Unkraut im Acker
Predigt 20.07.2008
Jetzt ist die Zeit des Wachsens und Reifens. Bei mir im Garten blühen die Blumen, aber leider schießt auch das Unkraut hoch. Der
erfreuliche Anblick der Blumen wird ein wenig getrübt…
UNKRAUT - das ist auch bei Jesus ein wichtiges Bild in den Gleichnissen. Was steckt dahinter?
Manchmal schien es Jesus so, als falle die Saat seines Wortes überhaupt nicht in die Herzen der Menschen. Er spürte, wie die
Gegenmacht wuchs, eine Feindschaft, die ihm nach dem Leben trachtete. Während er am helllichten Tage auf öffentlichen Plätzen
redete, kamen seine Gegner zusammen in den dunklen Ecken des Tempels, in ihren Gerichtssälen und Sicherheitsbüros und in langen
nächtlichen Beratungen, um gegen ihn Material zu sammeln. Seine Jünger wurden nachdenklich und er selber auch. Vielleicht deshalb
erzählte er noch einmal das Gleichnis von der Saat des Wortes Gottes, um seine Gedanken und Gefühle zu ordnen und angesichts der
Spannungen zu klären.
Aber jetzt ging es nicht mehr um die Dornen und die Vögel und um den felsigen Grund; jetzt bekommt die Ursache so vieler Schwierigkeiten
einen neuen Namen - jetzt spricht er vom FEIND. Dem Feind, der ihn am Anfang seines Wirkens in der Wüste versucht hatte mit den
Verlockungen von Reichtum, Ehre und Macht. Diesen Versuchungen hatte Jesus widerstanden. Nicht in ihm wuchs die Unkrautsaat, dafür aber in
den anderen: in Judas z.B., der ihn verraten wird. In Jakobus und Johannes, die nichts anderes zu tun wissen, als nach den besten Plätzen
zu haschen. Und Petrus - selbst er! - verstand kaum etwas und verleugnete Jesus.
Und das war nicht alles: immer, wenn sie zusammen saßen, war es stets dieselbe Mischung von guten und schlimmen Erlebnissen, von
Blühen und Unkraut. Gerade so wie bei uns, wenn wir beieinander sitzen und uns unterhalten über Krankheiten, Leute, Skandale, die Politik,
die allgemeine Schlechtigkeit. Und die Jünger fragten ihn: Was ist bloß los mit der Welt? Dieses viele Unkraut überall -
auch in uns! Dieses viele Unkraut auch in der Kirche! Dieser Halb- und Viertelglauben, diese vielen getauften Heiden! Sollen wir das Unkraut
rausreißen? Eine Kirche bilden nur noch aus hoch motivierten Hundertprozentigen? Das Unkraut rausreißen - das hätten die
Jünger wohl gern gemacht, das haben und hätten dann auch manche in der Kirche gern getan : Rausreißen - Rausschmeißen -
raus mit dem und dem und dem …
Aber Jesus ist da sehr behutsam und vorsichtig. Reißt das Unkraut nicht aus - lasst es wachsen bis zur Ernte, sagt er. Weiß man denn
immer so genau, was das Unkraut ist (in Israel sehen sich Getreide und Unkraut oft zum Verwechseln ähnlich)? Man kann das Leben nicht gut auf
einen Schwarz-Weiß-Film bannen - dafür ist es zu bunt, zu kompliziert, zu vielfältig.
Jesus war überzeugt, dass das Böse durch das Gute überwunden wird. Er sah, das Gute würde schneller wachsen als das
Böse, der Weizen schneller als das Unkraut. Ja, er sah, dass das Böse manchmal sogar das Gute hervorbringen kann! Das Unheil sah er,
aber auch die Gnade. Das verantwortungslose Verhalten, aber auch die Wiedergutmachung. Er sah die Krankheit, aber auch die fürsorgliche
Pflege. Er sah da Kreuz, aber auch die Auferstehung. Und er sagte: das Gute ist das Ziel in der Ernte. Lasst alles wachsen, lasst die Geschichte
ihren Lauf nehmen, lasst die guten Entscheidungen sich durchsetzen gegenüber den schlechten!
Dieses Zutrauen in die Kraft des Guten machte Jesus so geduldig. Er lässt uns Zeit. Er kann warten. Er wartet manchmal sehr lange auf uns.
Geduld. Wir brauchen viel Geduld, wenn wir merken wollen: das, was Gott unter uns gesät hat, geht langsam, aber sicher auf. Auch in den
eigenen Kindern, auch in der jüngeren Generation, die ihre eigenen Wege geht - nichts, was gesät ist, geht einfachhin verloren!
Wir sind von einer Zeit geprägt, in der alles schnell gehen muss, rasend schnell. Wir wollen die Früchte möglichst gleich, wir
wollen gleich schon ernten. Da tun wir uns oft schwer it der Geduld, lassen uns und den anderen kaum Zeit - dann fehlt uns die Geduld mit uns
selber und mit den anderen.
Statt zu verurteilen und dies und jenes zum Unkraut zu erklären, sollten wir also auf diesen Keim des Guten bauen. So können wir die Ernte
getrost einem anderen überlassen - dem, der alle Abgründe des Menschen kennt. Er ist größer als unser Herz, und er weiß
alles.
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