Verrückt
Lüdenscheider Nachrichten 24.12.2008

Ganz nüchtern fängt es an. Der Kellner ist müde nach langem Dienst am Heiligabend im Hotel, zieht sich in sein Zimmer zurück,
bestellt sein Lieblingsessen, eine sämige Erbsensuppe. Und während er die mit Behagen verzehrt, klopft ein kleiner Junge an, der sich
wohl mit der Zimmertür vertan hat und sich selbst überlassen ist; seine Mutter betrinkt sich derweil in der Hotelbar. Der Kellner
lässt sich von dem Jungen die heißgeliebte Suppe wegessen und stemmt danach auch noch eine Kuhle ins Parkett, draußen auf dem
Gang, weil das Kind gerne Murmel spielen möchte. Das wird nun später zum Kündigungsgrund (Sachbeschädigung! Unfallgefahr!).
"Sollte ich dem Arbeitsgericht erklären, dass ich drei geschlagene Stunden lang mit dem Jungen Murmel gespielt habe, bis er
schließlich todmüde ins Bett fiel? - Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können, aber ich hab's getan."
So erzählte Heinrich Böll in den 50er Jahren. Eine Weihnachtsgeschichte? Nur weil sie am Heiligen Abend spielt? Eine Geschichte
jedenfalls ganz ohne Tannenbaum und Lametta und auch ohne Krippe und Stall. Das Kind in der Krippe ist allerdings ganz versteckt, ganz anonym
anwesend, sozusagen durch die Hintertür gekommen. " Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes," heißt es im
Titusbrief, in der Bibel, im Blick auf dieses Kind. Auch ein Kellner im Hotel kann - ob es ihm bewusst ist oder nicht - wie ein Echo dieses
göttlichen Erscheinens sein, kann für diese Menschenfreundlichkeit stehen: drei geschlagene Stunden Spiel mit einem fremden verlorenen
Kind, dazu eine gehörige Portion Verrücktheit, die zur Kündigung führt - ein Loch ins Parkett stemmen, damit das Spiel
möglich wird! Aber diese Verrücktheit ist immer mit im Spiel: Gott ist "verrückt", dass er Mensch wird und nicht in seinem Himmel
bleibt, und der gottes- und menschenfreundliche Mensch ist "verrückt", dass er sich nicht mit sich selbst begnügt.
Vielleicht klopft auch bei Ihnen jemand an und will die Suppe mitessen und will Ihre Zeit und Aufmerksamkeit (drei geschlagene Stunden!). Es
könnte ein Bote des göttlichen Kindes sein, denn: " Gottes Weihnachten ist voller Boten - und einige sind unterwegs zu Dir." ( A.
Goes)
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