Auch Jesus lernt dazu …
Predigt 14.08.2011
Das ist eine Heldengeschichte. Held ist eine heidnische Frau. Und am Schluss - aber wirklich erst da - wird auch Jesus
heldenhaft.
Schade, dass wir nicht mehr über die Frau wissen. Niemand hat ihr Denkmäler gebaut, niemand sie in den
Heiligenkalender aufgenommen. Ihr Name wird nicht mitgeliefert. Nur eines ist klar: Sie "gehört nicht dazu". Sie ist
keine Jüdin. Sie lebt jenseits der Grenze, im heutigen Libanon, im Land der Heiden. Ein kleines Stückchen "Multi-
kulti" also schon zur Zeit Jesu. Eine Ausländerin: wahrscheinlich mit anderer Sprache, ganz gewiss mit anderer Kultur
und anderer Religion. Vergleichbar einer Türkin heute - in Lüdenscheid. Aber wenn Menschen Sorgen und Nöte
haben, dann sind ihnen diese Grenzen und Unterschiede egal. Dann suchen sie Hilfe - auch bei einem Rabbi oder Pastor, auch
bei einem Glaubensmann der fremden Religion. Und dann finden sie schon die Sprache, die nötig ist. "Hilfe", werden sie
rufen, oder wie hier: "Hab Erbarmen!" Hilferufe werden international verstanden, quer durch die Sprachen. Hilfe - denn ihre
Tochter ist krank, von Dämonen gequält, besessen, also irgendwie psychisch schwer gestört. Und die Mutter
leidet mit, sie bekommt die Auswirkungen der Krankheit ja ständig mit, die Aggressionen oder Anfälle von
Wahnsinn. "Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids!", ruft sie, und wir können merken: Sie geht über die
Grenze, über die Grenze der fremden Kultur und Religion hinweg. Sie spricht Jesus wie eine Jüdin an: Sohn Davids.
Offensichtlich ist sie ein Typ, die Brücken baut, ein Typ des Gesprächs und Dialogs.
Und Jesus? Er "gab ihr keine Antwort". So nah und sympathisch die heidnische Frau uns wird, so fremd wird uns jetzt Jesus.
Im Folgenden erscheint er wirklich nicht im schmeichelhaften Licht, und man kann sich schon fragen, warum Matthäus
diese heikle Geschichte in sein Evangelium aufgenommen hat. Jesus, der doch sonst immer auf Notleidende zugeht, wirkt jetzt
sehr "von oben herab". Er sperrt sich, er will nicht. Er sperrt sich auch gegen die Jünger, die vermitteln wollen:
"Befrei sie von ihrer Sorge, denn sie schreit hinter uns her." Das heißt im Klartext: "Hilf ihr, sonst lässt sie
uns nicht in Ruhe. Ist ja peinlich, dieses Geschrei, diese überdrehte Frau!" Das gibt es also auch, und nicht zu
knapp: Hilfe, nicht weil der andere sie braucht, sondern damit man ihn los wird und seine Ruhe hat.
Warum sperrt Jesus sich? Warum hilft er nicht? Er sagt: Ich bin nicht zuständig. Das ist nicht mein Revier. "Ich bin
nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt." Jesus sagt: D a s ist meine Aufgabe: Gottes auserwähltes
Volk Israel zu dem zu machen, was es eigentlich sein soll. Darum suchte er zwölf Apostel aus; sie standen für die
zwölf Stämme des Volkes Israel. Zunächst schien diese Neubelebung Israels auch zu gelingen. Die Leute kamen
in Scharen. Jesu Art, von Gott zu reden und heilende Zeichen zu setzen - das faszinierte. Aber dann wuchsen der Widerstand
und die Ablehnung. Die Freiheit Jesu irritierte die Leute. Viele wandten sich von ihm ab. Dennoch hat Jesus wohl
längere Zeit die Grenze hochgehalten: Juden ja, Heiden nein. Aber dann merkt er immer mehr, wie Menschen "von den
Rändern", aus den anderen Kulturen: Römer, Griechen, Syrer, eben "Heiden", mit offenem Herzen, mit großem
Vertrauen und Glauben zu ihm kommen, während das eigene Volk ihm den Rücken kehrt. Denken Sie nur an
römische-heidnische Hauptleute: einer bittet für seinen Diener, der krank zuhause liegt, und Jesus sagt zu den
Umstehenden: "Einen solchen Glauben habe ich in Israel, bei meinen eigenen Leuten, nicht gefunden!" Als Jesus
schlussendlich tot am Kreuz hängt, findet als erster ein römischer Offizier unter dem Kreuz die richtigen Worte:
"Wirklich - dieser Mensch war Gottes Sohn!" Ein erstes Glaubensbekenntnis - aus heidnischem Munde!
Aber noch ist Jesus nicht so weit. Noch hat er die Grenze eng gezogen, und die Heiden sind draußen. Wir erleben nun
mit, wie die Frau Jesus hilft, aus der inneren Sperre herauszukommen. Jesus reagiert sehr scharf, sehr "von oben herab"
auf den erneuten Hilferuf und den Kniefall der Frau - er sagt: "Es ist nicht recht, das Brot den Kindern (= den Juden)
wegzunehmen und es den Hunden (= den Heiden) vorzuwerfen." Das war ein Sprichwort der damaligen Zeit, im Munde Jesu klingt
es - um es mal sehr vorsichtig auszudrücken - sehr "ungewohnt", sehr verständnislos. Die Frau gibt mit
großer Schlagfertigkeit zurück: "Aber die Hunde bekommen doch etwas von den Brotresten, die vom Tisch ihrer
Herren fallen!" Das heißt: Etwas von Gottes Liebe müsste doch auch für die Heiden übrig bleiben!
Allemal für ein krankes Kind! Die Heilung kann doch nicht vom richtigen Gebetbuch abhängen!
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Und Jesus antwortet: "Frau, dein Glaube ist groß! Was du willst, soll geschehen!" Und von dieser Stunde an war die
Tochter geheilt. Wir erkennen hier einen Jesus, der sich von der Frau umstimmen, ja belehren lässt. Einen Jesus, bei
dem noch nicht alles "fertig" ist. Er hat seine Sendung und seinen Auftrag nicht wie ein fertig verschnürtes Paket von
Anfang an dabei gehabt. Durch die Erfahrungen und Begegnungen des Lebens - z.B. mit dieser Frau - hat auch er sich
entwickelt. Er wächst heraus über sein Volk in eine große Weite hinein und wird immer stärker die
Liebe Gottes für alle Menschen verkünden: Mein Blut, für euch und für alle vergossen. Er wird immer
mehr den Glauben und das Gottvertrauen bei den Heiden entdecken. Wie bei dieser Frau, die so unbedingt und vertrauensvoll
und hartnäckig an Jesus glaubt. Dass er sich darauf einlässt und seinen vorher so deutlich ausgedrückten
Standpunkt verlässt, finde ich an Jesus heldenhaft und ebenso menschlich wie göttlich. Ja, auch göttlich -
denn Gott lässt sich von seinen Geschöpfen beeindrucken, er lädt uns ein, mit allen Bitten zu ihm zu kommen,
mit allem, was unser Leben ausmacht. So weit geht seine Liebe, dass er - im Abenteuer seiner Menschwerdung - sich ganz auf
uns einlässt, uns ganz in sich einlässt und ernst nimmt, mit offenem Ausgang, aber immer in Liebe. Und dann
können Grenzen fallen: Grenzen der Kulturen, auch Grenzen der Kirche. Und vielleicht wird bei den "Heiden von heute"
sichtbar, dass viele von ihnen lebendige Fragen, eine tiefe Sehnsucht, ein offenes Herz und Gottvertrauen mitbringen.
Dürfen wir hoffen: Was damals geschah - "in Tyrus und Sidon"- geschieht auch heute - z.B. in Lüdenscheid. Dass
Gott sich berühren lässt - von wem auch immer.
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