Am Anfang war das Wort
Predigt am 03.01.2010
Worte sind Schall und Rauch, hört man gelegentlich. Worte gehen leicht von den Lippen. Auf Worte kann man nicht bauen,
nur auf Fakten. Worte - hier rein, da raus.
Ich sehe Worte ganz anders. Ich lese sehr gerne, ich mag Dichtung, Worte sind für mich wie Bausteine, mit denen man ein Haus
baut, ein geistiges Haus. Worte können befreien. Ich denke an das wunderbare Buch " Das verborgene Wort" der Dichterin Ulla
Hahn, in dem sie ihre Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit beschreibt. Ulla Hahn ist groß geworden in einem rheinischen
Dorf - ein "Proletenkind", wie sie selber sagt. Das Leben der Familie war sehr eng; man konnte sich nicht viel leisten. Nur Arbeit
und Plackerei den ganzen Tag. Die Eltern: wortkarg, keine Gesprächspartner. Was zu sagen war, wurde in rheinischem Platt gesagt.
Die große Offenbarung für das aufgeweckte Kind ist die Liturgie, der Gottesdienst, damals in Latein: Worte sind da zu
hören, die wie Fenster sind und in andere Welten führen. Worte als Öffnungen des Horizontes - das erfährt sie auch
in der Pfarrbücherei - sie liest sich durch den ganzen Bestand, die Eltern schütteln den Kopf: Du willst ein Buch, du hast
doch schon eins! Dies Lesen und auf Worte achten und die Worte lieben ist wie eine Befreiung aus dem engen Milieu. Worte können
retten, schreibt Ulla Hahn.
Worte können retten, sagt auch die Bibel. Oder besser: Das Wort, das die rettenden Worte spricht. Das Wort Gottes, in die Welt,
in die Zeit hineingesprochen, ist ein Mensch mit Haut und Haar, ein Mensch, der lacht und weint, in allem uns gleich - außer der
Sünde. Das Böse, das Gottferne bleibt ihm fremd, bleibt außen vor. "Als die Zeit erfüllt war", kam dieser Mensch
zur Welt. Schwierig ist sein Kommen: in der Armut im Stall, mit der Flucht nach Ägypten, mit dem Kindermord in Bethlehem. "Er kam
in sein Eigentum", sagt das Evangelium, "aber die Seinen nahmen ihn nicht auf." Gott kommt nicht im Triumphzug in die Welt, er kommt als
der Fremde. Un-beachtet, verborgen - nur wenige kriegen es mit, haben innere Antennen für ihn. Eher die Hirten auf dem Feld als die
Mächtigen in den Palästen. Er ist, um noch einmal den Buchtitel von Ulla Hahn zu nennen, " das verborgene Wort". Und weil er
verborgen ist und nicht dreinschlägt in die böse Welt und sich überhaupt nicht aufdrängt, weil er keine großen
Events liefert, weil er die Probleme der Welt und unseres Lebens nicht einfachhin löst - darum bleibt er auch in unserer Zeit unbeachtet,
darum die Glaubensnot auch in den Kirchen und in den Christen, darum die radikale Verweltlichung. Die "Seinen nahmen ihn nicht auf" - nicht
weil sie so schrecklich böse sind, sondern weil sie nicht aufmerksam genug sind für das Leise und Stille. Seine Stimme ist leise,
sein Wort lässt sich leicht überhören. Nur die, die die "Ohren des Herzens" spitzen und sich innerlich auf die "Frequenz
Gottes" einstellen, hören ihn, und sie spüren, wie sehr das Wort retten, befreien, das Leben erweitern und vertiefen und zur
Fülle bringen kann. "Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden", heißt es im Evangelium. Das ist die
Frucht des Hörens auf das Wort - dass uns bewusst wird, wer wir sind: Kinder Gottes. Einer der größten Staatsmänner
unserer Zeit, Nelson Mandela aus Südafrika, ein Genie der Versöhnung zwischen Schwarz und Weiß, hat das in einer Rede so
ausgedrückt:
Du bist ein Kind Gottes. Wir sind geboren, um den Glanz Gottes zu offenbaren, der in uns ist. Gottes Glanz ist nicht nur in wenigen von
uns, Gottes Glanz ist in jedem Men-schen. Wenn wir unser eigenes Licht scheinen lassen, geben wir den anderen ebenfalls die Erlaubnis, ihr
Licht scheinen zu lassen. Wenn wir uns von unserer eigenen Angst befreien, befreien wir mit unserer Gegenwart auch andere.
Das sind nicht nur schöne Gedanken und Worte. Das ist Wirklichkeit. Denn "das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt",
sagt Johannes in seinem Evangelium - einer der ganz wesentlichen Sätze der Bibel! Fleisch geworden ist das Wort, d.h. Gott ist nicht
bloß eine Idee, Gott ist nicht bloß ein Wort. Gott ist kein Prinzip. Gott ist wirklich - wie eine Person. In den heutigen
religiösen Strömungen - wie z.B. in den esoterischen - klingt das meistens anders; man spricht da lieber vom "Göttlichen",
das in der Welt und in einem selbst ist, spricht von göttlicher Energie und Harmonie - aber spricht nicht von Gott. Er scheint da nur
eine Chiffre, ein Symbol zu sein für spirituelle Bedürfnisse. In der antiken Zeit gab es das auch schon, dieses äußerst
verdünnte Gottesbild. Dagegen setzt das Evangelium überaus deutlich diesen Satz: Das Wort wird Leib und Fleisch - Gott ist real -
nicht verdünnt, nicht vage wie eine Idee. Er bekommt Hände und Füße: Hände, die z.B. Brot teilen, Füße,
die auf uns zugehen. Er ist da, er ist im "Himmel", in seiner Unverfügbarkeit, zu der wir von uns aus keinen Zutritt haben. Aber - aus Liebe
- kommt er heraus, kommt zur Welt, kommt in die Straßen und Städte, kommt in die Zeit und Geschichte. An einem bestimmten Datum und
an einem bestimmten Ort, am 24.12. eines Jahres um die Zeitenwende herum in Bethlehem, ist es soweit. Er kommt und zeigt in Jesus, wer er ist.
Er kommt und zeigt in Jesus eine Liebe, die keine Grenzen setzt. Das "verborgene Wort" ist seitdem zu hören. Bitten wir darum, dass es durch
uns hindurch geht und wir dann seine "Lautsprecher" werden: keine Marktschreier, aber doch Weiter-Sprecher, die durch ihr Leben und Handeln das
göttliche Wort zu Gehör bringen.
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