Medardus
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Pfarrei St. Medardus

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Das A l l e r heiligste

Predigt zum Fronleichnamsfest 2009



Tarsicius war ein Junge von 12 Jahren. Er gehörte zur Gemeinde der Christen in Rom, in der Zeit der Verfolgung. Er hatte sich bereit erklärt, die heilige Kommunion quer durch die Stadt zu tragen - ins Gefängnis. Dort kannte er einen Wärter, der sie an die christliche Gemeinde weitergeben wollte. Ein gefährlicher Auftrag! Unterwegs wurde Tarsicius von einigen Halbstarken angegriffen - sie wollten unbedingt sehen, was er da so geheimnisvoll unter seiner Toga versteckte. Sie würde, das war sicher, mit der Kommunion ihr Spielchen machen und ihren Spaß haben. Sie würden sie auf die Erde werfen, auf ihr herum trampeln - auf dieses verhasste christliche Geheimzeichen. Tarsicius wehrte sie ab - und wurde von einem Stein erschlagen. Eine alte Inschrift erinnert in Rom an diesen jungen Christusträger.

Warum setzte sich Tarsicius solcher Gefahr aus? Er hatte einen Sinn für das Heilige, wollte es hüten und schützen. Niemals sollte es durch den Schmutz gezogen und in den Dreck der Straße geworfen, nicht einmal dreckigen Bemerkungen ausgesetzt werden. Er hatte einen Sinn für das Heiligen, ja für das Allerheiligste, wie wir die in der Monstranz getragene Kommunion nennen. Das war etwas, das nicht beliebig war in einer Welt voller Beliebigkeit. Das war etwas - und darin einer: Christus, für den der römische Junge sein Leben ließ.

Das Allerheiligste. Sagen wir das Wort einem Außenstehenden, der unsere religiösen Begriffe nicht kennt, vielleicht fragt der neugierig zurück: Was ist das denn? Meint ihr das Allerwertvollste, das Allerteuerste, das man mit aller Kraft verteidigt, wenn einer es wegnehmen will? So wie Gold und Juwelen und Diamanten? Etwas, das man zuhause im Tresor verwahrt, in der Schatzkammer? Und wenn wir ihm dann sagen: Wir meinen ein kleines Stückchen Brot - dann wird er sehr verwundert sein und fragen: Wie? Mehr nicht? Das ist alles?

Ja, das ist alles. Mehr nicht. Ein kleines Stückchen Brot - heute, wenn es eine Prozession gäbe, würde es durch die Stadt getragen. Eingefasst in eine wertvolle Monstranz mit Gold und Edelsteinen, die ansonsten im Tresor der Kirche verwahrt wird. Aber auf die kommt es nicht an. Auf das kleine Stückchen Brot kommt es an. Vor ihm gehen Menschen noch auf die Knie. Sie spüren: da kommt etwas Heiliges - ganz klein, aber in äußerster Verdichtung.

Was ist ansonsten "heilig" bei uns? Die meisten werden antworten: das Leben. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Unantastbar - heilig. Aber dann hört man die Nachrichten: Christliche Orden haben in Irland Tausenden jungen Schutzbefohlenen in Heimen Gewalt zugefügt. Oder: Dutzende Menschen - Flüchtlinge - ersticken im Kühltransporter, worin sie wie Schweinehälften ins Ausland transportiert wurden. Unantastbar? Nein: angetastet, ent-heiligt. An tausenden Fronten. Das Gespür, dass etwas heilig und unantastbar und nicht beliebig ist, schwindet. Das Leben - heilig? Man manipuliert damit herum. Der Sonntag - heilig? Heruntergekommen zur reinen Freizeit, zum Wochenende. Die Ehe - heilig? Nur noch ein Modell des Zusammenlebens neben anderen. Die Schöpfung - heilig? Eher ein Steinbruch, aus dem sich jeder bedient.

Es ist nicht die unwichtigste Aufgabe von Christen heute, das Gespür für Heiligkeit neu zu stärken. Unser Sinn muss sich schärfen für alles, das unantastbar ist und über das man nicht einfach und beliebig verfügen kann. Für alles, das an ein letztes Geheimnis rührt, an Gott. Der Fronleichnamstag mit dem kleinen Stückchen Brot in der Mitte bietet dazu wirklich eine Gelegenheit. Und darum ziehen wir üblicherweise in einer Prozession durch die Straßen unserer Stadt, um sie an das Heilige zu erinnern und das Heilige gegenwärtig zu halten.
Heilig - das sind die Gaben des heiligen Gottes. Meine Mutter hat, wenn sie ein Brot anschnitt, ein Kreuzzeichen über das Brot gemacht. Da zeigt sich das Gespür, dass Brot mehr ist als nur ein schneller Sattmacher für den Magen - Gottes Gabe, Inbegriff dessen, was wir zum Leben brauchen, und was uns gegeben wird: "Unser tägliches Brot gib und heute!"

Wir leben ja weiterhin noch immer im Überfluss. Es ist alles da - für viele. Knappere Zeiten lehren uns, das nicht selbstverständlich zu nennen, sondern dafür dankbar zu sein. Und die Armen der Welt können uns lehren, dass gerade die Knappheit das Brot heilig macht. Ich habe gesehen, mit welcher Andacht Arme in Afrika ein Stück Brot aßen.

Liebe Schwester und Brüder, und jetzt steigern und toppen wir das Heilige noch und verehren das Allerheiligste. Heilig sind die Gaben Gottes. Das Allerheiligste bedeutet dann: Gott gibt sich selbst. Nicht irgendetwas - sich selbst. Das ist eine Liebe, die einen schier schwindelig machen kann. Wir geben meist aus unserem Überfluss. Es geht nicht wirklich ans Eingemachte. Gott gibt sich selbst, und dieses Geben hat einen Namen: Jesus Christus. Er nimmt beim letzten Abendmahl - im Erahnen seines Todes - ein Stück Brot und sagt: Nehmet und esset! Das ist mein Leib, das bin ich selbst - hingegeben für euch. Ich - der Mensch für andere. Ich, Gott-für-die-Menschen.

So zu reden, so zu handeln, so zu leben - das ist das Allerheiligste. Ich wüsste nichts, was darüber hinaus gehen könnte. In dem kleinen Stückchen Brot verdichtet es sich, nimmt Gestalt an, wird zu einem sprechenden Zeichen.

Wir stellen es in unsere Mitte - und tragen es durch einige Straßen der Stadt. Nicht eigentlich es, sondern ihn. Und indem wir mitgehen auf seinem Weg, zeigen wir uns als Christusträger und Christusträgerinnen. Er will zu den Menschen getragen werden - auch zu denen, denen er fremd geworden ist und die nicht wissen, ob sie ihn brauchen. Hier, an seinem Tisch, stärkt er uns für dieses Tragen. Er kann uns die Angst nehmen, wenn wir ihn nur im sicheren Raum der Kirche und nicht in der Stadt, bei den Menschen, bekennen und bezeugen wollen. Er, Christus, bittet uns, ihn in der Stadt sichtbar zu machen, spürbar und greifbar zu machen. Nur wenn er für sie greifbar wird, können Menschen sich an ihn halten. Ich bin sicher: Viele warten darauf ...

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Bussgang Bussgang Bussgang Bussgang Bussgang Bussgang Bussgang Bussgang Fotos: Markus Geisbauer