... der werfe den ersten Stein!
Ruhrwort vom 21.03.2010
"Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!" Wie oft wir das gehört haben in der letzten Zeit!
Die Finanzjongleure mit der krassen Habgier, die Steuerflüchtigen mit den Schweizer Konten, die pädophilen
Priester mit ihren vertuschten Skandalen, die Landesbischöfin mit zu viel Alkohol am Steuer. Immer flogen Steine
zuhauf, wahre Steinigungsorgien spielten sich über die Medien ab. Der Satz aus der Bibel verfing nicht recht -
vielleicht weil er von den Schuldigen bzw. ihrem Umfeld (Finanzkreise, Kirche) kam und die Taten vorweg zu entschuldigen
und zu verharmlosen schien. Im Evangelium ist es ja auch nicht die Ehebrecherin, die sich mit diesem Satz entlasten will.
Es ist ein Satz Jesu. Aus höchster Warte wird er gesprochen, von Gott her, nicht aus Eigeninteresse. Ein Satz, der
Gottes Menschlichkeit und Barmherzigkeit atmet. Ein Grundsatz auch in Sachen Demut: Unsere weißen Westen haben ihre
dunklen Stellen …
Eine Ordensschwester arbeitete jahrzehntelang im Milieu der Prostituierten. Gefragt, wie sie das denn aushalten könnte,
antwortete sie: "Ich bin nicht anders. Ich hatte es nur anders!"
Wir sind nicht anders. Wir sind Menschen, die den Versuchungen des Lebens erliegen können. Aber vielleicht hatten wir es
anders - die Versuchungen sind nicht sehr nahe an uns herangekommen. Das ist in der Regel kein Verdienst, sondern eine Gnade.
Man kann das leicht vergessen und landet dann in der Selbstgerechtigkeit. In jedem von uns sitzt ein Richter und wartet auf
Arbeit. Jeder hat einen Privatgerichtshof in sich, der nicht zur Begnadigung, sondern eher zur Verurteilung neigt. Und wenn
dann noch Gott ins Spiel kommt, wie bei den Schriftgelehrten und Pharisäern, und dazu herhalten muss, den Schuldigen, die
Schuldige anprangernd in die Mitte zu zerren - dann "gnade uns Gott!"
Im Evangelium lässt Jesus die Fangfrage der Gegner ("Was meinst denn du dazu?") an sich abprallen. Stattdessen bückt
er sich und schreibt in den Staub und Sand - das einzige Mal übrigens, dass Jesus in der Bibel schreibt. "Jesus schreibt
unsere Sünden in den Sand, wo sie verwehen, nicht in den Stein, für ewige Zeiten." Auch er bringt Gott ins Spiel -
aber wie anders als die Schriftgelehrten und Frommen seiner Zeit! Bei ihm "gnadet" Gott wirklich - zugunsten des Menschen in
seiner Schwachheit und seinen Grenzen! Die Gegner spüren es und schleichen sich von dannen, einer nach dem anderen, die
Ältesten, die Meinungsführer zuerst. Die Frau hat gesündigt, aber das schließt sie nicht aus, sondern ein
in die Gemeinschaft sündiger Menschen. Nicht die böse Tat wird von Jesus gutgeheißen, aber der Mensch. "Geh und
sündige von jetzt an nicht mehr." Wer so etwas erlebt, kann das schaffen, kann in der Kraft dieser Liebe und Vergebung gute
Wege gehen.
Als Papst Johannes XXIII. noch der Kardinalpatriarch Roncalli von Venedig war, erfuhr er eines Tages, dass einer seiner Priester
in der Stadt dem Alkohol verfallen sei. Zusammen mit seinem Sekretär macht er sich auf den Weg, um den trunksüchtigen
Priester zu besuchen. Am Pfarrhaus angekommen, lässt man ihn wissen, der Pfarrer sei wohl gerade in der Kneipe. Roncalli
schickt den Sekretär hinein, um ihn herauszubitten. Aber der Sekretär findet ihn nicht und meldet: "Er ist nicht da;
nur der Hut hängt am Haken." Darauf der Kardinal: "Wo der Hut ist, da ist auch der Mann." Tatsächlich spürt man
den Pfarrer auf, und die drei gehen wortlos zum Pfarrhaus zurück. Dort lässt Roncalli seinen Pfarrer Platz nehmen, kniet
sich vor ihm hin und sagt: "Ich möchte bei dir beichten!"
Das ist die Pädagogik Jesu. Das ist die Menschenführung Gottes.
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