere und noch vieles mehr tun - wenn da nicht das Gleichnis vom Sämann
wäre, wenn dieser Sämann nicht Jesus Christus hieße und wenn seine Verschwendung nicht die Art Gottes
wäre, mit uns Menschen umzugehen! Sie erspart uns nicht redliches Planen und Überlegen - aber mehr noch sagt
sie uns, dass das Entscheidende nicht von unserer Unternehmungslust abhängt, nicht von unserer Klugheit und
unserem Können. Das Gleichnis von diesem merkwürdigen Sämann lädt ein, die Frohe Botschaft - die
beste Botschaft der Welt - spontan, großzügig, verschwenderisch, geduldig, beständig auszusäen,
ohne den ständigen Druck des Erfolgs.
Wie anders könnten wir heutzutage Erstkommunion feiern, Kinder in Kontakt mit Jesus bringen, dass er ihre Herzen
berührt? Er ist damals so vielen Menschen begegnet, hat viele innerlich berührt - ohne dass sie hinter ihm
hergingen, ihm nachfolgten, seine Jünger und Jüngerinnen wurden. Das ist es wohl: Niemand weiß im
Voraus, wo die Saat des Evangeliums guten Boden finden wird. Ich weiß es nicht einmal von mir selber. Auch in mir,
in jedem ist der festgetrampelte Weg, der die Saat nicht aufnimmt - die festgetrampelten Gewohnheiten, die eingespielten
Konventionen, die Lebensroutine, die sich nicht aufstören lässt und ihre Ruhe haben will. Auch in mir ist
unter der dünnen Humusdecke der felsige Grund, hart und widerständig wie Granit. Auch in mir wachsen die
Disteln und Dornen, in denen sich die Saat verfängt: die schönen Ablenkungen des Lebens, die Hobbys und Moden
und Lustbarkeiten - alle nicht böse, alle berechtigt - aber eben ablenkend. Sie haben die Kraft, uns ganz in
Beschlag zu nehmen, sie nehmen uns den Raum für anderes. Die Saat bleibt ohne Wurzeln. Aber auch in mir und in
jedem die Chance des guten Bodens, die Chance der inneren Aufmerksamkeit und Offenheit zur rechten Zeit, die Chance der
guten Früchte, dreißigfach, sechzigfach, hundertfach.
Wer ist empfänglich für die Botschaft Jesu, für die verschwenderisch angebotene Saat? Wir wissen es
nicht, und wir irren uns oft genug in unserer Einschätzung. Allzu rasch melden sich die Vorurteile, und wir
empfinden Menschen im kirchenfernen Milieu als "steinigen Boden". Aber hier ergeben sich oft die besten Gespräche,
die lebhaftesten Fragen, das intensivste Nachhaken. Es ist nicht voraussehbar, wo steiniger und wo fruchtbarer Boden
ist. Darum haben wir wie der Sämann grundsätzlich überall mit der Möglichkeit guten, fruchtbaren
Bodens zu rechnen. Wir erleben da unsere Überraschungen. Und wie groß mag die Überraschung am Erntetag
sein, wenn - vielleicht - die "Zöllner und Sünder" von heute mit guter Frucht. Wer weiß das schon, und
wer weiß, wie er selber da steht in der Ernte?
Aber noch ist die Zeit der Aussaat. Noch ist die göttliche Verschwendung im Gang - in der Zuversicht, dass da und
dort die Saat aufgeht und erblüht. Oft nur in Einzelnen - aber ihr Glaubens- und Lebensbeispiel wirkt dann
dreißig- oder hundertfach. Das Beispiel, der Mut, die Glaubens- und Lebensfreude der Einzelnen mitten im Alltag,
das ist es, was heute wirkt, mehr als alles gut gemeinte Reden und Diskutieren, das oft so fruchtlos bleibt. Ich
weiß nicht, wer genau zu diesen Einzelnen gehört. Aber ich weiß: in jedem von uns drängt die Saat
des Sämanns, das Wort des Herrn, zum Wachstum und Wurzelschlagen und zu guter Frucht: dreißig-, sechzig-,
hundertfach.
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