Medardus
Eine Gemeinde der
Pfarrei St. Medardus

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Katholische Kirchengemeinde St. Joseph und Medardus - Jockuschstraße 12 - 58511 Lüdenscheid - Tel. 02351 / 66400-0

JerusalemGott wohnt in ihrer Mitte ...

Vortrag bei der ADVENIAT - Tagung am 8.9.2008 auf der Wolfsburg


Am Anfang steht ein Garten. Am Ende eine Stadt. Dazwischen Hunderte von Seiten der Bibel, mit allen Landschaftsformen: Wüste und Ödland. Berge und Täler. Frische Auen und sogar das Land, das von Milch und Honig überfließt. Und schließlich Städte, große und kleine. Einige sind sprichwörtlich geworden. Babel mit dem größenwahnsinnig hohen Turm. Sodom und Gomorra: keine guten Adressen. Ninive - Jona braucht einige Tagesreisen, um sie zu durchqueren. Babylon, der Ort des Exils. Wer möchte da gerne wohnen? Diese großen Städte bilden das Urbild des Molochs - der riesigen, nicht mehr menschengerechten, gottfernen Stadt. Moloch ist eigentlich ein orientalischer Gott, dem Menschenopfer dargebracht werden. Die Stadt frisst den Menschen.

Aber es gibt das Gegenbild, und es hat mächtig nachgewirkt. Das Paradies am Ende ist eine Stadt, die aus dem Himmel, von Gott her auf die Erde herabkommt: das himmlische Jerusalem. Da entsteht in der Vision ein ganz anderes, alternatives Leben - in dieser sozusagen gläsernen Stadt, in der es keine krummen Touren und Mauschelecken gibt, in der alles transparent, durchscheinend ist auf Gott hin. Einen Tempel, eine Kirche sucht man in dieser Stadt vergebens; Gott braucht dort keinen eigenen heiligen Bezirk, er ist alles in allem. Die Stadt als Ganzes ist heilig, ist Reich Gottes.

Auch ohne diesen Höhenflug in die Geheime Offenbarung des Johannes wird die Stadt seit der Antike hoch geschätzt. Stadt - das bedeutet Zivilisation, Kultur, auch Zuflucht ("Stadtluft macht frei", sagte man lange). Die Stadt ist ein Abbild des Kosmos (Kosmos im Sinne von Ordnung, als Gegensatz zum Chaos), eine geordnete Welt also, ein möglichst harmonisches kleines Universum - während draußen, außerhalb der Stadtmauern, in finsteren Wäldern die Wölfe heulen und die Barbaren hausen. (Etwas von dieser antiken Einstellung schwappt übrigens noch bis heute ins Bistum Essen hinein. Wir haben da das Sauerland, das in der bedeutenden Kulturzone Ruhrgebiet gerne als Region der Wölfe und Barbaren betrachtet wird - wohingegen ein typischer Sauerländer vor einer Autofahrt etwa in den verwirrenden Moloch der Großstadt Essen ungefähr so viel Angst hat wie Jona vor Ninive!) - So ist es nicht verwunderlich, dass sich das Christentum vor allem über die Städte ausgebreitet hat. Fast alle Paulusbriefe sind an Stadtbewohner gerichtet, Römer, Korinther, Kolosser, Philipper, Thessalonicher. Bischofskirchen entstehen dort und schaffen ein kulturelles Umfeld. Das platte Land - bestenfalls mit seinen gepflegten römischen Landgütern- ist dagegen ziemlich unterentwickelt. Die "pagani", die Landleute, gelten als ungebildet, als "Dorfdeppen" - in der folgenden Zeit wird man das Wort mit "Heiden" übersetzen - Leute, die stehen geblieben sind, während die Helleren und Beweglicheren in den Städten die neue religiöse und kulturelle Macht des Christentums angenommen haben. Im Mittelalter bilden einzig die Klöster und Abteien Lichtblicke auf dem Land; der gregorianische Gesang übertönt gelegentlich das Wolfsgeheul.

Und dann wachsen und wachsen die Städte - mit ihren viel größeren Möglichkeiten der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung. Städte - das heißt bis heute: Möglichkeiten! Residenzstädte von Königen und Fürsten bündeln die Macht. Universitätsstädte entwickeln eine große geistige Ausstrahlung. "Paris ist der Ofen, in dem das geistige Brot der Menschheit gebacken wird" - ein Zitat aus dem Jahr 1250! (So viel geistiges und hoffentlich nahrhaftes Brot wird heute noch in Paris gebacken, dass der wöchentliche Veranstaltungskalender "La semaine de Paris" in der Regel es nicht unter 400 Seiten tut!)
Bischofsstädte fördern neben dem kirchlichen Leben Bildung und Kunst. Markt-, Handels- und Industriestädte ziehen die Menschen vom Lande an und sorgen für Arbeitsplätze.

Vor hundert Jahren sprach man von Weltstädten, von Metropolen, und meint vor allem Paris, London und New York. Sie werden überall kopiert, die Avenues von Paris werden zu den Avenidas von Buenos Aires. Diese Städte verbindet man meist mit "Glanz und Glamour" - während die großen Megacities von heute - Bombay, Rio, Lagos, Kairo, Mexico - im derzeitigen öffentlichen Image eher mit "Schreck und Graus" assoziiert werden (Kriminalität, Drogen, Slums, Smog, Müll usw.)

Harry Graf Kessler, ein preußischer Intellektueller und Diplomat, sieht in den 1920er-Jahren New York und notiert in sein Tagebuch: "NY ist überwältigend. Ich hätte nicht geglaubt, dass irgendein Eindruck mich noch aus der Fassung bringen könnte. Vor dem ungeheuren Anprall dieser Stadt gerate ich ins Wanken. Hier ist das moderne Rom, die kolossale Welthauptstadt, Beherrscherin der modernen Welt. Wie Babylon trägt sie das Kainszeichen auf der Stirn. Es ist die Welt des Dr. Mabuse, die Welt des rücksichtslosen Spiels, die Welt, wo die Zahl, wo alles, was nach Wert oder Größe messbar und käuflich wird, titanisch und schamlos das Haupt bis zu den Sternen erhebt."

So ist das mit den Weltstädten: sie faszinieren, und ihre unglaublichen Möglichkeiten ziehen an. Aber sie erscheinen auch als neues Babel - "mit dem Kainszeichen auf der Stirn". Gerade die konservative und kirchliche Kulturkritik des 20. Jahrhunderts, die die Kirche oft "lieber im Dorf ließe", hat die Großstadt als Hort der modernen Übel ausgemacht und dämonisiert: sie ist demnach gottlos, sittenlos, schamlos - ein wahrer Sündenpfuhl. Sie treibt den Menschen in die Vereinzelung. Sie zerstört die Traditionen, die Geborgenheit und die religiösen Bindungen. Die Stadt wirkt sich zentrifugal aus - isolierend und trennend - und dabei war sie doch zentripetal gemeint: sammelnd und Kräfte und Menschen bündelnd!

Beispiel: Paris. Vor 80 Jahren, um 1928 herum, macht der katholische Soziologe und Historiker Gabriel Le Bras eine bestürzende Entdeckung. Er interessiert sich für die Bretagne und die Bretonen; keiner in Frankreich ist so katholisch wie sie. Die Zahl der praktizierenden Katholiken in einem bretonischen Dorf liegt bei mindestens 80 bis 90 Prozent. Eine pastorale Idylle! Viele junge Leute aus der Bretagne ziehen aber nach Paris, als Dienstmädchen oder Handwerker. Ahnen Sie, wie es dort mit der religiösen Praxis bergab geht? Kaum 10 Prozent sind es noch, die in Paris die Messe besuchen. Le Bras untersucht diesen Sachverhalt und begründet hierbei eine neue Wissenschaft, die Pastoralsoziologie. Der Sachverhalt der säkularisierten Großstadt lässt die französische Kirche nicht los. 1943 erscheint wie ein Aufschrei ein Buch zweier junger Priester: "La France, pays de mission". Frankreich, die älteste Tochter der Kirche, wie sie sich immer stolz gefühlt hat: jetzt Missionsland. Paris: Missionsstadt. Man ist dort aber sehr kreativ, um der neu erkannten Situation zu begegnen. Die "mission de France" und die "mission de Paris" werden gegründet, viele französische Priester und Laien (Madeleine Delbrel, Sozialarbeiterin im kommunistisch geprägten Vorort Ivry) werden missionarisch. Die Arbeiterpriester gehen in die Fabriken, die Berührungsängste schwinden, neue Koalitionen bilden sich heraus - Christen und linke Gewerkschaftler z.B. -, und die meist bürgerlich geprägten Pfarrgemeinden sind nur noch ein Ort Gottes unter anderen. In den verschiedenen beruflichen und sozialen Milieus - von den Intellektuellen an der Sorbonne bis zu den Obdachlosen (Abbé Pierre) entstehen Zentren und Foyers, in denen auf eine neue Weise der Glaube gelebt wird - immer dem jeweiligen Milieu entsprechend. Selbst die Prostituierten an der Place Pigalle haben dort ein Café, das von Nonnen in Zivil betrieben wird, und in dem sie Gemeinschaft, Hilfe und ein offenes Ohr finden - und sogar beten können!
Die erst viel später aufkommenden neuen Leitworte "Evangelisierung" und "City-Pastoral" werden also in Paris schon dreißig bzw. fünfzig Jahre früher eingeübt und vorbereitet.

1975 gründet der Studentenseelsorger Pierre-Marie Delfieux in Paris die "monastischen Fraternitäten von Jerusalem". Mitten in der Stadt, gleich beim Rathaus um die Ecke, an der Kirche St. Gervais, leben nun die Stadtmönche. Tagsüber gehen sie den unterschiedlichsten Berufen nach - als Ärzte, Journalisten, Architekten, Ingenieure, Lehrer oder Designer. Am Nachmittag kommen sie wieder zusammen, feiern die Liturgie und gestalten ihr gemeinschaftliches und kontemplatives Leben. Ihr Gründer und Prior Delfieux erklärt in einem langen Interview u.a.: "Wir fühlen uns als Stadtmenschen und leben im Rhythmus der Stadt. Wir sind offen für die gesellschaftlichen Realitäten von Paris. Vorher habe ich zwei Jahre wie ein Einsiedler in der Stille der Wüste Sahara gelebt. Aber mir wurde ganz klar, dass die wahre Wüste nicht da in der Sahara war. Sie ist in der Mitte der modernen Megastädte. Da gibt es die Anonymität und Einsamkeit, den inneren Hunger und Durst. Ich bin ins Herz von Paris zurückgekehrt, um dort mit anderen eine kleine Oase zu schaffen, in der an einem monastischen Brunnen das lebendige Wasser zu finden ist." Auf die Frage, warum die Gemeinschaften "Jerusalem" im Namen haben, antwortet er: "Jerusalem ist die Patronin der Stäädte - eine Stadt, die den Menschen von Gott gegeben wurde und von den Menschen für Gott gebaut wurde. Wir gehören zu ihren Bürgern. Es ist die Stadt, auf die Jesus zugeht und in der er sein Leben vollendet. Es ist auch die Heilige Stadt der drei Religionen, ein starkes ökumenisches Symbol, und besonders ist es die Stadt der Endzeit, der Hoffnung auf das himmlische Jerusalem. Diese Hoffnung bewegt uns und lässt uns in der jetzigen Stadt, in Paris leben.."

Oasen und Brunnen in der Großstadt schaffen - auch in Berlin. Vor ein paar Jahren haben zwanzig Leute aus unserer Gemeinde in Lüdenscheid eine Wallfahrt in unsere Hauptstadt gemacht. Der Kardinal von Berlin, der damals sehr gebeutelt war von dem Pleitegeier, der über seinem Bistum schwebte, begrüßte uns bei der Fronleichnamsmesse auf dem Gendarmenmarkt und war höchst erstaunt über die Idee, ausgerechnet nach Berlin zu pilgern! Unsere Idee war halt: Gott wohnt in der Stadt, auch in Berlin… und wir suchten seine Spuren: in der Suppenküche der Franziskaner in Pankow, im Karmel von Plötzensee, im Jüdischen Museum, in den Kapellen des Bundestags und des Brandenburger Tors, im Morgengebet einer geistlichen Gemeinschaft am Prenzlauer Berg, ja selbst im Stasi-Gefängnis von Hohenschönhausen, und sicher auch bei der Fronleichnamsprozession durch die Innenstadt, vorbei an sonnenbadenden und Eis schleckenden Berlinern, die leicht irritiert das seltene Schauspiel betrachteten. Auf dem Funkturm am Alexanderplatz stand die Sonne und bildete mit ihren Lichtreflexen das berühmte Kreuz über der Stadt, das die damaligen DDR-Größen sehr geärgert hat. Mancher von uns dachte auch an den Film "Himmel über Berlin", in dem der Regisseur Wim Wenders die angeblich so gottlose Hauptstadt als Ort der Engel und der Transzendenz ins Bild bringt.

Ich schließe mit einem Hinweis auf Carl Sonnenschein, den "Weltstadtapostel", wie man ihn genannt hat. Als er nach dem Ersten Weltkrieg vom Rheinland kommend in Berlin eintraf, notierte er über seinen ersten Tag: "Dieser ganze erste Tag war Traum, Wirrwarr, - Babylon!" Er spürte, wie unerreichbar weit aus der Mietskasernen- und Hinterhofperspektive das himmlische Jerusalem erschien. Das Besondere an Carl Sonnenschein war: Er hielt sich nicht damit auf, das Berliner Sündenbabel zu verteufeln, sondern kümmerte sich bis zur völligen Erschöpfung um die Armen und Entwurzelten. Gott war damals sehr in der Stadt, in jeder Aktion und in jedem Zeitungsartikel Carl Sonnenscheins. In seinem Stakkato-Stil mit den vielen Ausrufezeichen schrieb er: "Die Leute gehen stempeln! Dreimal die Woche! Der Stempel wechselt die Farbe. Rot! Blau! Grün! Aber er wiederholt das furchtbare Wort "arbeitslos". Als er 1929 starb, schrieb das SPD-Blatt "Vorwärts" im Nachruf: "Wie selten sind, gerade im Lager der Frommen, die Menschen, die ihren Glauben zu leben den Mut und die Kraft haben! Sonnenschein war einer dieser wenigen Menschen."
Sonnenschein war kein einfacher Zeitgenosse. Aber er verstand es, ganz glaubwürdig ein urbanes Ideal der früühen Kirche mit Leben zu erfüllen. "Um es kurz zu sagen:", heißt es im Diognetbrief aus dem zweiten Jahrhundert, "was die Seele im Körper ist, das sind die Christen in der Welt." Oder eben auch: in der Stadt.

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