Medardus
Eine Gemeinde der
Pfarrei St. Medardus

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Katholische Kirchengemeinde St. Joseph und Medardus - Jockuschstraße 12 - 58511 Lüdenscheid - Tel. 02351 / 66400-0

Menschlich und göttlich

Weihnachtspredigt 2008

PostkarteStellen Sie sich vor, es gäbe Weihnachten gar nicht:
Müsste man es dann nicht erfinden?
Denn Weihnachten zu feiern - das ist sehr m e n s c h l i c h.
Wir feiern in der Regel mit sehr vertrauten Menschen,
in der Familie, im Freundeskreis.
Die jungen Leute, die wegen des Studiums woanders leben,
kommen zum Hl. Abend hierhin zurück, um hier zu feiern.
Wir schreiben und schenken und bedenken Menschen,
die uns lieb und wichtig sind
und für uns eine Art Heimat bilden.
Wir feiern mit vertrauten Bräuchen,
mit Tannenbaum und Festessen und Bescherung,
und wir erinnern uns an die Kindheit
und unser ursprüngliches Zuhause.
Weihnachten ist ein wichtiger Baustein
unserer inneren Heimat.
So zu feiern ist wirklich sehr menschlich,
und das heißt schon viel!
Es ist wie ein Ruhe- und Haltepunkt
im bewegten Auf und Ab des Jahres.

Aber damit haben wir Weihnachten
noch nicht erfasst.
Gewiss: Nur noch 36% unserer Bevölkerung
halten Weihnachten für ein religiöses Fest.
Aber erst hier wird es eigentlich spannend!
Das Familienfest, das Lichter- und Geschenkefest
fordert uns nicht besonders heraus!
Da gilt: Alle Jahre wieder ...
Oder, wie es im beliebten Sylvesterfilmchen heißt:
James, the same procedure as every year...

Die eigentliche Herausforderung,
über die man sich auseinandersetzen und sogar streiten
und auf jeden Fall nachdenken kann,
lautet: Weihnachten ist - auch - ganz g ö t t l i c h.
Gott wird Mensch.
Da muss man erst mal drauf kommen!
Es ist keine Idee oder Theorie von Menschen,
sondern göttliche Botschaft von oben, von Engeln her.
Für Juden und Muslime - undenkbar !
Keine von den Religionen sonst rechnet mit so etwas.
Sie alle lassen Gott im Himmel,
in seiner Herrlichkeit und Seligkeit,
in seinem Reichtum,
in der "Transzendenz", wie die Theologen sagen.
Sie machen so einen sauberen Schnitt zwischen Gott und Mensch.
Klare Trennung der Bereiche!
Im Grunde verfahren wir als Christen oft genug auch so:
Der Himmel für Gott -
und die Erde für die Menschen!
Diese Trennung, die keine Brücke kennt,
macht Gott eigentlich ziemlich uninteressant.
Im Lauf der Zeiten entschwindet er so in der Ferne
- in der vermeintlichen Himmelsferne -
und wird zum alten Mann im Lehnstuhl;
der von der Erde getrennte Gott
scheint alt, steinalt und kraftlos geworden zu sein…

Gegen dieses Auseinanderreißen der Bereiche (Himmel / Erde)
protestiert das Weihnachtsfest
mit seinem Bekenntnis: Gott wird Mensch!
Spüren Sie, wie kühn und provozierend
dieses Bekenntnis ist?
Wie geradezu "verrückt"?
Der große Gott, den nichts fassen kann -
ein kleiner Mensch, fünfzig Zentimeter lang ?
Das Allerhöchste und Allertiefste,
das wir mit dem Wort "Gott" verbinden,
hat auf einmal ein Gesicht?
Der Allergrößte wird ganz klein,
ein Kind im Stall,
taucht hinein in die Armut dieser Welt ?
Ja, einer von uns, von unserer Art -
aber nicht von unserer Unart!
Wer es fassen kann, der fasse es!
Und staune und staune
und gehe nicht so ganz schnell
zur Tagesordnung über, -
zum Konsumverhalten etwa
in der Weihnachtszeit
und was die Zeitungen sonst
so melden.
Weihnachten sagt uns:
Gott ist in unserer Welt -
nicht nur im "Jenseits",
wo er uns vom Leibe bleibt.
Er kommt uns wirklich sehr nah,
rückt uns auf den Leib,
kommt in Jesus,
kommt im Nächsten,
kommt immer näher,
geht uns sogar "unter die Haut",
sucht sich einen Weg
in unser eigenes Inneres!
(dafür steht die Hl. Kommunion.)
So tragen wir Menschen
seit Weihnachten
Gott in uns.
Weihnachten:
Die große An-näherung Gottes!

Von einem "wunderbaren Tausch"
haben einst die Kirchenväter gesprochen:
Der Tausch geht so:
Gott wird Mensch und ganz menschlich
und menschenfreundlich,
und der Mensch wird - göttlich, ver-göttlicht,
ins ewige Leben gerufen;
und das dürfte zugleich auch heißen:
ganz und gar - menschlich!
Ganz und gar - bei sich!
Der Himmel kommt zur Erde,
er berührt die Erde.
In der Weihnachtsbotschaft
kommen Engel und Hirten zusammen,
oben und unten.
Wenn die Hirten nur immer unter sich und mit sich bleiben
und nur über ihre Probleme reden
und kein Engel kommt,
der sie auf-blicken lässt -
was für ein armes Leben!
Wenn unsereins immer nur unter sich und mit sich bleibt
und nur über die Finanzkrise und ähnliches redet
und kein Engel kommt
und kein Gott sich blicken lässt-
was für ein armes Leben -
- ohne Aufblick, nur noch
Seitenblicke und Herunterblicken stehen dann an.

Ich habe hier die neueste Karte von gott.net.
Auf den ersten Blick sieht man nichts -
Nur ein unbeschriebenes weißes Blatt.
Dann liest man sich vermutlich den Text
auf der Rückseite durch:

Manchmal musst du hinschauen, sagt Gott.
Sonst siehst du nichts.
Manchmal musst du lauschen.
Sonst hörst du nichts.
Die grellen Bilder, die schrillen Töne
liegen mir nicht.
Ich komme leise.
Liebe kommt immer leise.
Schließ alle Sinne auf - und dein Herz.
Dann bin ich da. Und bleibe…

PostkarteWenn man dann die weiße Karte noch mal vornimmt
und in einem bestimmten Winkel
ans Licht hält,
kann man doch etwas lesen:
ICH BIN IMMER DA. Sagt Gott.
Gottes Geheimschrift,
Gottes Handschrift in unserem Leben!
Nicht immer leicht zu entziffern!

Am Freitagmorgen um neun Uhr schickte ich
diese Karte an Bischof Felix Genn in Essen
mit dem Wunsch,
dass er Gottes Handschrift im neuen Jahr 2009
gut entziffern möge.
Drei Stunden später war zu erfahren,
dass er gerade - völlig überraschend -
zum Bischof von Münster ernannt worden war.
Gottes Handschrift im Leben…

Oft sehen wir diese Schrift erst "auf den zweiten Blick":
wie bei der Karte.
Der erste brachte ja nur eine leere Oberfläche.
So auch zu Weihnachten!
Der erste Blick: Die Fakten!
Also: ein neugeborenes Kind.
Ganz menschlich!
Der zweite Blick,
in einem bestimmten Blickwinkel,
im Licht des Glaubens:
(Glauben - ist immer der "zweite Blick"!)
der Messias, der Herr.
Ganz göttlich!
Menschlich und göttlich zugleich!
Weihnachten heißt: beides zusammen zu sehen
Und nicht mehr auseinander zu reißen.
Das ist die Handschrift Gottes,
seine Geheimschrift an diesem Fest.
Das Menschliche im Göttlichen
Und das Göttliche im Menschlichen.

Ich wünsche uns allen,
dass wir uns mit dem "ersten Blick" nicht begnügen,
mit allgemeiner Nettigkeit heute
und "ein bisschen Frieden, ein bisschen Liebe".
Ich wünsche uns allen
den Mut und die Geduld
für den "zweiten Blick",
der die Zusammenhäänge deutet
und der erst die Geheimnisse ahnt -
ich wünsche allen

GESEGNETE WEIHNACHTEN!


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