Was ist Wahrheit?
Predigt zum Christkönigtag

Was ist Wahrheit? So fragt Pilatus mit müder Skepsis. Was ist Wahrheit? Darüber kann man sich lange unterhalten. Sehr dicke Bücher
sind zum Thema geschrieben worden und führen doch an kein Ende. Nicht, dass Pilatus auf seinem Richterstuhl philosophieren möcht - dafür
fehlt die Zeit. Er dürfte ahnen: Jesus und er werden in der Frage nach der Wahrheit nie zusammenkommen. Welten liegen dazwischen. Für Jesus
ist Wahrheit kein Gedankengebäude, sondern etwas sehr Konkretes - etwa so: Zeige mir, wie du lebst, und ich sage dir, welcher Wahrheit du folgst.
Meine Wahrheit ist anders als
deine Wahrheit!
Ich höre Pilatus sagen:
"Jesus, was ist denn deine Wahrheit? Weißt du, was du morgen bist? Morgen bist du tot! Tot und begraben - das ist deine Wahrheit! Aber hier geht
alles weiter wie gehabt. Dein Tod interessiert niemanden. Die Welt geht zur Tagesordnung über. Der Kaiser bleibt Kaiser, alles bleibt, wie es ist.
Interessant ist doch nur die Macht! Das ist meine Wahrheit.
Du hast, wie ich höre, die Armen selig gepriesen. Leere Hände schrecken dich nicht. Du hast es wirklich mit den Armen! Dein Königtum baut
nicht auf Macht auf, sondern auf Vertrauen. Und es sammelt die Habenichtse. Das ist deine Wahrheit. Ich sage dir: Das sind Träume! Mach die Augen
auf. Sieh dir die Welt an. Geld und Macht - am besten beides zusammen - das zählt. Das ist meine Wahrheit.
Du nennst die Sanftmütigen selig. Die, die nicht zuschlagen, die keine Gewalt anwenden, um einen Konflikt zu lösen. Du hast noch gestern Abend
zu deinem Freund Petrus gesagt, er solle sein Schwert wegstecken. Das ist deine Wahrheit. Sieh dich hier mal um: Hier starrt alles vor Waffen. Sehr wirksam,
wie du siehst! Ich sage dir: nicht das Schwert wegstecken, sondern es schneller zücken als der andere - das wird sie das Fürchten lehren. Gewalt
schafft Stärke, und Geduld ist Schwäche - das ist meine Wahrheit.
Jesus, du nennst die Barmherzigen selig, - wie diesen Samariter, von dem du erzählt hast. Der bei der Pflege des Überfallenen seine Zeit verliert.
Ich sage dir: Das sind Geschichten, um Kinder in den Schlaf zu wiegen. Lieber ein Unrecht erleiden als ein Unrecht begehen? Dass ich nicht lache! Auge um
Auge, Zahn um Zahn - das Gesetz der Wüste, das passt in unsere Welt! Das ist der richtige Tarif! Vergeltung beeindruckt. Der Barmherzige ist ein
Trottel. Das ist meine Wahrheit.
Dein Königtum ist wirklich nicht von dieser Welt. Da hast du endlich mal recht in deiner Weltfremdheit. Vielleicht werden dir ja einige wenige folgen.
Bist du nur für diese in die Welt gekommen? Und was ist mit den anderen, mit der breiten Masse? Wir, die Machthaber, sind realistisch und orientieren
uns an den wirklichen Bedürfnissen. Im Kleinen zeigen wir Verständnis, im Großen geben wir ihnen eins auf die Finger. Das prägt sich
ein. Wir belasten die Menschen nicht mit Freiheit und Gewissen - das liefern sie bei uns ab. Und wir bringen sie noch dazu, uns dafür zu applaudieren.
Jesus, du möchtest, dass die Menschen ungezwungen, aus freiem Herzen lieben? Das ist für dich das Größte? Ich, Pilatus, sage dir: Die
Liebe ist eine Seifenblase, ein ewiges Gerücht. Das ist meine Wahrheit.
Übrigens: Schon Hunderte von Leuten haben hier vor meinem Richterstuhl gestanden. So ein Typ wie du war noch nie dabei. So verrückt ist mir noch
keiner gekommen: dass die Ersten die Letzten sind und der Chef seinen Untergebenen die Füße wäscht… Starker Tobak! Entweder ist das wahr,
was du sagst - dann habe ich mich selber - wie fast alle Menschen- ungemein geirrt. Oder es ist wahr, was ich sage - und dafür spricht eigentlich alles.
Wir beide können nicht gleichzeitig Recht haben. Man muss sich entscheiden. Entweder du oder ich. Und ich entscheide die Wahrheitsfrage für mich.
Das bedeutet dein Ende. Und zum Ende muss ich mit dir kommen. Jetzt." Soweit Pilatus.
Pilatus hat das Todesurteil damals gesprochen. Aber zum Ende ist er mit Jesus nicht gekommen. So wenig wie wir mit ihm zu Ende kommen. Wir stehen dazwischen -
irgendwo zwischen Jesus und Pilatus. Angezogen und fasziniert von Jesu Wahrheit, von dieser immer noch fremden Lebensart . Zugleich anfällig für die
Gegenrede des Pilatus, für diesen platten Realismus, der nur die Spielregeln dieser Welt gelten lässt: Macht und Geld. Angezogen von Jesus Christus -
und festgehalten zugleich, weil wir von uns selber nicht loskommen und von den Regeln dieser Welt. Niemand kann zwei Herren dienen. Das Christkönigsfest
lädt uns ein zu einem "König", der mit den Machthabern und Machtspielen dieser Welt nichts zu tun hat. Einem König, der uns hilft, nicht den
Götzen von heute zu dienen und NEIN zu sagen, wo dies nötig ist: Nein, da mache ich nicht mit. Nein, da gehe ich nicht hin… Das Fest lädt uns
ein, die große Alternative zu sehen und ihr zu folgen. Das ist alles andere als leicht: Wir sind hier, aber sein Königtum ist nicht von hier. Es
kommt woanders her, von Gott, und hat andere Maßstäbe. Wir können versuchen, dieses "hier" und das "nicht von hier" zusammen zu bringen,
zumindest ins Gespräch zu bringen. Diesen ständigen Versuch könnte man "Christ sein" nennen, könnte man "Kirche" nennen…
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