Übers Wasser laufen
Predigt 06.08.2011
Eine merkwürdige Geschichte: Da laufen zwei übers Wasser. Der eine - Jesus - gekonnt. Der Andere - Petrus -
möchte gern, kann aber nicht richtig, geht darum unter. Im Boot wäre es sicherer gewesen.
Wenn es nach Sicherheit geht, bleiben wir am besten auf der Erde. Mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Ein klarer Standort,
unverrückbar. Da kennen wir uns aus. Da kann uns keiner was, da geht alles seinen gewohnten Gang.
Aber da fällt dann eben auch manches flach: Weite Aussichten, Wagnis und Abenteuer, Neuland entdecken, Aufbruch und
Neubeginn. Luft und Wasser stehen dafür, bildlich gesprochen. In die Luft zu gehen - zu fliegen - macht durchaus
Angst; manche mögen nicht fliegen. Übers Hochseil zu laufen - nichts für jedermann! Aber ist das Leben nicht
manchmal ein Drahtseilakt? Kaum noch Boden unter den Füßen, kaum noch Halt - man kann tief abstürzen, und
auch der Glaube ändert nichts an diesem Drahtseillauf; er gibt uns aber die Hoffnung, dass da ein Netz ist, das uns
auffängt, im Sturz.
Ähnlich das Element Wasser. Man muss sich die Menschen zur Zeit Jesu als Nichtschwimmer vorstellen, als wasserscheu.
Wasser hat keine Balken, so empfanden sie. Das Meer ist so abgründig. Aber ist das Leben nicht immer wieder wie ein
Herumpaddeln im Meer? Das Wasser steht einem bis zum Hals, und kein fester Grund zeigt sich? Man erlebt dann, dass das
Leben so bodenlos und abgründig sein kann wie das tiefe, weite Meer. Und mancher "geht baden", mancher geht unter.
Das Evangelium sagt nun: In der vierten Nachtwache - am frühen Morgen - kommt Jesus auf die Jünger, auf die
Menschen zu. Das ist immer seine Richtung: auf die Menschen zu. Auf uns zu. Um diese Richtung durchzuhalten, läuft er
sogar übers Wasser. So erzählt das die Bibel, und es schwingt mit: Er geht über den Abgrund, er
überwindet die tiefsten Gräben. Der allertiefste Graben ist der Tod; da fällt jeder hinein und kommt nicht
mehr raus. Aber auch diesen Graben überwindet der Herr; er nimmt ihn auf sich und wird aus dem Graben herausgezogen.
Er ersteht auf aus den Abgründen und hilft uns hinüber.
Dieses Gehen über das Wasser, über den Abgrund kommt den Jüngern gespenstisch vor. "Ein Gespenst", so rufen
sie, und so werden sie auch später rufen, als sie dem Auferstandenen begegnen. Wer immer nur mit beiden Beinen fest
auf dem Boden steht, auf dem Boden des Alltags, der manchmal sehr schmalspurig ist, - der hat es nicht unbedingt mit den
Wundern, mit dem Wunderbaren, mit dem, was uns staunen lässt. Auch nicht mit dieser wunderbaren und unbeirrbaren
Richtung Jesu hin zu den Menschen. Selbst ein Meer, ein Abgrund kann ihn, Jesus, nicht aufhalten. Und so läuft er auf
das Schiff zu, auf das Schifflein "Gemeinde", auf das Boot "Kirche", das gerade heute hohen Seegang hat, das gerade heute
von Wind und Wellen hin- und her geschüttelt wird. Er bemerkt die Angst, auch heute, und lädt ein zum Vertrauen:
"Schaut nicht auf die Angst", so scheint er zu sagen, "Fixiert euch nicht darauf. Schaut weiter. Über euch hinaus.
Schaut auf mich."
Petrus, mit dem Mund immer vorne weg, lässt sich das nicht zweimal sagen. Wenn Jesus auf ihn zukommt, dann will er
auch auf ihn zugehen, ihm entgegengehen. Er will das tun, was Jesus tut - er will ihm nachfolgen. Unter Umständen:
raus aus dem Boot, raus aus der Sicherheit! Unter Umständen: quer übers Wasser, quer über den Abgrund! Ganz
allein, als Einzelner - so wie es heute vielen mit ihrem Christsein geht. So möchten wir den Glauben nicht unbedingt;
lieber hätten wir ihn als Sicherheit, in der wir uns bergen können und die uns schützt. Hier aber wird der
Glaube als Wagnis gezeigt.
Jesus ermächtigt den Petrus nun zu diesem Wagnis - bildlich gesprochen: aufs Wasser zu kommen. Nachfolge geht nicht
auf eigene Faust, man wird dazu gerufen, berufen. Darum sagt Jesus: "Komm!" Petrus steigt aus dem Boot und wagt die
Nachfolge. Und das Wasser trägt - zunächst! Sein Leben ähnelt später wirklich einem Lauf übers
Wasser - oder über glühende Kohlen. Auf ihn warten: Gefängniszelle, Verfolgung und Märtyrertod:
Kreuzigung mit dem Kopf nach unten. Dies ahnend kann man schon mit der Angst zu tun kriegen - und sinken! Wer der Angst
immer mehr Raum gibt, wer sich darauf und auf sich selbst konzentriert, der kann untergehen. Den hält nichts.
Hoffentlich sieht er die ausgestreckte Hand - sie bietet Halt an, sie packt nicht gewaltsam zu, sondern lässt
Freiheit. Hoffentlich lässt er sich ergreifen - wie Petrus.
Liebe Schwestern und Brüder, gute Zeiten sind uns nicht versprochen und nirgends garantiert. Fester Boden ist uns
nicht verheißen, auch nicht das Ende des Sturms. Aber auf die ausgestreckte rettende Hand dürfen wir hoffen. Und
auf die Stimme, die sagt: "Komm. Hab' keine Angst. Hab' Vertrauen. Ich bin es."
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