Medardus
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VersuchungWeiche, Satan

Predigt 31.08.2008


So schnell kann es gehen. Am letzten Sonntag wird Petrus noch der Fels genannt und sozusagen als der erste Papst inthronisiert - und jetzt, heute, ein paar Verse weiter im Evangelium, kriegt er eine harte Abfuhr: WEG MIT DIR - SATAN! Das musste der Petrus sicher erst einmal verkraften - und wir mit ihm. Er hat es doch gut gemeint! Er will Jesus das Leiden ersparen. Was wollen wir denn anderes als Leidvermeidung? Und darum schlucken wir Tabletten ohne Zahl, schließen Versicherungen ab und haben wohl alle einen guten Riecher dafür, woher der Wind wehen könnte, der Leid und Schmerz und Ungemach mit sich bringt. Das alles wollen wir nicht. Wer könnte uns das verdenken?

Sucht Jesus den Schmerz und das Leid? Nein, aber er sucht den Willen Gottes zu erfüllen. Der Wille Gottes: dass Gerechtigkeit geschieht und die Liebe ganz groß geschrieben wird. Es gibt etwas, das größer ist als wir selber, größer als mein eigenes Leben und mein Selbsterhaltungstrieb. Für dieses Größere haben eine Menge Leute ihr Leben hingegeben. Wir nennen sie Märtyrer, und Jesus gehört zu ihnen. Wenn man sie noch fragen könnte: "Was ist denn dieses Größere?", dann würden sie wohl antworten: Die Würde des Menschen und die Freiheit. Oder: Die Gerechtigkeit. Oder: Der Glaube. Oder, und vor allem: Das, was Gott will.

In der Woche nach Ostern war ich in El Salvador, in Mittelamerika. Nicht viele kennen dieses Land, auch die Dame im Reisebüro musste erst suchen. Ich kannte es eigentlich auch nur, weil dort Erzbischof Oscar Romero gelebt hatte. Sein Schicksal hatte mich immer sehr gepackt. Er steht in meiner privaten Galerie der "Helden und Heiligen" ganz oben. In einem Land krasser sozialer Ungerechtigkeit und Gewalt, wo ein klares, eindeutiges Eintreten für die Gerechtigkeit das Leben kosten konnte, verkündigte er jeden Sonntag über Rundfunk vor Hunderttausenden Hörern den Willen Gottes für sein Land: Hört auf mit der Gewalt! Legt die Waffen nieder…
1980 wurde er in der Messe, nach der Wandlung, den Kelch noch in der Hand, erschossen. Vorher - er berichtet davon in seinen Tagebüchern - hatten ihn oft wohl meinende Menschen aufgesucht, die wie Petrus redeten: Du bist in Gefahr! Bring dich in Sicherheit! Geh für einige Zeit ins Ausland! Denk an dein Leben! Aber Romero hielt stand, blieb bei seinen Leuten, genau so ungeschützt wie sie. Er suchte nicht den Tod, aber er nahm ihn in Kauf. Der Wille Gottes war für ihn größer als das Sich-Klammern ans eigene Leben. Sein Volk hat das nicht vergessen. "Romero lebt", war auf unzähligen T-Shirts and Plakaten zu lesen. Einen, der so mutig für den Willen Gottes und das Überleben der anderen eintritt und sein eigenes Leben hintan stellt - den kann man nicht vergessen. Den vergisst auch die Kirche nicht - sie wird ihn wohl bald ganz offiziell einen "Heiligen" nennen.

Zurück zu Petrus. Warum wird dieser gleich mit dem schlimmsten Wort abgekanzelt, mit Satan? Weil er wie der Versucher damals in der Wüste daher kommt. Jesus fühlt sich wohl erinnert an den satanischen Auftritt in der Wüste. Dabei ging es ja nicht darum, dass der Satan Jesus zum direkt Bösen anstiften will, zu Mord und Totschlag und Ähnlichem. Nein, er soll nur ein paar Wunder tun: Steine in Brot verwandeln, sich unverletzt von der Zinne des Tempels stürzen, und so - mit Hilfe einiger Show-Einlagen - die Herrschaft antreten über die Welt. Was ist böse daran?
Jesus bringt es auf den Punkt: Der Gegensatz heißt hier nicht einfach Gut und Böse, sondern: Was die Menschen wollen - und was Gott will. Das erscheint hier als der schärfte Gegensatz!

Darüber kommen wir so leicht nicht hinweg. Ich finde, wir sollten von dieser Stelle her mal ganz kritisch unter die Lupe nehmen, was wir selber wollen, was uns umtreibt - soweit es in einer Spannung, ja in einem Gegensatz steht zum Willen Gottes.
Vielleicht ist es dies: dass wir immer haben wollen, dass wir unseren Vorteil suchen, auch auf Kosten und zum Nachteil anderer, dass wir die bequemeren Wege bevorzugen, dass wir unsere Ruhe haben wollen, dass wir auf alle möglichen Touren unser Ich nach vorne schieben und ihm, dem Ich dienen.
Und der Wille Gottes? Was ist mit ihm? Reichen wir ihm so ein paar Brosamen, ein paar Krümel, diese Sonntagsmesse z.B. oder eine kleine Spende für Misereor? Bauen wir den Willen Gottes da, wo es uns passt, in unseren eigenen Willen, in unsere eigenen Pläne ein? Fragen wir überhaupt noch nach dem Willen Gottes in unserem Leben? Ist er für uns ein Thema? Verschanzen wir uns hinter der bequemen Behauptung, dass wir Gottes Willen ja gar nicht erkennen können - er flüstert ihn uns ja schließlich nicht in's Ohr! Bemühen wir uns, ihn zu erkennen, und beten wir darum, ihn zu erkennen? Sind wir in unseren wichtigen Lebensentscheidungen (z.B. Berufs- und Partnerwahl) auf den Gedanken gekommen, nach dem Willen Gottes zu fragen: Herr, was soll ich tun, was zeigst du mir? Was würdest du, Jesus, jetzt tun - an meiner Stelle?

Nein, Gott flüstert uns seinen Willen nicht in's Ohr. Aber er hat ihn aufschreiben lassen, in der Bibel, und da lesen wir und hören wir z.B. als Beispiele für den Willen Gottes: Vergebt einander! Oder: Liebt - sogar eure Feinde. Oder: Sorgt euch nicht allzu sehr - vertraut stattdessen! Oder: Vergöttert nichts in der Welt - macht nichts zum Götzen, auch nicht den Besitz! Oder: Teilt, was ihr habt. Das sind alles eindeutige Äußerungen dessen, was Gott will, und niemand soll sagen, man könne diesen Willen nicht erkennen! Aber natürlich liegt es an uns, diesen Willen und unsere Situation zusammenzubringen. Das kann durchaus mühsam und anstrengend sein. Was sagen wir den Kindern, die auf dem Schulhof geschlagen oder erpresst werden: Wehr dich? Schlag zurück? Gebrauche deine Ellenbogen? Können wir ihnen zumuten, es mit Gottes Willen, mit der Gewaltlosigkeit zu versuchen, wenn die meisten anderen sich wie Rabauken benehmen? Ständig kommen wir in die Zwickmühle. "Wir wären gut anstatt so roh - doch die Verhältnisse, die sind nicht so", - dichtete Bert Brecht. Das ist wohl wahr, aber dennoch: sollten wir uns nicht leichtfertig von der Frage nach Gottes Willen verabschieden. Sie gibt unserem Leben eine ganz neue und tiefere Färbung.

Und damit sind wir schon bei den Schlusssätzen, bei der Quintessenz unseres Evangeliums. Diejenigen, die im Sinn haben, was Gott will, leben in der Nachfolge Jesu: "Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach! Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und Milliarden auf dem Konto hat, dabei aber sein Leben einbüßt, seine Seele beschädigt, sein Gewissen verrät, den Faden zu Gott kappt, den Sinn und die Liebe verfehlt und darum eigentlich ein ziemlich "armes Würstchen" ist.

Liebe Gemeinde, Petrus musste sich zwischen Fels und Satan zurechtfinden, musste sich entscheiden. Mühsam ist er den Weg der Nachfolge gestolpert und fiel dabei immer wieder auf die Nase. Am Schluss nahm er buchstäblich sein Kreuz auf sich und wurde - mit dem Kopf nach unten - gekreuzigt. Aber so trat er ins Leben, so kam er in den Himmel. Er hat nicht die "ganze Welt gewonnen", aber sich selber gefunden - wiedergefunden bei Gott. Das wünsche ich uns allen!

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