Jesus in der Wüste
Predigt vom 21.02.2010
In der vergangenen Woche hat die wichtige Erzdiözese Prag einen neuen Erzbischof bekommen: Dominik Duka. Er hat einen bemerkenswerten Lebenslauf.
Unter der kommunistischen glaubensfeindlichen Regierung durfte er in den 60er Jahren nicht studieren. Er arbeitete als Fabrikarbeiter und Schlosser,
trat heimlich in den Dominikanerorden ein, war einige Zeit als Priester in den nördlichen, sehr entchristlichten Randgebieten Tschechiens tätig,
kam dann ins Gefängnis, gehörte zu den Dissidenten und arbeitete schließlich als technischer Zeichner in den Skoda-Werken in Pilsen, bis
1989 die große Wende kam. Seinem Vorgänger in Prag war es ähnlich ergangen; er verbrachte viele Jahre als Fensterputzer.
Warum erzähle ich das? Weil so ein Werdegang für die Wüsten heute steht, die viele Menschen erfahren. Wüste: nicht da sein können,
wo man hin möchte. Gehindert sein, oft in Einsamkeit, in trostlosen Verhältnissen. Die Treue zum eingeschlagenen Weg ist auf dem Prüfstand:
Lohnt es sich, weiter zu machen? Die Versuchung ist groß, sich anzupassen. Das ist wohl die Grundversuchung der "Wüstenexistenz": Hör auf.
Es hat doch keinen Zweck. Lass es sein …
Wüste - das sind schwierige Lebensräume und -etappen - auch und vor allem die gottfernen Räume einer radikalen Diaspora - Räume, die dann
auch nicht menschenfreundlich sind, Räume, die keine Heimat sein können.
Manche erleben zur Zeit auch die Kirche als Wüsten-Raum, der keine Zukunft bietet, der von Skandalen erschüttert ist, der auch nicht besser ist als
der Rest der Welt.
Aber "Wüste" ist nicht "Hölle": Wüste ist nicht hoffungslos. In all den Schwierigkeiten, Härten und Versuchungen des Wüstenlebens
lässt sich doch erfahren, dass die Wüste lebt und blüht - und heilsam sein kann!
Ich finde es ermutigend, dass Jesus seinen öffentlichen Weg in der Wüste beginnt. Er flieht die Wüste nicht, er sucht sie auf. Er strebt nicht
die Idylle an. Er geht auf Gott zu - auch in der Wüste.
Die Hörer von damals, die bibelfester waren als wir heute, erinnerten sich bei diesem Evangelium ganz sicher an die Wüstenwanderung des Volkes Israel.
esus brauchte 40 Tage - das Volk 40 Jahre! Das Ziel war klar: das Gelobte Land. Aber das Ziel war so fern und nicht in Sicht! Und so verblasste das Ziel, so
geriet der mitgehende Gott aus dem Blick. Gottvergessen irrte das Volk herum, es murrte und schimpfte und sehnte sich zurück nach Ägypten. Da war zwar
Sklaverei, aber da waren die Töpfe voll, da hatte man genug zu essen. Die Wüstenzeit war wirklich eine arge Herausforderung.
Lukas beschreibt die Wüste als Ort der Versuchung. Aber wie er das macht! Das letzte Wort direkt vor unserem Text ist der Name Adam. Der Stammbaum Jesu ist
da aufgeführt, die Generationenfolge geht immer mehr zurück in die Vergangenheit und landet schließlich bei Adam und Eva. Adam, der erste Mensch -
Adam, der Mensch schlechthin, gerät auch schon in die Versuchung - und erliegt ihr. Er ist ihr nicht gewachsen. Und Jesus? Er steht da als der zweite Adam,
als der neue Mensch, mit dem Gott noch einmal sein Heil probiert. Die neue endgültige Chance! Er besteht die Versuchung. Er hält stand.
Zwei Kräfte wirken in der Wüste, beide personalisiert - der Heilige Geist auf der ei-nen und der Teufel auf der anderen Seite. Man mag die Gegenspieler
auch anders nennen, aber ihre Kräfte selber sind erfahrbar. Wir kennen sie gerade heute sehr gut. Sie ziehen uns hin und her, wenn wir uns entscheiden müssen,
wenn es um wirklich wichtige Dinge geht. Der Geist lässt uns aufschauen, richtet uns auf, zieht uns "nach oben", ermutigt uns und macht uns gerade. Die
Gegenkraft zieht uns herunter, macht uns nieder, zerstört die menschlichen Beziehungen und heißt darum "diabolos", Teufel: der, der alles verwirrt und
durcheinander bringt. Der, der unser Herz spaltet, so dass wir kaum noch "mit ganzem Herzen" agieren.
Dreifach wird Jesus von diesem tückischen Gegner versucht. Bedrängend ist vor allem die zweite Versuchung; der Teufel bietet Jesus wie auf einem Silbertablett
alle Reiche dieser Erde dar. Der Preis dafür: Fall vor mir nieder, bete mich an.
Die Frage an uns heißt: Wer ist der Herr meines Lebens?
Wie brisant diese Frage ist, habe ich am deutlichsten erlebt in Sizilien, bei einer Reise der Dechanten mit Bischof Genn. Wir besuchten Palermo und dort den armen Stadtteil
Brancaccio. Dort hatte vor zwanzig Jahren ein mutiger Pfarrer gewirkt: Pino Puglisi. Er war 1993 ermordet worden - von der Mafia, die den Stadtteil beherrschte. Der Nachfolger
des ermordeten Pfarrers erzählte uns, wie Don Pino Kommunionunterricht gegeben hatte. Auch die Kinder der Mafiosi waren dabei, als der Priester ih-nen sagte: " Ihr
müsst euch entscheiden: entweder Gott oder Mafia! Entweder - oder: Beides zusammen geht nicht! Man kann nicht zwei Herren dienen!" Eine brisantere und eindringlichere
Kommunionvorbereitung kann man sich kaum vorstellen! Das war wie Sprengstoff in Brancaccio, das war Christentum in einem Satz, - und das war gefährlich,
lebensgefährlich. Wegen solcher Sätze und wegen entsprechender Taten wurde Don Pino im Auftrag der Mafia erschossen. Er wird wahrscheinlich bald selig gesprochen.
So sind Märtyrer: Das erste Gebot ("Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!") ist für sie wirklich das Gebot Nummer Eins, in Konflikten machen sie
keine Kompromisse - auch nicht mit so einem mächtigen Gegner wie der Mafia! Sie wissen und leben es: Gott ist der Herr und kein Pappkamerad, keine schöne
Dekoration aus alten Zeiten. Gott ist in der Mitte und nicht irgendwo am Rand, unter "ferner liefen", ein unverbindliches Relikt der Vergangenheit. Gott ist der Herr auch
meines Lebens - oder Er ist nicht Gott! Er stellt uns vor die Frage: vor wem gehen wir auf die Knie? Wen oder was stellen wir ganz nach oben? Wen oder was beten wir an?
Eine neue Variante des "Goldenen Kalbs", das die alten Israeliten verehrten - Symbol des Wohlstands und der Macht? Wo stehen unsere Goldenen Kälber? Und wo steht Gott
- wie sehr am Rand?
Nehmen wir die drei Bibelworte mit, mit denen Jesus dem Teufel kontert bei deren Bibelauslegung auf höchster Ebene! Nehmen wir sie mit in die Fastenzeit:
Das erste Wort: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein" - am Brot allein, am Wohlstand allein und an der Welt des Habens kann man auch "ersticken" und sterben, wenn nicht
"das Wort, das aus dem Mund Gottes hervorgeht" dazukommt. Wie höre ich es, dieses Wort, wie sehr lasse ich es an mich heran?
Das zweite Wort, von ihm war schon die Rede: "Du sollst Gott allein anbeten und ihm dienen." - Wie zeige ich, dass Gott der Herr meines Lebens ist? Wie kommt das zum Ausdruck?
Habe ich schon einen Weg gefunden, oder suche ich ihn wenigstens?
Das dritte Wort: "Du sollst Gott nicht auf die Probe stellen!" Da ist ein Ortswechsel passiert - der Teufel nimmt Jesus mit, aus der Wüste heraus, hin auf die Zinne des
Tempels. Jetzt sind wir im Heiligtum, im sakralen Bereich, "bei den Frommen". Ist das nicht die Versuchung der Religion, Gott "auf die Probe zu stellen"; ihn in der Hand haben
zu wollen, im Griff haben zu wollen - durch Begriffe und Bescheidwissen, ihn zu missbrauchen und für unsere eigenen Absichten einzuspannen. Wir können uns Gottes nicht
"bemächtigen"!
Drei Worte also als Impulse für die Fastenzeit - und nicht nur für sie!
Text downloaden