Medardus
Eine Gemeinde der
Pfarrei St. Medardus

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Katholische Kirchengemeinde St. Joseph und Medardus - Jockuschstraße 12 - 58511 Lüdenscheid - Tel. 02351 / 66400-0

Glaube und Kirche - das ist eine Sache, die zusammengehört

MöbiusbandPredigt in der Osternacht 2010


Vor Tagen ging ich trotz der Fastenzeit ein Eis essen. Die Kellnerin im italienischen Eissalon kannte mich und flüsterte dem Kollegen hinter der Theke zu: "Il prete, der Priester ist da." Den ließ das ziemlich kalt, und ich hörte ihn antworten: "Weißt du, der Glaube ist eine Sache, und die Kirche ist eine andere Sache!"

Ja, das sagen viele, vor allem in diesen Zeiten. Die schrecklichen Nachrichten der letzten Wochen und Monate machen es sehr schwer, die Dinge anders zu sehen. Sie haben die Kirche in eine tiefe Krise der Glaubwürdigkeit und des Vertrauens gebracht. Das geht wirklich ans Herz der Kirche. Ich erlebe diese Zeit wie ein Fegefeuer. Ich frage mich, was Gott uns darin sagen will. Sicher will er Wahrhaftigkeit und keine Verschleierung, sicher will er Heilung für die Opfer und Umkehr der Täter und eine "Reinigung" der Kirche. Vielleicht will er eine Kirche, die in tiefer Demut sagt: "Ja, wir sind auch eine sündige Kirche - heilig und sündig zugleich." Und eine ratlose Kirche dazu, die ihren Weg in der heutigen Zeit ernsthaft bedenken will und noch besser herausfinden muss, wie sie Gott treu bleiben und den Menschen hilfreich und zugewandt sein kann.

"Der Glaube ist eine Sache - und die Kirche eine andere." Ich werde dem Kellner dennoch niemals recht geben! Der christliche Glaube, der Glaube an den Gott der Bibel schreit geradezu nach der Kirche. Er will gelebt und bezeugt werden, er will gefeiert werden. Er bekennt einen Gott, der "süchtig", ja wirklich sehn-süchtig ist nach Beziehung, nach Gemeinschaft - einen Gott, der darum Mensch wird in Jesus Christus, und der über den Karfreitag hinaus, über die Todesschwelle hinaus, Le-ben gibt, neues Leben in Fülle. Die Gemeinschaft hat kein Ende.

Und wie glaubt man daran? Jeder nur für sich, im stillen Kämmerlein? Der Kellner einsam hinter seiner Theke? Ich garantiere Ihnen: der Glaube hat eine sehr kurze Verfallsdauer, wenn er nicht genährt wird! Wenn er nicht geteilt und gefeiert wird! Wie feiert man den christlichen Glauben? Jeder für sich in seiner Ecke? Jeder nur im Selbstgespräch mit seinem selbst gestrickten Privatglauben? Jeder - allein, hinter der Theke? Glaube schreit nach Zusammenkommen, nach gemeinsamen Ausdrucksformen, Festen und Ritualen. Sie können im Clinch sein mit dem Papst und den kirchlichen Strukturen, die sich oft so aufplustern und wichtig tun. Sie können lauter Verbesserungsvorschläge haben für das kirchliche Leben - so Sie denn auch bereit sind, sich selber zu verbessern. Sie können die fehlende Glaubwürdigkeit hart und deutlich kritisieren, und den Hinweis, dass wir eben alle nur schwache Menschen sind, können Sie als Ausflucht und billige Entschuldigung abtun. Sie können die Kirche beim Wort nehmen und von ihr mehr erwarten, als sie tatsächlich lebt. Mehr erwarten auch, als es sonst in der Gesellschaft üblich ist - denn sie kommt mit einem hohen Anspruch daher. Aber wenn es Ihnen wirklich um den Glauben geht, können Sie das alles nicht von außen. Sie sind dann Teil eines Gesprächs, Teil einer Gemeinschaft, Teil eines größeren und wirklich mit reichen geistlichen Schätzen versehenen Zusammenhangs. Reden wir diesen größeren Zusammenhang - die Kirche - nicht herunter auf das, was jetzt gerade schmerzhaft aktuell ist!

Ich glaube, darum sind wir jetzt hier. Glaube lebt vom Zusammenkommen. Glaube lebt vom Feiern. Glaube lebt von der Auferstehung. Und dieses "Leben von...": das ist die Kirche! Leben von der Auferstehung her. Ich habe mich auf diese Feier der Osternacht sehr gefreut. Ich selber brauche in dieser Lage der Kirche - und auch in meiner persönlichen Situation des zurzeit nicht richtig Sehen-Könnens - das Licht, das Licht der Auferstehung.

Vielleicht wissen wir nicht so genau, was das Wort meint. Aber sicher verbinden wir damit eine starke und unbedingte Hoffnung. Wir sind eingeladen zur Hoffnung, nicht zur Resignation! Am Anfang unserer Feier lag die Kirche in tiefem Dunkel. Das ist ein Symbol, ein Zeichen für die Nacht, durch die wir hindurch müssen. Nacht des Todes, aber auch Nacht der Schuld, der Enttäuschungen und Entfremdungen, - Nacht, in der alles nur denkbar Negative losgelassen wird und sich zum Angriff sammelt. Diese Nacht ist mächtig: wir stolpern herum, wir sehen nicht klar in der Dunkelheit, sie trickst und täuscht und verschleiert. In der Nacht wissen wir weder ein noch aus. Matthias Claudius schreibt in seinem wunderbaren Nachtlied "Der Mond ist aufgegangen":

Wir stolzen Menschenkinder
sind eitel arme Sünder
und wissen gar nicht viel.
Wir spinnen Luftgespinste
und suchen viele Künste
und kommen weiter ab vom Ziel."

Auch das ist die Nacht: "Luftgespinste zu spinnen", Illusionen zu nähren, Täuschungen aufzusitzen, der öffentlichen Meinung blind verfallen zu sein. Wir "suchen viele Künste", haben den Computer voll, werden schier erdrückt von der Flut der Informationen, - aber vom Leben selber wissen wir immer weniger "und kommen weiter ab vom Ziel". Wir kommen weiter ab von Gott, kommen weiter ab auch von den Menschen, die wir oft genug nur noch "gebrauchen", d.h. für unsere eigenen Zwecke einspannen. "Die Wüste wächst", die Beziehungslosigkeit wächst, die ein Vorbote des Todes ist - denn Tod, das heißt: beziehungslos sein. Es ist wie in der Geschichte vom verlorenen Sohn: Er lebt in der Fremde, Freunde sind nur da, wenn sie profitieren können, schließlich landet er bei den Schweinen. Das ist kein Leben, das ist höchstens Vegetieren, das ist allertiefste Nacht, und darum sagt der Vater hinterher: "Siehe, mein Sohn war tot - und ist wieder lebendig geworden."

In die symbolische Dunkelheit hier in der Kirche wurde vorhin ein Licht hineingetra-gen: die Osterkerze. Und immer mehr brennende Kerzen kamen dazu, immer mehr Licht: Jesus geht auf als der Morgenstern. Diese Nacht ist ein Ende, aber mehr noch ist sie ein Anfang - Anfang eines neuen Lebens, einer neuen Weise zu leben. "Jesus hat sterbend seinen Verfolgern vergeben. Und auch ich werde jetzt das Schwert der Rache aus der Hand legen", sagt ganz am Schluss der Held im Film "Ben Hur". Die Nacht des Todes hält den toten Jesus nicht - er ist nicht zum ewi-gen Tod, sondern zur ewigen Liebe bestimmt. "Tod, wo ist dein Stachel?" fragt Paulus. Der Tod ist vor Gott sozusagen eingeknickt. Aber die Nacht bleibt mächtig! Das Tödliche und Böse kann weiter über uns zusammenschlagen, das Kreuz wirft einen langen Schatten. Aber eines ändert sich auf jeden Fall: in die Nacht scheint ein Licht. Die reine Dunkelheit ist gespenstisch und unheimlich. Das Licht Christi lässt uns neue Wege sehen, es ist wie ein Kompass der Hoffnung. Das Unheimliche weicht dem Geheimnis.

Um das Licht einer Glühbirne, draußen in der Nacht, sammeln sich die Motten. Um das Licht Jesu Christi sammeln sich die Christen. Wir empfangen das österliche Licht und geben es weiter an andere. So ist es gedacht. So ist Kirche gedacht: wie eine Lichterkette. Was ist da mit dem Licht in unsere Hand gegeben! Wir können das Licht verdunkeln und auslöschen - und wir können es strahlen lassen. Gebe Gott, dass die Strahlkraft des Glaubens jetzt zu Ostern neu gestärkt wird! Gebe Gott, dass unser Kellner hinter seiner Eistheke beim nächsten Mal sagen kann: "Glaube und Kirche - das ist eine Sache, die zusammengehört!"



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