Wasserfluten löschen sie nicht aus
Predigt zur Beerdigung von Horst Sauer am 12.08.09
Max, der Enkel von Horst, noch keine fünf Jahre alt, hat in den letzten Tagen ein Bild gemalt. Das Meer -
und im Wasser stehend ein Leuchtturm, der große feste Lichtstrahlen aussendet. Diese Lichtstrahlen und
diesen Leuchtturm können wir jetzt alle gut gebrauchen, wir brauchen Licht und Trost angesichts dessen,
was das Meer - der Pazifik, der sog. "Stille Ozean" - da angerichtet hat. Ich bewundere die Intuition eines
kleinen Jungen, der den Leuchtturm nicht irgendwohin abseits stellt, sondern direkt ins Meer hinein, in den
schrecklichen Schrecken hinein, in den Tod hinein. Da, wo es ganz dunkel wird, will das Licht scheinen.
Was für ein Licht? Ich schaue auf die Todesanzeige und lese, aus dem Hohenlied, dem schönsten Liebeslied
der Welt - es steht wirklich in der Bibel:
Stärker als der Tod ist die Liebe.
Wasserfluten löschen sie nicht.
Wasserfluten haben ein Menschenleben ausgelöscht, mit furchtbarer Kraft. Wir erleben diese Un-Worte der
Todesanzeige mit: Un-denkbar. Un-sagbar. Un-vorstellbar. Das Vertrauen in eine gute Weltordnung setzt da erst
mal aus. Wir können die Frage "warum" voll und ganz verstehen, die über diesen Wasserfluten hängt.
Aber wir können noch etwas anderes heraushören: etwas, das Licht gibt. Eine erstaunliche Zuversicht,
vielleicht gegen den Augenschein: Die Liebe - stärker als der Tod. Die Liebe - stärker als das Tod
bringende Meer. Die Liebe - eine Grundkraft mit einer Macht, die tiefer reicht als unser konkretes Leben und
als der Tod. Es gibt Menschen, die geben ihr Leben hin, die lassen ihr Leben - aus Liebe. In Guatemala ist Horst
bei seinen bei-den Reisen auf die Spuren solcher Menschen gestoßen, solcher Märtyrer. Sie sind starke
Hinweise für das Wort aus der Bibel: Stärker als der Tod ist die Liebe. Und es gehört mit zum ihn
tief berührenden Geheimnis des Landes Guatemala, dass es solche Menschen hat.
In seinem Tagebuch dieser letzten Reise beschäftigt sich Horst mit der Lebensweise des Maya-Volkes. Einige
Tage hatte er zusammen mit Schwiegersohn Arndt in der Hütte einer sehr armen Familie verbracht. Er lebte in
dieser Zeit unter deren Bedingungen: hygienisch, kulinarisch, in allem. Er ließ sich auf eine solche
Herausforderung ein. Da kam kein auftrumpfender, anspruchsvoller Tourist. Da kam ein Mensch: offen, lernwillig,
veränderungswillig. Brüderlich. "Das Leben hier relativiert uns," schreibt er in sein Tagebuch. "Wird
mein Leben in Zukunft anders sein? Und wie wird es sich verändern?" Er spürte eine beginnende Freundschaft
mit den Indigenas in ihren so ganz anderen Lebensverhältnissen. Ich denke, diese Offenheit darf man auch Liebe
nennen.
Liebe in Guatemala, Liebe in Altena. 40 Jahre Dienst bei der Fa. Dura in Plettenberg - und fast genauso lang:
vierzig Jahre Ehe. Horst war nicht der Typ der großen Worte und der überschwänglichen Gefühle.
"Nu mach hinne", konnte man oft von ihm hören, Eher nüchtern, gerade heraus, gradlinig und verlässlich.
Sehr strukturiert - ein Techniker, ein Mann der Naturwissenschaften. Es ging ihm immer um die Sache. Ein
verantwortungsvoller Mensch, der halbe Sachen nicht liebte, der sich für seine Mitarbeiter einsetzte, ganz da war,
die Arbeit als gemeinschaftlichen Prozess gestaltete. Wohltuend für seine Freunde, für die Wandergruppe,
für die Mitglieder im Tennisverein, auch für diese Kirchengemeinde. Gastfreundlich - wohltuend auch für
mich. Ganz und gar wohltuend für seine Familie, für Rita, für Nicole und die Brauckmanns. Was da an Einheit
und Liebe und Fürsorge sichtbar wurde, gehört Euch und gehört nicht hierhin. Aber es hatte Ausstrahlung, es
kam herüber.
Er war groß, weil er nicht groß sein musste -
weil er sich nicht für unersetzlich hielt und sich wirklich relativieren konnte.
Er war stark, weil er nicht stark sein wollte -
nicht ins Rampenlicht und nicht in den Mittelpunkt drängte.
Er war reich, weil er immer bereit war zu geben.
Den menschlichen Reichtum von Horst Sauer haben wir alle erfahren. Vielleicht hat der Enkel Max bei dem Leuchtturm an ihn
gedacht. Das würde Horst in seiner nüchternen Bescheidenheit wohl abwehren. "Nu mach hinne", würde er auch
dazu sagen. Und würde uns auf einen anderen Leuchtturm verweisen, in dessen Licht er sein Leben sah und dessen Liebe
ihm auch am 2. August nicht aufgekündigt wurde. Dessen Liebe ist ganz gewiss stärker als der Tod. Ich glaube,
dass Horst diesen Leuchtturm, diesen Gott im tiefen Berührtsein durch das Land und seine Leute, die Maya erfahren hat.
Diese letzte Reise, bei der er am fast letzten Tag den Tod fand, enthält so etwas wie ein Vermächtnis, ein Testament.
Das Leben hier relativiert uns. Wie wird sich unser Leben verändern?
Neben dem Sarg steht ein Bild, eines der letzten Bilder von Horst auf der Reise. Er schaut in die Ferne: der suchende, ganz
offene, ganz gegenwärtige Horst. Einer, der noch einmal aufgebrochen ist in die Ferne. Der dort Tiefes erlebte und am
Schluss den Tod erlitt. Ja, Gott möge uns weiterhelfen, das zu verstehen und zu tragen, denn:
Du führst uns hinaus ins Weite.
Du machst unsere Finsternis hell.
Du, der Leuchtturm zu Land und zu Meer
.
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