Weben in Guatemala - ein Auftrag von der Schöpfung her
Festakt zur Vorstellung der Sonderbriefmarke "5o Jahre Adveniat" am 14.11.11
Stellen Sie sich einmal vor, im Ruhrgebiet - in unserem Bistum Essen - käme jede Stadt, jeder Stadtteil mit eigener
Tracht daher: Gelsenkirchen etwa in blau-weiß, Dortmund in gelb-schwarz, Essen so bunt wie die neue Statue von
Kardinal Hengsbach und mein heimatliches Lüdenscheid im tiefem Grün der dortigen Wälder und Auen. Da
würde sich die Welt doch sehr wundern! Sie würde sich wundern, weil das individuelle Besondere auch einer Tracht
heutzutage eigentlich keinen Raum mehr hat. Stattdessen schiebt sich immer mehr eine globale Dampfwalze über alle
regionalen Unterschiede hinweg und lässt den weltweiten Einheitslook aus Jeans, T-Shirt und ähnlichem übrig.
Oder sie treibt solche Blüten wie die, dass auf einmal die meisten "modischen" Jungs dieser Welt plötzlich den
Hosenboden zwischen den Kniekehlen tragen. Ob in Los Angeles, Berlin oder Tokyo: Überall das gleiche Bild.
Guatemala ist die Ausnahme. Noch sperrt sich hier das Regionale gegen die globale "feindliche Übernahme". Genauer: es
verweigern sich die Mayas, die indianische Ursprungsbevölkerung - 7 oder 8 Millionen Menschen. Noch genauer: die
Frauen. Noch genauer: die älteren Frauen. Die Männer und die jüngeren Damen sind inzwischen auch meistens
bei Jeans und T-Shirt gelandet: erstens, weil das billiger ist, vor allem bei Second-hand-Ware aus den USA und Europa, -
billiger noch als die Garne, die man fürs Weben kaufen müsste - und zweitens, weil das "moderner", trendiger ist
und der bewunderten US-Welt näherbringt, dem Sehnsuchtsziel so vieler Auswanderer. Die Maya-Frauen in ihren Trachten
haben lange und oft genug erlebt, wie sie - auch wegen ihres Erscheinungsbildes - von der tonangebenden Ladino-
Bevölkerung (den Nachfahren der Weißen) diskriminiert und als Hinterwäldlerinnen, als Menschen zweiter und
dritter Klasse behandelt werden, die man bestenfalls als Dienstmädchen gebrauchen und ausbeuten kann. In der Skala der
Anerkennung stehen sie ganz unten: oft sind sie Analphabetinnen und sprechen kaum Spanisch. Mir ist noch das Foto in
Erinnerung, wie der damalige Staatspräsident Elias Serrano der Maya-Bürgerrechtlerin Rigoberta Menchu zum
Friedensnobelpreis gratuliert - gratulieren muss; er macht dabei ein Gesicht, als hätte er gerade in eine saure
Zitrone gebissen.
Guatemala hat 22 verschiedene Maya-Ethnien, die K´iché, die Katchikel, jede mit eigener Sprache, mit einem
eigenen "Kolorit". Die kleinen Städte, Dörfer und Weiler liegen abgelegen und oft schwer zugänglich in den
Bergen und haben so wunderbare Namen wie "Concepcion de Chicirichapa". Die Menschen leben hauptsächlich von ihren
Maisfeldern. Mais - das heißt: Leben. Das tägliche Brot - dort der tägliche Mais. "Maismenschen" nennt sie
das heilige Buch der Maya, Popul Vuh - Gott hat die Menschen aus Mais gemacht!
Materiell sind die Maya sehr arm. Kulturell, spirituell sind sie reich. Sie sind Träger einer großen Erinnerung,
die in den letzten Jahrzehnten eine "Renaissance" erfuhr, eine Wiederbelebung der Maya-Religion und ihrer Kosmovision,
ihrer "Weltanschauung". Was jahrhundertelang unter der Decke der spanisch-katholischen Kultur geschlummert, aber
überlebt hatte, kam nun deutlicher ans Licht: "Wir sind aufgewacht", hörten wir auf einer Reise 1993 immer wieder.
Dieser Prozess des Aufwachens war ungemein schmerzhaft. Denn er wurde von den Mächtigen des Landes, Generälen,
Großgrundbesitzern usw. vor allem als soziales Aufbegehren wahrgenommen, als Rebellion gegen die Unterdrückung,
als kommunistische Umtriebe, und mit härtester Repression beantwortet. Besonders die 80er Jahre sind die Zeiten der
"violencia", der alles beherrschenden Gewalt, der Folter und des Verschwindenlassens, der Feldzüge gegen das eigene
Volk. Massaker gegen Maya-Siedlungen waren an der Tagesordnung, und mehr als 200.000 Menschen verloren ihr Leben. Das Wort
Genozid scheint nicht zu hoch gegriffen.
Zurück zu dem, was als kultureller Reichtum angedeutet wurde. Die Kosmovision, die Überlieferung von der
Entstehung der Welt, ist lebendig geblieben und gibt dem Leben bis heute einen Sinn, der verpflichtet,
schöpfungsgerecht zu leben. Der Maya-Adam, der Mensch aus Mais, bekam den Auftrag mit, das Maisfeld zu bebauen. Das
ist als ein sakraler Akt anzusehen. Der Bauer spricht vor dem Pflügen ein Gebet; er entschuldigt sich bei der
Pachamama, der "heiligen Mutter Erde", dass er ihr durch Pflügen wehtun muss. Feldarbeit, das ist Männersache.
Die zentrale Beschäftigung der Frau ist dagegen von der Kosmovision her das Weben - auch das ein sakraler,
religiöser Akt! Das Wort für Gott heißt in vielen Maya-Sprachen "Herz des Himmels, Herz der Erde" oder ganz
prägnant Vater-Mutter. Die Muttergottheit ist "la luna", "die" Mond (der Mond ist weiblich) und wird später mit
Maria identifiziert. Die Mondmutter hat zu Beginn der Zeiten die erste Frau das Weben gelehrt. Ebenso hat die Vatergottheit,
el sol, "der" Sonne, später ein Bild für Christus, den ersten Mann gelehrt, Mais zu säen und das Feld zu
bestellen. Wenn ein Mann sein Maisfeld bearbeitet und eine Frau zu weben beginnt, dann folgen sie - unbewusst meist - dem
Weg, den Mutter Mond und Vater Sonne, also Gott vorgezeichnet hat. Sie folgen ihrer Kosmovision, einem heiligen Kontext.
Das verleiht ihrer Arbeit Würde und Sinn, mag die Arbeit noch so hart und ermüdend sein. Die Kontinuität des
Lebens wird aufrechterhalten, quer durch die Zeiten. Das darf man wirklich kulturellen und spirituellen Reichtum nennen!
Kontinuität: Weben lernt ein Mädchen, indem es bei der Mutter oder Großmutter sitzt. Ein Mädchen auf
dem Markt sagt es so: "Ich setze mich neben meine Mutter, ich sehe auf ihre Hände - und das reicht mir. Sie sagt mir
nie etwas, ich schaue nur zu, und da kommt das Wissen zu mir, das ist wirklich so, denn danach kann ich es selber, nur vom
vielen Zusehen."
Über zweihundert verschiedene Trachten werden im Volk der Maya gezählt, mit enormen Unterschieden. Jede Tracht
lässt sich einer Sprachgruppe, ja selbst einem Dorf, einer kleinen Stadt zuordnen. Kenner des Landes erkennen an der
Tracht der Menschen sofort, woher sie stammen. Die Kleidung, die Tracht stärkt - fast so wie die Sprache - die
Identität des Dorfes, gibt ihr ein deutliches Profil und Zusammenhalt. In der Zeit der violencia konnte das sehr
gefährlich sein: Wer "so angezogen war", mit der Tracht etwa aus Nebaj, war verdächtig, war Freiwild, war ein
Todeskandidat, - denn Nebaj gehörte zu den Hochburgen der Guerilla.
Zum Weben ist kein großer Webstuhl nötig. Die Frau hockt auf der Erde, meist vor ihrem Haus. Das eine Ende der
Kettfäden wird an einen Baum oder Balken gebunden, das andere mit einem Gürtel über den eigenen Rücken
gespannt. Gewebt wird etwa 60 cm breit, soweit eben die Arme rechts und links reichen. Das Baby oder Kleinkind auf dem
Rücken stört nicht beim Weben. Die Bezahlung ist sehr gering, weil die Frauen ihre Arbeit nicht nach
"Stundenlohn" berechnen. Hauptsache, es reicht für Kaffee, Salz, Seife und die Schulhefte für die Kinder - das
sind die wichtigsten Dinge des Tagesbedarfs. Und so kommt es denn, dass ein Tourist auf dem Markt eine wunderschöne,
fein gewebte, reich ornamentierte Tischdecke für 20, 25 Euro erwirbt - und alle Betrachter sich einig sind, dass da
jemand sicherlich mehr als eine ganze Woche daran gearbeitet hat.
In manchen Dörfern haben sich die Frauen zu Gruppen und Kooperativen zusam-mengeschlossen, wie z.B. in Cotzal, wo die
Gewalt schrecklich gewütet hat und viele Witwen und Waisen hinterließ. 1990 taten sich vierzig Frauen zusammen,
die weben konnten. Sie nannten sich "Weberinnen von Nazareth", um ihre Nähe zu Maria auszudrücken, die trotz
ihrer Leiden - Flucht ins Exil nach Ägypten, Ermordung des Sohnes - die Hoffnung auf Befreiung, auf Erlösung
wach hält. In dieser Gruppe arbeiten Witwen von Opfern wie von Tätern Seite an Seite, um damit gleichsam "an der
Versöhnung zu weben".
Die in den Stoff gewebten Symbole sind kosmisch - abstrakte Zeichen, Rauten und Dreiecke. Sodann Tiere, vor allem
Vögel, oft doppelköpfig. Häufig der Quetzal, das Freiheitssymbol und Wappentier des Landes. Er war als
Götterbote der alten Maya ein heiliges Tier. Dann Zickzacklinien: die kosmische Schlange, Symbol für Weisheit,
Stärke und Fruchtbarkeit. Auch sie ist doppelköpfig, neben dem Lebenspendenden umfasst sie auch Tod und
Zerstörung. Diamant-Motive und die Form des Buchstabens X: Zeichen für den Kosmos, die vier Eckpunkte weisen auf
die vier Himmelsrichtungen. Der Weltenbaum, der für die Weltenachse steht und die drei Schichten des Universums
miteinander verbindet: Unterwelt, Oberfläche der Welt und Himmelszelt. Dann Pflanzen und Blüten - wie in unserer
Briefmarke die Blumenblüte die Grundform darstellt, ergänzt durch Zeichen des neuen Lebens: das Kreuz, die
grünen Büsche, der blaue Wasserlauf. Die vorherrschende rote Farbe erinnert an die aufgehende Sonne und an das
Blut, Zeichen der Lebenskraft, aber auch des Leidens und Blutvergießens. So "spielt" dieses Briefmarkenmotiv mit den
kosmischen Maya-Symbolen und gibt ihnen zugleich einen eindeutig christlichen Sinn.
Weben in Guatemala ist also nicht nur eine handwerkliche Technik oder Broterwerb oder Zeitvertreib oder eine Attraktion
für Touristen. Es ist Teilhaben am Schöpfungs-geschehen, Weitertragen der Schöpfung, Weitervererben von
Kultur - es ist engste Verbindung von Religion und Alltag. Es ist "heilige Arbeit". Hier werden sozusagen und ganz
buchstäblich die "Fäden noch zusammengehalten", die in unserem westlichen Lebenskontext längst
durchschnitten sind. Das Leben - auch das soziale Leben - ein "Gewebe" mit dem roten Faden der Spiritualität - und
nicht der Ökonomie! Das ist es wohl, was viele Reisende - so auch ich - als das ganz Besondere der Maya- Kultur
Guatemalas empfinden.
Aber das Gewebe ist auch hier bedroht. Die USA - oder der globalisierte westliche Lebensstil - lockt als Leitbild. Die
Verlockung ist inzwischen auch in den Bergen zu spüren. Das kulturelle Erbe verblasst bei vielen. Die Maya-Männer
gehen darin voran; sie tragen in Guatemala nur noch ganz selten Tracht und schieben den Frauen die Aufgabe zu, "das Erbe zu
wahren". Bei Männern und jungen Leuten ist zu hören, dass die Maya-Identität nicht in der Kleidung, nicht in
der Tracht bestehe, sondern eher im Festhalten an der "Weltanschauung", an der Kosmovision, und im Sprechen der
einheimischen Sprache. Die Tracht als Zeichen des Zusammenhalts und der Identität wird hier also relativiert, sie wird
nicht mehr für so wichtig erachtet. Das wiederum ruft andere Mayas auf den Plan, die den Verächtern der
traditionellen Kleidung vorwerfen: Ihr "ladinisiert" euch, ihr passt euch an "die anderen" an, ihr bekennt euch nicht mehr
zu euren Wurzeln, ihr wollt nicht mehr als Mayas gelten. Also eine Identitätsdebatte, die mehr oder weniger deutlich
und öffentlich geführt wird - und uns in unserem deutschen Kontext, vor allem im Blick auf die Türken, ja
nicht ganz fremd ist! Das Weben wie das bewusste Tragen der Kleidung ist ganz sicher ein wichtiger Aspekt der Frage, wie
die Maya-Kultur überleben kann und überleben wird. In der eingespielten Rollenverteilung der Geschlechter sind es
also wieder die Frauen, die sich als "Hüterinnen der Kultur" verstehen. So leben sie, einzigartig in Lateinamerika,
aus der Tradition ihres Volkes - nicht als Folklore, nicht nebenbei, sondern als Auftrag aus der Schöpfung. Damit
leisten sie einen kulturellen Widerstand gegen die übermächtige "globale Dampfwalze". Es wirkt wie der Kampf
Davids gegen Goliath - ein kleiner Junge mit der Steinschleuder gegen einen hochgerüsteten Krieger! Das Bild ist
etwas martialisch, und die Chancen stehen zunächst nicht gut für David, für die Mayas. Aber die Bibel
spricht für David. Sprechen wir für die Mayas, für die Frauen, und wünschen ihnen, dass Gott, "Herz des
Himmels, Herz der Erde", ihren Hüterinnendienst segnet und fruchtbar macht!
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