Selig seid ihr!
Predigt vom 14.02.2010
Eine Jugendgruppe schaute sich in einer Kirche nicht weit von hier eine moderne Skulptur des hl. Franziskus von Assisi an. Die jungen Leute standen etwas ratlos
vor der auf das Allernotwendigste reduzierten Figur des Heiligen, der ja die "Armut in Person" gewesen war. "Schön ist er ja nun gerade nicht", meinte einer
aus der Gruppe. "Vielleicht muss das so sein?", sagte ein anderer. "Armut ist ja schließlich nichts Schönes, oder?" Damit war ein Zugang gefunden:
"Armut ist ja schließlich nichts Schönes!" Armut ist oft abstoßend, ist oft hässlich. Darum wird sie versteckt. Darum verdrängen wir sie
aus unserem Blickwinkel. Niemand will arm sein - wenn man es aber ist, zeigt man es wenigstens nicht. Armut bleibt lange im Verborgenen; wer gibt schon zu, auf
soziale Unterstützung angewiesen zu sein? Genau so wird die innere Armut gerne hinter Masken versteckt. Man spielt Sicherheit. Man spielt Stärke, man
spielt "Mir geht's gut". Wer mag schon eigene Schwächen eingestehen und zugeben, dass er eigentlich ein "armes Würstchen" ist?
Selig ihr Armen - euch gehört das Reich Gottes. Merkwürdige Worte Jesu! Steht zur Armut, sagt Jesus. Er fordert uns auf, das dauernde Versteckspiel zu
beenden. Wir müssen gar nicht so tun, als wären wir alle gut dran und gut drauf! Und wenn wir uns so richtig überflüssig und arm und mies vorkommen,
dann - so sagt Jesus - kann Gott unser Reichtum sein. Er liebt uns, nicht weil wir so gut sind, sondern weil Er so gut ist. Wenn uns das aufgeht, dann geht uns das Reich
Gottes auf.
Selig, die ihr jetzt hungert - ihr werdet satt werden. Auch dieses Wort macht uns Mut. Hunger - das heißt Sehnsucht. Sehnsucht nach Zuwendung und Geborgenheit,
ja oft nur nach einem guten Wort, nach kleinen Zeichen des Wohlwollens. Jesus verspricht: " Ihr werdet satt werden." Das ist keine leere Versprechung. In Gott kommt unsere
Sehnsucht zur Ruhe. Er liebt, er gibt uns unseren Wert. Das ist, was Jesus versprechen kann.
Selig, die ihr jetzt weint - ihr werdet lachen. Wenn jetzt Enttäuschungen, Verletzungen, Trauer uns die Tränen in die Augen treiben - lasst sie zu, unterdrückt
sie nicht! Aber seid offen für die Freude, die kommt, für das Lachen, für die Weite Gottes, der uns nicht ausschließt wie die Menschen, der uns seine Gemeinschaft
schenkt und der der Trauer nicht das letzte Wort lässt.
Solange wir hinter einer Maske leben, verwenden wir viel unnötige Energie darauf, ein Bild von uns zu zeigen, das wir gar nicht sind. Ihr braucht, sagt Jesus, euch selbst und
den anderen gar nichts vorzumachen. Ihr könnt das gnadenlose Spiel mit der heilen Fassade beenden, das euch nur kaputt macht.
Wohlgemerkt: Nicht die Armut erklärt Jesus zum Ideal, nicht den Hunger und nicht die Trauer. Das wäre zynisch: die dunklen Seiten des Lebens schön zu reden und hell
zu streichen. Jesus preist die Armen und Trauernden selig! Damit verschweigt er gerade nicht die dunklen Stellen im Leben. Aber diese dunklen und wunden Stellen sollen uns nicht beherrschen,
sollen uns nicht festlegen. Wir sind mehr. Wir sind anders. Die wunden Stellen und die Narben sind nicht das "dicke Fell", mit dem wir uns abschirmen und panzern. Sie sind im Gegenteil die
offenen Furchen, die in unser Leben hineingepflügt sind. Nur sie können eine neue Saat empfangen. Sie sind die Stellen des Wachstums, geistlicher und menschlicher Entwicklungen
auf Gott zu. Armut, Tränen und Sehnsucht sind die Durchbruch-Stellen für Neues, für neues Leben. Und für die Hoffnung, dass Er - Gott - "alle Tränen abwischen wird
von unseren Augen" (Apk 21).
In scharfem Kontrast dazu stehen die Weherufe.
Wehe den Reichen und Satten und immer nur Lachenden und immer nur mit Beifall und Applaus Bedachten! Das soll nun keine
einschüchternde Drohgebärde sein. Erst durch diese Warnungen stellt Jesus seine Jünger und seine Hörer vor eine Entscheidung: Welchen Weg wollt ihr gehen? Was
wählt ihr - die Seligkeit oder das Wehe, gelingendes oder letztlich scheiterndes Leben? Das Wehe wird denen zugerufen, die das Reichsein jetzt, das Sattsein jetzt, das Lachen
jetzt, das schöne Gerede der anderen jetzt für das Ganze und für das Entscheidende halten und sich daran klammern. Passt auf, dass euer Besitz nicht zu innerer Leere
und Langeweile führt. Dass euer Sattsein euch nicht abstumpft und empfindungslos macht. Dass ihr vom Applaus der anderen nicht abhängig werdet und euch selbst verliert.
Ihr habt euren Trost schon weg, sagt Jesus. Sie haben ihren Trost schon weg, weil sie vom Menschen viel zu klein gedacht haben - als wenn es mit ein bisschen Besitz, mit reichlichem
Essen, einer Bettaffäre und zünftiger Fröhlichkeit schon genug sei für ihn.
Wo doch Gott den Menschen so sehr viel größer gewollt, ihm so viel mehr an Sehnsucht und Hoffnung in die Seele gelegt hat. Diese Hoffnung spricht jeder an und aus, der seinen
Glauben bekennt. Und indem wir das jetzt gemeinsam tun, helfen wir einander, von uns Menschen selbst nicht zu klein zu denken.
Text downloaden