Blindgänger
Lüdenscheider Nachrichten 03.04.2010
"Hey, Blindgänger", rief mir ein frecher Schüler in der Wilhelmstraße nach. Er kam wohl nicht damit klar, dass ich
im Lüdenscheider Nieselregen eine Sonnenbrille trug, um meine entzündeten und arg ramponierten Augen zu schützen. Dabei
griff er sehr hoch: Blindgänger.
Auch ohne Augenentzündung und dunkle Brille sind wir mit dem Wort "Blindgänger" gar nicht schlecht getroffen. Schon der alte
Prophet Jesaja seufzte: "Wir warten auf das Sonnenlicht, doch wir irren im Dunkel. Wie Blinde tappen wir an der Wand, unsicher wie Menschen
ohne Augenlicht; wir straucheln am helllichten Tag und sitzen gleich Toten im Finstern." Im Advent sind diese Worte zu hören. Jesaja
hält uns für Blind-Gänger, die gerade in den wesentlichen Fragen "auf Leben und Tod" orientierungslos im Nebel herumirren und
aus hoffnungslosen Augen in die Welt starren, blind für Aufblicke und Lichtblicke, ohne klare Sicht, verschwommen wie die Sicht eines
Kurzsichtigen, der seine Brille nicht finden kann.
Schwenk vom Advent nach Ostern: Eine wunderbare Ostergeschichte erzählt von den zwei Jüngern auf dem Weg in das Dorf Emmaus: Nach
der Hinrichtung Jesu bewegen sie sich wie Blindgänger. Sie laufen in die dunkle Nacht hinein, aber sie sehen nicht - erkennen auch den
Mitgeher nicht, der sich ihnen anschließt. "Sie waren wie mit Blindheit geschlagen", heißt es im Evangelium. Das, was dann unterwegs
geschieht - Gespräch mit dem Unbekannten, Abendessen und Brotbrechen - verändert alles: "Da gingen ihnen die Augen auf, und sie
erkannten ihn. Dann sahen sie ihn nicht mehr." Ihn, den Lebenden. Ihn, den kein Grab der Welt festhalten kann.
Eine Frau aus der Gemeinde schenkte mir dieser Tage einen Strauß Osterglocken und legte einen Zettel bei: "Die Blumen sind noch Knospen
und werden sich bald öffnen. Das möge auch mit Ihren Augen geschehen!"
Diesen Wunsch gebe ich gern weiter! Ich wünsche allen gesegnete Ostern, aufgehende Augen und einen klaren Blick, der sich nicht begnügt
mit Frühlingsfest, Osterhasen, -feuern und -eiern. Einen klaren Blick und ein klares Reden, wie es sich im Osterglauben der Christen zeigt.
Der Tod hat nicht das letzte Wort - und auch nicht der versammelte "Mist" der ganzen Welt. Christus lebt, er geht mit uns auch in die dunklen
Nächte und stärkt uns durch sein Wort und sein Brot. Hoffnung ist kein Pfeifen im dunklen Keller, sondern gut begründet. Denn Gott
hat das letzte Wort, und er hat es schon gesprochen. Zu Ostern. Es macht uns Blindgänger sehend.
Text downloaden