Die Brotvermehrung
Predigt 25.07.2009
Kennen Sie noch das Märchen von den Sterntalern? Ein Kind, ein Mächen geht in die Welt hinein, ins Feld, in den Wald.
Es ist bitterarm, besitzt nur, was es am Leibe trägt - und es begegnet noch Ärmeren, die das Kind anbetteln: Ich hab
Hunger! Und ich friere! Das Kind gibt ab - bis zum letzten Hemd. "Und wie es so dastand und gar nichts mehr hatte, fielen auf
einmal die Sterne vom Himmel, und obwohl es sein Hemd weggegeben, so hatte es ein neues an, das war von allerfeinstem Linnen.
Da sammelte es die Sterne hinein und war reich für sein Lebtag."
Sind uns auch schon einmal die Sterne vom Himmel gefallen - und wir konnten sie sammeln und waren reich durch sie, innerlich reich?
Konnten sie einsammeln sozusagen "in dem neuen Hemd", an der Stelle unseres Lebens, wo wir selbstlos waren und nicht rechneten und
das Glück nicht im Nehmen, sondern im Geben lag?" Denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück," weiß
ein Spruch, den wir früher ins Poesiealbum geschrieben haben. Aber es geht nicht um Poesie! Natürlich ist das ein
schönes poetisches Bild: die Sterne, die vom Himmel fallen. Es will - und darauf kommt es an - zu einer Erfahrung des Lebens
werden. Und: es will zu dieser Erfahrung ermutigen - zur Selbstlosigkeit, zum Teilen, zum Geben ohne Absichten und Hintergedanken.
Auch in unserem Evangelium ist es ein Kind, das gibt - diesmal ein Junge. Warum führt der Evangelist Johannes diesen kleinen Jungen
mit seinen fünf Broten und zwei Fischen ein? Weil ein Kind - vor allem in der damaligen Zeit- für Armut steht. Es hat kein Geld,
keine finanziellen Polster. Ein Kind lebt von den Eltern und dem, was man ihm gibt. Selber hat es nichts. Und wenn dieser Junge nun
fünf Brote und zwei Fische mitbringt, dann gibt er alles her - das Letzte, was er hat. Er legt kein Brot zurück zum Selber-essen.
Er ist wie ein Bruder des Sterntalermädchens. Er ist von derselben Art. Und auch für ihn sind die Sterne des Himmels - die
Schätze der etwas anderen Art.
Seien wir ehrlich! Sind diese beiden Kinder, diese Menschen in unseren Augen ein wenig verrückt? Geben alles ab, behalten nichts
für sich? Was würden wir sagen, wenn die eigenen Kinder oder Enkel solche Anwandlungen hätten und alles weggäben an
Ärmere? Ich meinerseits spüre bei mir immer eine Mischung aus Verärgerung und Unverständnis und auch etwas Bewunderung,
wenn meine Freunde aus Afrika und Asien das Wenige, das sie haben, in ihre Heimatländer an ihre Familien schicken, die meistens
enorme finanzielle Nöte und Probleme haben. Unverständnis, weil sie selber hier kaum klar kommen - und Bewunderung, weil sie sich
so stark verantwortlich fühlen für ihre fernen Familien. Die Gefühle gehen da beim Zusehen durcheinander! Und vielleicht
auch beim Hören dieses Evangeliums? Aber das Evangelium kann uns da wirklich auf eine andere Spur setzen. Wir bleiben dann nicht
stehen bei dem Unverständnis, dass einer alles abgibt und sich dadurch scheinbar ruiniert. Wir freuen uns vielmehr mit dem Evangelium,
dass Gottes Segen darauf liegt und etwas Wunderbares in Gang kommt: Alle aßen und wurden satt. Zwölf Körbe bleiben übrig.
In der Sprache des Märchens: Die Sterne fallen vom Himmel und machen reich.
Alles zu geben - das geht nur in einem großen Vertrauen. Genau so wie: etwas beginnen, obwohl kaum was da ist. Nur fünf Brote und
zwei Fische. Der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Der gesunde Menschenverstand sagt: Lass die Finger davon. Das klappt niemals!
Da wird nichts draus! Und man fängt erst gar nicht an. - Andere fangen an, ziehen los, haben ein Vertrauen, mit dem man Berge versetzen
kann. Viele Ordensgründer/Innen gehören zu diesem Typ. Sie hatten eine große Idee, eine Vision, aber standen allein, und Geld
und andere Mittel hatten sie auch nicht. Aber sie begannen. Sie wagten es. Mutter Teresa z.B. sah die riesige Not in ihrer Stadt Calcutta.
Anfangs stand sie allein. Aber ihre Liebe zu den Armen steckte an. Zwanzig Jahre später hatte sie zweitausend Schwestern hinter sich.
Wunderbare Menschenvermehrung! Ansteckung im Guten! Und die Sterne fielen für viele Arme und Sterbenskranke vom Himmel und machten sie
reich, zumindest in ihrer letzten Lebensetappe reich an Würde, weil man sich um sie kümmerte, weil sie eine Liebe spürten, die
vom Himmel kam.
Liebe Schwestern und Brüder,
sechsmal erzählt das Neue Testament von der Speisung einer großen Menge, von der "Brotvermehrung", wie wir sagen. Das muss den
Evangelisten doch ganz wichtig gewesen sein, dass sie so oft davon sprechen! Welche Rolle spielt Jesus in der Geschichte? Es heißt:
"Jesus nahm die Brote (die des Jungen, die letzten, die er hat), sprach das Dankgebet und teilte an die Leute aus, so viel sie wollten."
Hat irgendjemand von Ihnen an dieser Stelle das Wort "wunderbar vermehren" entdeckt? Nein, es steht nicht da, sondern nur: die Brote des
kleinen Jungen nehmen, - das nehmen, was da ist, auch wenn es nur ganz wenig ist-, zum Himmel aufschauen und austeilen. Das und nur das tut
Jesus hier - auf einem Schauplatz großer Armut. Die Menge der 5000 hat nichts - die Leute haben Hunger und können sich nichts kaufen.
Die Jünger Jesu haben auch nichts ("Wo sollen wir Brot kaufen, damit die Leute zu essen haben?"). Der kleine Junge hat auch nichts mehr,
denn er hat das Letzte gegeben, was ihm gehörte. Und Jesus hat auch nichts, denn seine Taschen sind wie immer leer. Aber er stellt sich der
Situation, schickt die Leute nicht weg, sagt nicht: Was kann man schon machen? In großem Vertrauen teilt er aus, was da ist: das Wenige.
Und es reicht für alle, sagt das Evangelium. Nicht, weil Jesus eine Art Magier ist, der unsichtbar einen Zauberstab schwingt, wie wir
vielleicht als Kinder gedacht haben - sondern eher, weil Jesus das Wort "unmöglich" nicht kennt und nicht kennen will.
Kurt Marti, ein Dichter und Pfarrer aus der Schweiz, schrieb einmal:
Wo kämen wir hin
Wenn alle sagten:
Wo kämen wir hin
Und keiner ginge
Um nachzuschauen
Wohin man käme
Wenn man ginge
Jesus ist der, der nachgeschaut hat, der gegangen ist, der es wagt, der begonnen hat, der austeilt, der ganz und gar, mit Haut und Haar, Vertrauen
lebt. Und das steckt an. Wo kämen wir hin, wenn jeder lernen würde, zu geben, was er hat - auch das Geringe, das Wenige einsetzt, ohne
sich an seine Sicherheiten und an seinen Besitzstand zu klammern! Wo käme die globalisierte Welt mit ihren Reichen und mit ihren Armen hin,
wenn das Beispiel Jesu und des kleinen Jungen im Evangelium Schule macht! Eine ganz neue Dimension und Kraft des Lebens wird uns da von Johannes in
seinem Evangelium erzählt: ein Wunder, das aus den leeren Händen aller wachsen kann.
Die 5000 damals haben es kaum begriffen, das Wunder. Sie wollten Jesus anschließend zum König machen, zum Brotlieferanten, der ihnen ihre
Probleme löst, mittels Brotvermehrung. Sie haben kaum begriffen, dass das Wunder auch durch ihre Hände gehen muss, durch Hände, die
geben, die teilen und austeilen. Begreifen wir es, dass auch unsere Hände gemeint sind?
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