Medardus
Eine Gemeinde der
Pfarrei St. Medardus

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Katholische Kirchengemeinde St. Joseph und Medardus - Jockuschstraße 12 - 58511 Lüdenscheid - Tel. 02351 / 66400-0

WeinbergDer großzügige Grundbesitzer

Predigt vom 21.09.2008


Gott hat kein Kleingeld - er bezahlt mit großen Scheinen.

Verschwenderisch großzügig - so beschreibt Jesus den Vater, Gott. Wenn er vom Himmelreich erzählt, d.h. von den Verhaltensweisen, die bei Gott gelten, dann spüren wir: Es geht sehr anders zu als bei uns. Der Arbeiter der 11. Stunde, der den gleichen Lohn bekommt wie der, der den ganzen Tag gearbeitet hat, würde nicht nur die Gewerkschaften aufregen - er eignet sich wirklich nicht für Tarifverträge. Ein Denar - bei Jesus gleicher Lohn für alle. Ein Denar - das war nicht viel. Sagen wir: zwei Euro. Das ist heute der Tagessatz für viele Arme in Afrika. Mit Mühe und Not kann man davon leben. Wäre der Tagelöhner der letzten Stunde prozentual korrekt bezahlt worden, hätte er 20 Cent bekommen - ein Zehntel davon. Davon kann er gerade mal einen Apfel kaufen. Korrekt bezahlt könnte er nicht überleben. Sie merken, wie die normale Gerechtigkeit nicht reicht und die himmlische Großzügigkeit auch uns und gerade den Armen hier auf der Erde gut tun würde. Den Armen und den Sündern. Denen wird verschwenderisch Vergebung angeboten. Nicht siebenmal, sondern siebenmal siebzigmal sollen wir verzeihen, nach himmlischem Vorbild, sagt Jesus. Also verschwenderisch, nicht kleinlich aufrechnend. Und er erzählt vom verlorenen Sohn, der nach Hause kommt und vom Vater überschwänglich, verschwenderisch ausstaffiert wird : ein Ring an den Finger, ein Mastkalb wird geschlachtet, ein großes Freudenfest wird gefeiert - zum Leidwesen des älteren Bruders, der das alles mit Neid verfolgt und sich denkt: So etwas habe ich nie geboten gekriegt.

Der ältere Bruder mit seinem Neid und Groll ist Jesus fremd. Der verlorene Sohn mit seinem ziemlich verpfuschten Leben steht Jesus näher. "Er ist ein Freund der Zöllner und Sünder," gifteten die Leute über Jesus, "seht mal, mit wem er sich herumtreibt!" In der Tat war Jesus nicht "in guter Gesellschaft". Die gute Gesellschaft gab sich Mühe mit dem Glauben und mit den Gesetzen, aber sie verstand nicht, was Gnade ist, und das machte sie selbstgerecht, hart und eben - gnadenlos. Sie hielt Jesus für eine einzige Provokation und rächte sich an ihm mit der Kreuzigung. Am Kreuz hängend bringt Jesus seine Botschaft von der großzügigen Gnade noch einmal auf den Punkt; zu dem einen Verbrecher, der mit ihm gekreuzigt wurde, sagt er: " Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!" Heiligsprechung eines Verbrechers! Das war nicht die 11.Stunde, das war sozusagen "Fünf vor Zwölf". Für die Gnade ist es nie zu spät. Die Letzten werden die Ersten sein.

Sind diese alten Spannungen aus der Zeit Jesu heute noch aktuell? Ja, aber unter anderen Namen. "Anspruchsdenken" ist so ein anderer Name. "Das steht mir zu! Da habe ich aber einen Anspruch 'drauf!" Vor dem Himmelreich bricht dieser Anspruch zusammen: "Also, wenn einer es verdient hat, in den Himmel zu kommen, dann doch wohl ich!" Im Ernst wird keiner so reden, aber vielleicht mancher klammheimlich so empfinden, dass er auf Grund seiner Verdienste im Leben ein Recht auf die himmlischen Plätze habe. Es gibt allerdings keine Rechtsabteilung, wo er mit seinem Anspruch landen kann.

Warum nicht? Weil alles - laut Jesus - auf dem Gnadenweg geregelt ist. Ein Sprichwort sagt: Wenn wir bekommen, was wir verdienen, ist das Gerechtigkeit. Wenn wir bekommen, was wir nicht verdienen, ist das Gnade.

Also: Gott liebt uns - nicht, weil wir so gut sind, sondern weil er gut ist.
"Wenn ich in den Himmel komme" - dann, weil Gott mich da haben will.
"Wenn mir mein Leben als Christ gut gelingt" - dann, weil Gott mir die Kraft dazu gab.
" Wenn ich im Leben scheitere - und so ziemlich alles geht schief" - dann hoffe ich, dass Gott seine Möglichkeiten hat, wo meine zu Ende sind - auch fünf vor zwölf, siehe der gute Schächer am Kreuz.

Viele Eltern und Großeltern machen sich Sorgen um die jungen Leute, die so ganz andere Wege gehen. Sie sollten sich das immer wieder sagen: meine Möglichkeiten sind zu Ende - aber deine, Gott, fangen gerade erst an. Meine Wege sind nicht deine Wege, wie es in der Lesung heißt. Wir wollen, Gott, auf deine Großzügigkeit hoffen.
"Großzügiger Gott" - schade, dass man ihn nie so anspricht. "Allmächtiger", das sagen wir und betonen so seine Macht. Aber Jesus stellt uns seine Großzügigkeit vor und schlägt sie uns vor: nicht siebenmal, sondern siebenmal siebzigmal sollen wir verzeihen und darin nicht rechnen.
Weil Gott großherzig ist, verlieren sich manche Verkrampfungen und lösen sich viele Ängste - so die Angst, immer perfekt sein zu müssen und ja nichts falsch zu machen.
Weil Gott großherzig ist, weitet sich das eigene Herz und lässt alles Kleinliche, Kleinkarierte, Geizige und Engstirnige hinter sich. Ein weites Herz weiß um die Freiheit: Weil Gott großherzig ist, will er uns als freie, selbstständige Menschen - nicht am Gängelband.

Wie stellen wir uns am besten auf einen großherzigen, großzügigen Gott ein? Indem wir z.B. in der Kirche daran arbeiten, alles kleinliche und engstirnige Denken zu überwinden. Die Kirche wird dann immer kleinlich und eng, wenn sie Angst hat vor der Welt, wenn sie Mauern hochziehen will, um sich und die Gläubigen zu schützen, wenn sie ihre eigenen Interessen mehr im Blick hat als Gott, wenn sie nicht mehr wirklich auf ihn vertraut. Die Kirche wird großherzig, wenn sie Gott in seiner Großzügigkeit erkennt und preist und feiert.

Ja, das Feiern ist eine gute Einübung in Richtung "weites Herz": im Feiern beherrscht uns nicht mehr der Alltag mit seinen Pflichten und Abläufen. Wir pflegen Gemeinschaft, sprechen miteinander, essen und trinken, genießen die guten Gaben Gottes, singen vielleicht sogar zusammen, entspannen uns, und unser Herz weitet sich, wird "lockerer", erhebt sich zu Gott hin und zu einer größeren und umfassenderen Erfahrung des Lebens hin: das Leben ist mehr als die alltägliche Plackerei, der Sonntag ist mehr und anders als der Werktag. Das Festliche krönt unser Leben, und nicht umsonst hat Jesus immer wieder von Festen und Festmählern erzählt, um das Himmelreich anzudeuten. Eine Feier, nämlich die Messfeier, ist das zentrale Ereignis und das zentrale Treffen der christlichen Gemeinde: nicht eine Arbeitssitzung mit viel Papier, nicht eine Diskussionsveranstaltung. (Unser Pfarrfest heute kann uns ebenfalls in die Weite bringen - besonders wenn wir den Aufzug am Kirchturm nicht scheuen und dann von oben eine weite und schöne Aussicht über unsere Stadt genießen können.)

Eine mindestens ebenso wichtige Einübung in Richtung "weites Herz" ist die Caritas. Wir dürfen unser Herz nicht eng halten mit Slogans wie: "Jeder ist sich selbst der Nächste", und "Geiz ist geil". Ein weites Herz geht an den Armen nicht vorbei, deren Zahl dramatisch wächst. Nicht: "Jeder ist seines Glückes Schmied" - auch so ein unglücklicher Slogan. Die meisten landen in der Armut, weil sie wenig Chancen haben und der Arbeitsmarkt sie kaum braucht. Ein weites Herz ist auch ein bescheidenes Herz - es weiß, dass uns selber oft nur eine große Portion Glück oder Gnade davor bewahrt hat, selber abzustürzen und in der Armut oder im Scheitern zu landen.
Danken wir also Gott für alle Gnade in unserem Leben, für alles unverdiente Glück. - Die Dankbarkeit ist der beste Herzöffner und der beste Grund zum Feiern!




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