Medardus
Eine Gemeinde der
Pfarrei St. Medardus

Ansicht
Katholische Kirchengemeinde St. Joseph und Medardus - Jockuschstraße 12 - 58511 Lüdenscheid - Tel. 02351 / 66400-0

Fünf Schnüre für den übernächsten Pabst

KnotenschnuerePredigt Sylvester 2009


Der übernächste Papst - Petrus II. - fliegt bald nach seiner Wahl von Rom nach Lima in Peru, jedenfalls in einem Zukunfts-Roman von Roland Breitenbach. Der herzliche Empfang in Südamerika wird so geschildert:

Der junge Mann, der den neuen Papst begrüßt hatte, hielt einen Stock in die Höhe, an dem verschiedenfarbige und eigenwillig geknotete Schnüre hingen. "Ich schenke Ihnen zum Neuanfang dieses Zeichen des Weges", sagte der junge Mann. Dann nahm er die erste Schnur: "Geh in dich", sagte er dazu, und die Menge griff das Wort auf und wiederholte im Chor "Geh in dich". Zur zweiten Schnur sagte er "Komm heraus", und alle wiederholten das. Dann hielt der junge Mann die dritte Schnur los mit den Worten "Sieh nach vorne!" Mit der vierten Schnur machte er eine weite Bewegung, als wolle er alle erfassen, und rief "Halt an!" Schließlich zeigte er die fünfte Schnur, reichte das ganze Bündel dem Papst und forderte ihn auf: "Geh weiter!" "Geh weiter", applaudierten die Versammelten. Das war der Weg, den sie gemeinsam mit dem Papst gehen wollten.

Fünf farbige Schnüre an einem Stock - fünf Impulse, wie wir am Wechsel in ein neues Jahr die vergangenen und kommenden Monate in den Blick nehmen können, und mehr noch: fünf Vorschläge, die unterschiedliche Farben in unser Leben bringen.

Geh in dich - die erste Schnur. Geh in dich, auch in dieser Stunde. Werde still und schau nach, was aus Dir geworden ist - wofür Du danken kannst - welche Begegnungen Dir wichtig wurden - welche Erfahrungen Dich geprägt und weiter gebracht haben. Frag Dich, ob Du mit Deinem Leben zufrieden bist, ob es Dinge gibt, die Dir Angst machen, die Du noch nicht verarbeitet hast, und die Du ändern möchtest.
Geh in dich - nicht nur heute. Bleibe ab und zu mit dir allein. Nimm Dir Zeit für die Stille und für das Gebet. Dann schöpfst Du wieder aus der tiefsten Quelle - spürst, was Dich zuinnerst trägt, was Dir Kraft und Lebensmut gibt. Geh in dich und frage nach dem Weg, den Gott Dich führen will - auch durch das neue Jahr. Und beachte, was Eugen Roth in einem kurzen Gedicht sagt:

Ein Mensch nimmt guten Glaubens an,
er habī das Äußerste getan.
Doch leider Gottīs vergisst er nun,
auch noch das Innerste zu tun.

Die zweite Schnur: Komm heraus - auch in dieser Stunde! Bring die Dankbarkeit, die Dich am Ende eines Jahres erfüllt, zum Ausdruck. Mach etwas mit dieser Dankbarkeit, dass sie nicht nur ein vages blasses unverbindliches Gefühl bleibt. In einem Brief zum neuen Jahr lese ich: "Immer wieder denke ich: Was habe ich viel Grund, Danke zu sagen. Auch wenn ich mal ein Tief habe, sage ich mir: Ich erkläre mein Leben für gut!" Stell aber auch Deine Enttäuschungen, Deine unerfüllten Hoffnungen, Deine Bitten und Klagen im Gebet vor Gott - alles, was Du auf dem Herzen hast, was Dich beschäftigt und bewegt.
Komm heraus - nicht nur heute. Geh auf andere zu - denn andere warten auf die-se Zuwendung, auch wenn sie es nicht so zeigen können. Sie warten auf gute Worte und darauf, dass Du Deine Talente und guten Ideen nicht gering achtest und darum versteckst, nicht vergräbst, sondern damit heraus kommst. "Christen, die nicht auffallen, müssen sich fragen, ob sie richtige Christen sind", schreibt der Bischof von Erfurt.

Die dritte Schnur: Sieh nach vorn - in dieser Stunde. Nimm das neue Jahr in den Blick mit seinen Chancen und Möglichkeiten. Frag Dich, was Du angehen möchtest, wohin Du willst, welche Veränderungen anstehen, was Du weiterführen und intensiver leben willst.
Sieh nach vorn - nicht nur heute: Klammere Dich nicht an die Vergangenheit und trauere nicht den verpassten Gelegenheiten nach. Die Hoffnungsworte des Propheten Jesaja haben ein ganzes Volk vor der Resignation bewahrt, die Botschaft Jesu vom Reich Gottes hat viele begeistert und ermutigt, neue Wege zu gehen. Wir brauchen Ziele vor Augen, wir brauchen Visionen, die uns dahin führen, wo wir noch nicht sind. "Ohne Visionen verkommen die Menschen", heißt es schon in einem Sprichwort des Alten Testaments.

Die vierte Schnur: Halt an - in dieser Stunde. Gönne Dir diese "Auszeit" am Jahreswechsel. Komm zur Ruhe und lass Dir von Gott neue Kraft schenken für die nächste Etappe. Unterbrich ganz bewusst das aufgeregte Treiben dieser Tage, ziehe Bilanz und bestimme selber die Richtung, in die Du weiter gehen willst.
Halt an - nicht nur heute. Lass Dich nicht von Termin zu Termin hetzen. Mach Atempausen zu einem festen Bestandteil Deiner Zeit. Lege eine Rast ein, wie die Jünger, als sie mit der Botschaft Jesu unterwegs waren. Unterbrich den Alltag - und halte den Sonntag heilig. Drossele manchmal das Tempo und das Gelebt-werden und halte Geduld und Langsamkeit nicht für überhole Werte. "Das Leben gleicht einem Buch", schreibt der Dichter Jean Paul. "Dummköpfe durchblättern es flüchtig, der Weise liest es mit Bedacht; er weiß, dass er es nur einmal lesen kann."

Die letzte Schnur: Geh weiter - in dieser Stunde. Bleib nicht stehen und gib Dich nicht zufrieden mit dem, was bis heute aus Deinem Leben und aus Deinem Glauben geworden ist. Lass Dich zu neuen Schritten locken, und geh ermutigt und gestärkt in das Jahr 2010 hinein.
Geh weiter - nicht nur heute: Lass Dich durch Misserfolge nicht entmutigen, und wage - wie die Jünger im Evangelium - neue Schritte. Wer immer nur ängstlich fragt: "Was könnte passieren und schief gehen, wenn ich dies oder jenes versuche", der lähmt sich selbst und kommt nicht von der Stelle. "Christen haben nicht einen Standpunkt, den sie verteidigen müssen - sondern einen Weg, den sie gehen dürfen", sagt der Theologe Jürgen Moltmann.

Liebe Schwestern und Brüder,
Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass die fünf Farben der Schnüre Ihr Leben bereichern und bunter machen. Und dass das neue Jahr für uns alle, für unser Land und für die ganze Christenheit ein Jahr des Herrn, eine gesegnete Zeit, eine Wegstrecke der Hoffnung wird.


Text downloaden