Christkönig
Predigt 19. / 20. 11. 2011
Ruth Pfau ist eine der bekanntesten Ordensfrauen der Welt: Armenärztin in Pakistan, hat sie jahrzehntelang unter
größtem Einsatz die Aussätzigen, die Leprakranken des Landes betreut - und zwar so erfolgreich, dass diese
fürchterliche Krankheit dort fast verschwunden ist. Sie hat ihre Lebensgeschichte erzählt.
1944, so schreibt sie, nimmt sie als junges Mädchen in Berlin an einem BDM-Kurs teil, der die Jugend auf den Geist der
Nazis einschwört. Dort hört sie die Ausbilderin sagen: "Die größte Tapferkeit ist, unberührt
zuzusehen, wenn ein anderer leidet." Mitleiden wird als christliche Schwäche bezeichnet, der man widerstehen soll.
"Das konnte ich nicht ertragen, da bin ich rausgerannt."
15 Jahre später macht Ruth Pfau in Pakistan ein medizinisches Praktikum. Unter der Überschrift "Der Morgen, der
alles entschied" berichtet sie: Ein Leprapatient kriecht auf allen Vieren in den Bretterverschlag, in dem ich die Leute
untersuche. Auf allen Vieren, wie ein Hund! Alle gucken zu, völlig gleichmütig, als wäre das
selbstverständlich. Und auch der Kranke selber nimmt es hin, als könnte es gar nicht anders sein. Sie sieht darin
die größte "Entwürdigung" des Menschen. Wie ein Hund! Die Teilnahmslosigkeit der anderen hat sie fast
betäubt: "Das kann doch so nicht weitergehen!" Ihr fällt ein Wort des heiligen Thomas von Aquin ein: "Man muss
das Böse anspringen! Man darf sich nicht daran gewöhnen."
Man kann doch nicht einfach daneben stehen, wenn Menschen wie ein Hund auf der Straße verkommen! "Ich hatte keine
andere Wahl", schreibt sie. " Es war keine große Entscheidung nötig. Da war kein Heldentum nötig. Da
spielte auch kein Helfersyndrom rein. Ich fühlte mich auch gar nicht besonders christlich oder gar "heilig" dabei! Ich
tat das Selbstverständliche, und alles Weitere ergab sich daraus: stur sein, sich nicht verblüffen lassen, bei
der Sache, bei den Menschen bleiben."
Was geschah da eigentlich? Ruth Pfau sah hin. Sie sah richtig und aufmerksam hin. Richtiges Sehen (und nicht
übersehen, nicht weggucken), das ist eigentlich schon "die halbe Miete"! Letzte Woche haben es die Kinder überall
auf der Welt gespielt, das Martinsspiel mit dem Mantelteilen, das mehr ist als ein Spiel! Martin, der junge Soldat, kann
von sich sagen: Ich sehe was, was du nicht siehst. Seine Kameraden übersehen den Bettler. Sie sehen ihn allenfalls mit
der Netzhaut, aber nicht mit dem Herzen. So etwas nennt Jesus immer wieder "Blindheit": Die Menschen sind mit Blindheit
geschlagen. Wie kann man sie heilen? Jesus nimmt uns hinein in eine Schule des richtigen Sehens. Und auch Martin sieht -
als Schüler Jesu. Er steigt vom Pferd, um besser sehen zu können. Er geht nah ran. Auch er hat sich noch nicht an
das Elend gewöhnt. Er will sich auch nicht dran gewöhnen. Er will sich nicht innerlich "panzern". Und so tut er
etwas eher Hilfloses, er teilt den Mantel; denn Mitleid, Barmherzigkeit ist nicht ein bloßes Gefühl - es
führt zum Tun.
Jetzt sind wir nah dran am Evangelium vom Weltgericht (Mt. 25). Ist Ihnen die Vorstellung unbehaglich, dass es so etwas
geben könnte: Weltgericht? Macht das Angst? Ich kann es mir vorstellen. Jahrhunderte haben die Menschen vor Angst
gezittert angesichts dieses von den Predigern ausgemalten Weltgerichts. Aber man kann es auch anders sehen. Man kann sich
freuen, dass es - endlich - eine Gerechtigkeit gibt, die die meisten Menschen auf der Welt hier niemals erleben. Hier
triumphiert der Mörder oft genug über sein Opfer. Hier leben die einen in Saus und Braus, und die anderen
verrecken vor der Tür. Hier leben Menschen wie Hunde - siehe das Beispiel von Ruth Pfau. "Eigentlich möchte ich
die Eintrittskarte dankend zurückgeben in eine solche Welt", heißt es bei dem großen Dichter Dostojewski.
Die Welt, Gottes Schöpfung - ein absurdes Theater der Ungerechtigkeit und Brutalität, wo der Stärkste sich
durchsetzt und der Schwächere wehrlos ist? Weltgericht meint: das alles schreit zum Himmel - und der Himmel hört
hin! Der Himmel ist nicht teilnahmslos. Gott ist nicht teilnahmslos. Er richtet die Menschen. Er richtet sie auf. Er
schafft Gerechtigkeit. Was so absurd und ungerecht und brutal erscheint, wird von Gott "besprochen", beurteilt, ins rechte
Licht gerückt. Es wird nicht mit einem großen Schwamm ausgewischt (Schwamm drüber!), es wird nicht
vergessen - es wird "gerettet". Weltgericht heißt: Gott ist der Herr der Welt. Er setzt die Maßstäbe. Am
Anfang erschafft er den Menschen und gibt Leben. Am Ende befragt er den Menschen. Wir schulden eine Antwort. Wir stehen in
Verantwortung. Und die Frage wird uns im heutigen Evangelium angekündigt: Hast Du Hungrige gespeist? Hast Du Kranke
besucht?
In dieser Rede vom Weltgericht wird nicht nach dem Glauben gefragt, also nicht: Hast Du gebetet? Bist Du in die Kirche
gegangen? Das geschieht an anderen Stellen der Bibel - etwa bei Paulus - breit und ausgiebig. Hier geht es um die
Nächstenliebe allein. Um die Barmherzigkeit, die zu Gott gehört, und die zu uns gehören soll. Das ist das
einzige "Fach" im Zeugnis des Lebens! Als Matthäus sein Evangelium schrieb, etwa 40, 50 Jahre nach Jesus, fragten
manche der damaligen Gläubigen in der Diaspora: Wo ist Jesus denn? Wann kommt er? Wie können wir ihn erfahren?
Matthäus gibt die Antwort: Er, Jesus, kommt im Nächsten. Er ist nicht auf die Kirche, auf die Gemeinde
beschränkt. Er, Jesus, verbirgt sich im Hungernden, Kranken oder Einsamen. Er sagt: Was ihr dem Geringsten meiner
Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan! Christus, der König, ist zugleich Christus, der
Bettler. Das ist wirklich das Einmalige am Christentum: Gott im Menschen, und der Mensch in Gott. Hoffentlich können
wir, in Jesu Schule des Sehens, den Menschen so erkennen: in seiner Würde. Als Ebenbild und Geschöpf und Kind
Gottes. Auch wenn er ganz entstellt und entwürdigt ist, wie ein Hund auf allen Vieren kriechen muss, gefoltert und
gequält wird. Geben wir dem Menschen seine Würde zurück! Dann spricht die Stimme Gottes im Weltgericht uns
frei.
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