Wo wohnst du?
Predigt vom 18.01.2009

Manchmal tut es gut, sich an die Anfänge zu erinnern.
Ehetherapeuten z.B. lassen ihre Klienten mit Eheschwierigkeiten gerne zurückblicken: wie war das denn damals, als wir uns kennen lernten und
"in Flammen standen"? Wie war das noch mal, die erste Zeit, die grundlegende Zeit, mit ihren tiefen Gefühlen, mit ihrer Begeisterung?
Auch die Jünger Jesu scheinen in diesem Evangelium zurückzublicken: Wie war das noch damals, als wir den Herrn zum ersten Mal trafen?
Offensichtlich können sie sich genau erinnern, selbst an die Uhrzeit: Es war um "die zehnte Stunde", vier Uhr nachmittags. An
Schicksalsstunden kann man sich immer genau erinnern.
Mir scheint, dieser erste Kontakt lief ziemlich ungewöhnlich. Da ist erstmal Johannes der Täufer, und zwei seiner Jünger stehen
bei ihm. Seine Jünger, nicht Jesu Jünger! Der kommt nun allein des Weges, und er geht vorüber. Das ist alles. Er geht
vorüber! Wie ein Straßenpassant. Mehr wird nicht gesagt. Kein Wort, kein Gruß. Jesus lockt nicht, er wirbt nicht ab, er huscht
vorbei. Aber Johannes weist auf ihn: "Seht, das Lamm Gottes!" Eine Andeutung, ein kurzes Glaubensbekenntnis - und das reicht schon, dass die
Jünger ihren Lehrer Johannes stehen lassen und hinter dem anderen, hinter Jesus hergehen. Manchmal reicht ein kurzer Hinweis, ein kleiner
Fingerzeig eines anderen - und alles ändert sich!
Jesus fragt dann die beiden bisher sehr schweigsamen Jünger das, was er immer fragt, wenn Menschen zu ihm kommen: "Was wollt ihr?" So fragt
er oft die Kranken, die sich zu ihm hindrängen. Sie sollen sich darüber klar werden, was sie wirklich wollen, von Ihm wollen, in ihrem
Leben wollen. Nehmen wir die Frage ruhig auch als Frage an uns: Was wollt ihr, hier in dieser Messfeier? Was wollt ihr überhaupt von mir?
In einer anderen Übersetzung heißt die Frage: "Was sucht ihr?" Das ist sehr aktuell, sehr zeitnah gefragt. Sehr viele Menschen verstehen
sich heute als Suchende. Manche sagen: Wir sind religiös unmusikalisch. Das Organ für den Glauben fehlt uns - noch. Wir haben das Geschenk
des Glaubens nicht erhalten. Aber wir spüren, was uns da fehlt. Auch wir können nicht bloß von vollen Kühlschränken und
hundert Fernsehprogrammen leben. Unseren Kindern schulden wir Werte. Um die bemühen wir uns auch - um Nächstenliebe, um Schutz der
Schwächeren, um Bewahrung der Schöpfung. Und immer noch fehlt dann etwas. Es ist die "Sehnsucht nach dem ganz Anderen". Gott fehlt uns.
Wir würden so gerne an ihn glauben.
Vor kurzem war ein Brautpaar bei mir. Sie: gut katholisch. Er - der Bräutigam - war zwar getauft und zur Kommunion und Firmung gegangen,
hatte aber sonst nicht viel mit der Kirche zu tun. Aber es waren Fragen in ihm, die Suche war in ihm, die Unzufriedenheit mit seinem bisherigen
Glaubensleben. Und er fragte, was Brautpaare sonst eher selten fragen: "Wie kann ich "reinkommen" in den Glauben und in die Kirche?"
Die Antwort, die ich gab, war - sinngemäß - die Antwort dieses Evangeliums, auch wenn ich etwas weiter ausholte und mehr Worte
gebrauchte. Jesus kam damals mit drei Worten aus: "Kommt und seht!" So beantwortete er die etwas überraschende Frage der Jünger: "Wo wohnst
du?"
Kommt und seht. Das ist eine Einladung. Mit den Suchenden von damals philosophiert Jesus nicht herum und veranstaltet auch keine Talkshow
über Sinnsuche. Er lädt sie ein zu sich. Er sagt auch: "Kommt, folgt mir nach." Und das heißt: Geht einen Weg mit mir, geht den
Weg der Christen, und im Gehen - nicht so sehr im Sitzen und Denken und Grübeln - erfahrt ihr etwas von dem, was ihr sucht.
Ich lese zur Zeit ein merkwürdiges und faszinierendes Buch. Ein glaubensferner jüdischer Schriftsteller in New York hat sich die Bibel
vorgenommen, ein Agnostiker, wie er selber von sich sagt. Er schreibt sich die vielen Hunderte Einzelvorschriften der Bibel heraus, auch die kaum
noch verständlichen, und will - gleichsam auf Probe - ein Jahr lang ganz bibeltreu leben. Jeden Tag nimmt er sich eine neue Anweisung vor
und probt sie aus. Ohne wirklich an Gott zu glauben, geht er Gottes Wege, in der strengen Fassung des Alten Testaments, mitten in New York. Im
Gehen erfährt er aber Gott und kommt ihm näher ... Hauptsache also: Gehen, sich aufmachen, die ersten Schritte tun!
Das Brautpaar von vorhin habe ich eingeladen zu unseren Messfeiern und Festen und in unser Gemeindeleben hinein. "Kommt und seht." Was werden sie
sehen? Was bekommen sie zu sehen? Sicher keine Sensationen, kaum Events, keine "heiligen Schauer", die uns in der Liturgie über den Rücken
laufen. Eher viel Routine und viel guten Willen und ehrliches Bemühen und ziemlich normale Menschen und hinter all dem - doch immer wieder:
Gott. Seine Worte. Seine Zeichen. Seine Wege, wie Menschen heute - recht und schlecht - sie zu gehen versuchen.
Im 4. Jahrhundert wurde ein Kirchenvater und Bischof des Ostens gefragt, wie man denn zum Glauben komme. Er gab die wunderbare klassische
Antwort: "Komm und leb ein Jahr mit in meinem Haus." Der Kirchenvater ging selbstbewusst davon aus, dass es in seinem Haus etwas zu sehen und zu
entdecken gibt, das zum Glauben anstiftet.
Glauben lernt man durch Glaubende. Glauben "guckt man ab": von der Oma, von den Eltern, von der Kommunionmutter, von Leuten in der Gemeinde.
Glauben lernt man durch Praxis und durch Mitgehen. Beten lernt man durch Beten. Glauben lernt man - so sagt der Kirchenvater - besonders
schön durch Freundschaft und Gastfreundschaft. Durch Gastfreundschaft ist der Glaube damals herumgekommen in der antiken Welt - von einer
Stadt zum nächsten, von einem Haus zum anderen.
Daher ist zu hoffen: Wenn ich andere Menschen einlade - in mein Haus, in mein Leben, in meinen Glauben -, gebe ich Jesu Einladung weiter: Kommt
und seht!
Damals - ein wenig später - traf Andreas, einer der beiden Jünger, seinen Bruder Simon mitten auf der Straße und führte ihn zu
Jesus hin. Den anderen sehen und einladen und mitnehmen und hinführen zu Jesus: so fing es mit der Kirche an. So geht es weiter. Und so darf
es niemals aufhören.
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