Das Ehehaus als Kathedrale
Predigt in einer Hochzeitsmesse
Immer wieder, wenn ich in Paris bin, besuche ich das Rodin-Museum, wo die Werke des großen französischen Bildhauers Auguste Rodin
überwiegend im Freien, im Garten ausgestellt sind. Besonders zieht mich eine Plastik an, über die ich mich im Vorgespräch mit dem
Brautpaar in Begeisterung geredet habe, und irgendwie war das wohl ansteckend, - und jetzt finden wir das Paar Hände auf dem Liedblatt.
Hände sind in einer Ehe nicht unwichtig. Hände können streicheln und zärtlich sein. Das ist gut. Hände können
handgreiflich werden: schlagen und Gewalt ausüben. Das ist schlecht. Auch in der Ehe kann man noch "Händchen halten" und die
Verliebtheit wach halten. Auch wenn einer "zwei linke Hände" haben sollte: wir müssen unserem Alltag "handeln" - die Hausarbeit -, und
da geht schon der größte Teil der ehelichen Energien hinein! Wir können auch die Hände falten - zum Gebet -, können
darüber hinaus mit Händen und sogar Füßen reden, haben einen ungeheuren Reichtum an Gebärdensprache zur
Verfügung. Wir drücken unser Können mit den Händen aus: "Ich habe alles im Griff!" - und ebenso unsere Grenze und unser
Scheitern: "Ich hab das nicht mehr in der Hand!"
Also: ohne Hände läuft nichts. Hände stehen fürs Handeln, stehen auch für alle Facetten an Beziehung, selbst der zu
Gott. Hände sind das Medium Nr. 1 auch in der Ehe.
In der Plastik von Rodin sehen wir nun noch mehr, sehen die Liebe und die Ehe selber dargestellt. Zwei rechte Hände kommen da zusammen -
eine männlich, eine weiblich. Sie neigen sich einander zu, wölben sich zueinander hin. Man kann nur wünschen, dass unser
Brautpaar, alle Ehepaare, egal welchen Alters, und alle Lebenspartner so zueinander stehen wie diese beiden Hände : aufeinander bezogen,
wie im Spiel, ganz einfühlsam, ganz offen zueinander, ganz ohne Drängen oder Dominanz oder Verkrampftheit oder Gewalt. Das ist reine
Zärtlichkeit! Die Hände sprechen, wie in einem Dialog: Du, ich hab dich lieb! Ich dich auch! - Der Grunddialog der Liebe - er kommt
mit ganz einfachen und immer denselben Worten und Gebärden aus. Undenkbar, dass unter Liebenden einer sagt: Ich liebe dich!- und als
Antwort erhält: Du wiederholst dich.
Und wir sehen weiter: zwischen den beiden Händen entsteht ein Raum, ein kostbarer Zwischenraum, eine neue Welt, die Welt des geliebten Du:
es ist der Raum der Ehe. Die beiden Hände werden zu Pfeilern, die den Zwischenraum bilden und schützen. Schützen - nicht wie eine
undurchdringliche Mauer, die den Raum abschottet von der Außenwelt - "Wir gegen den Rest der Welt" - nein, die Hände schützen
und halten offen. Ein Zufluchtsort ist entstanden.
Liebe ist ja kein Schweben auf Wolke 7, kein ständiger Honeymoon aus Holywood. Da sind Kräfte am Werk, die das Leben belasten - von
außen her, von Beruf und Arbeit her, aber auch von Innen heraus. Liebe, Ehe ist mitunter harte Arbeit - man muss an der Beziehung
arbeiten. Und da ist es so gut, wenn Menschen den Schutzraum, den Zufluchtsort erfahren und miteinander spüren:
- Hier kannst Du Dich fallenlassen.
- Hier brauchst Du nichts zu beweisen.
- Hier darfst Du sogar schweigen.
- Hier hilft Dir einer auf, wenn Du auf der Nase liegst.
- Hier findest Du die lebensnotwendigen Vitamine an Lob und Anerkennung.
- Hier darfst Du einfach sein - haben, tun und gelten lassen wir mal außen vor.
- Hier bist Du Du, so wie Du bist - und nicht, wie ich Dich haben möchte.
Das ist der Zufluchtsraum der Liebe. Wortlos meist und leise schwebt es durch den Raum: Ich liebe dich.
In den letzten Wochen hatte ich einige markante Beerdigungen. Ehepartner waren gestorben - jenseits der Goldenen Hochzeit. Durchaus schwierige
Lebensläufe waren zu Ende gegangen. Und jedes Mal hatte es geheißen: er, sie ist mit mir durch dick und dünn gegangen.
Das ist der Zufluchtsraum der Liebe. Durch dick und dünn.
Noch etwas: Der Zufluchtsraum ist nach oben hin offen. Die Hände kommen sich sehr nah, aber sie berühren und schließen sich
nicht. Es bleibt eine letzte Distanz. Die Hände bleiben zwei, sie verschmelzen nicht, sie gehen nicht ineinander auf. Der Volksmund sagt:
Liegen zwei Köpfe auch auf demselben Kissen, so haben sie doch verschiedene Träume. Es bleiben immer zwei, die sich an der Einheit
versuchen: zwei Menschen mit ihren Eigenheiten und ihrer Einmaligkeit, mit ihren ganz unterschiedlichen Erfahrungen, Prägungen, Begabungen,
mit unterschiedlichem Fühlen und Denken - aber jeder einzigartig, kein Abziehbild, jeder ein Ebenbild Gottes! Es bleiben immer zwei, die
- einander nahe kommen, ohne sich besitzen zu wollen
- beieinander sein wollen, aber auch allein sein können
- um einander wissen, aber dem anderen sein Geheimnis lassen
- füreinander da sind, aber nicht übereinander herrschen
- einander treu sind, aber nicht sklavisch voneinander abhängen
- sich verbunden und gebunden fühlen, aber die Ehe nicht zur Fessel machen.
Wo etwas geöffnet bleibt, kann Licht einfallen. Da kann ein Licht leuchten, von dem unsere menschliche Liebe herkommt, von dem unsere Liebe
getragen ist und zu dem unsere Liebe zurückkehrt und aufgehoben ist, gut aufgehoben ist im Leben und im Tod. Es ist das Licht der Liebe
Gottes. Unser Glaube sagt uns, dass Gott die Liebe ist, die Quelle aller Liebe. Wir tun gut daran, den Weg zu dieser Quelle zu suchen und zu
finden und aus ihr zu schöpfen. Denn unsere Vorräte sind manchmal erschöpft.
Wir haben noch nichts zum Namen der Plastik gesagt. Rodin hat sie "La cathédrale" genannt: die Kathedrale. Zeitlebens hat er sich mit den
wunderbaren gotischen Kathedralen Frankreichs beschäftigt, diesen Vorhallen des Himmels und der Ewigkeit. Kathedralen sind Räume, in
denen Gott förmlich zu ahnen und zu spüren ist: in der in die Höhe strebenden Bewegung, vor allem aber im Licht, das durch die
bunten Glasfenster dringt.
Liebes Brautpaar: eure Ehe kann zu einer Kathedrale der Liebe werden, in der ihr wohnt und wirklich zu Hause seid. In der es Kapellen und
Nischen und stille Winkel gibt: Beichtkapellen z.B., Nischen der Vergebung, Orte und Ecken des Trostes, der Zuflucht und der immer
währenden Hilfe. Dazu Schatzkammern mit wirklichen menschlichen Schätzen, später auch Kinderecken - und vor allem das
"Allerheiligste", schwer zu benennen: der Ort in eurer Ehe, wo ihr Gott nah seid, ihn ahnt und spürt. Wahrscheinlich wird dieser Ort nicht
abseits und neben eurer Liebe, sondern in eurer Liebe sein. Je mehr ihr in der Liebe wachst, desto mehr wachst ihr in Gott hinein. Dorothee
Sölle, die große verstorbene Theologin, hat einmal erzählt, wie sie mit ihrem fünfjährigen Enkelkind in eine
große leere, kalte, nüchterne Kirche kam und das Kind rief: "Ist kein Gott drin!" Bei euch soll und wird es anders sein: "Gott ist
drin" in eurer Liebe, in eurer Ehe. Dafür steht er selber ein. Darum feiern wir jetzt hier und sind dabei, wie er euch einlädt und
befähigt, die Kathedrale zu bewohnen.
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