Medardus
Eine Gemeinde der
Pfarrei St. Medardus

Ansicht
Katholische Kirchengemeinde St. Joseph und Medardus - Jockuschstraße 12 - 58511 Lüdenscheid - Tel. 02351 / 66400-0

Was bin ich froh, dass Petrus der Urtyp der Kirche geworden ist!

MöbiusbandPredigt am 18.04.2010


Was bin ich froh, dass Petrus der Urtyp der Kirche, ihr Fundament und Felsen geworden ist! Jesus hätte auch einen anderen wählen können. Etwa den Lieblingsjünger, den Evangelisten Johannes. Der war in allem schneller als Petrus: im Laufen (er kommt als erster, noch vor Petrus beim leeren Grab an): Schneller ist er auch im Begreifen: er erkennt den Auferstandenen eher als die anderen. Er versteht Jesus am besten von allen. In der Kunst ruht er an dessen Herzen. Er ist eine richtige Lichtgestalt, eine Idealfigur. So hätte man gerne die Kirche: ideal. Ein Leuchtturm im Dunkeln der Zeiten. Ohne dunkle Seite.

Aber so ist sie nicht, und auch ihre Leitfigur, Petrus, ist so nicht. Petrus hat seinen Schatten. Dreimal hat er seinen Herrn verleugnet und verraten. Das ist schon ein wirklicher Hammer! Einmal holt er sich eine richtige Abfuhr von Jesus: "Du willst verhindern, dass ich leiden muss? Satan, geh mir aus den Augen! Denn du denkst Gedanken der Menschen, nicht Gottes." Dem Lieblingsjünger hat Jesus so etwas nie sagen müssen. Der tat immer das Richtige. Petrus tat oft genug das Falsche. Wahrscheinlich lernte er daraus.

Aber als es um die Wahl der Leitfigur geht, zeigt Jesus nicht auf Johannes. Er zeigt auf Petrus. Der - und seine Nachfolger - wirken dann nicht immer wie ein Felsen, sondern oft auch wie ein Stein des Anstoßes, wie ein Stolperstein: "Der Glaube ist eine Sache, - aber die Kirche ist eine andere Sache," so empfinden das viele Menschen - ich habe dieses unglückliche Auseinanderdriften in der Osterpredigt erwähnt. Jesus hätte das wissen müssen, hätte auf Johannes setzen können, hätte den Menschen womöglich manches Stolpern erspart. Ich denke, Jesus hat es gewusst, und er hat ganz bewusst auf Petrus gezeigt: den nehme ich! Den Fischer mit seinem ungestümen Hitzkopf und mit seinem theologisch etwas schlichten Gemüt - gerade den kann ich als Menschenfischer gebrauchen!

Ich sagte schon: ich bin froh über diese Grundentscheidung am Anfang, über diese Wahl des Petrus. Sie gibt uns Raum, lässt uns in der Kirche die Luft zum Atmen - bis heute. Ich selber glaube näher bei Petrus als bei meinem Namensvetter Johannes zu sein - wahrscheinlich wie so ziemlich alle meine Kollegen. Wenn ich in der Pfarrerskonferenz oder im Domkapitel in die Runde schaue, dann fallen mir zu jedem Stärken und Schwächen ein - wobei einem die Schwächen meistens noch viel schneller einfallen als die Stärken! Jede Menge Stolpersteine sind da versammelt. Heilige auf Anhieb? Kaum. Typen wie Johannes? Nicht wirklich. Petrustypen eher. Sünder allemal. Und so ist die Kirche - so ist sie wohl von Jesus gedacht, einkalkuliert: heilig und sündig zugleich. Wer es anders wollte, wem es in der Kirche zu lau und nicht ernsthaft und gut genug war, der zog aus in die Sekten - und erlebte da auch bald die menschlichen Grenzen, wenn auch an anderen Stellen: Man trank und tanzte nicht, aber man stritt sich da immer wieder rechthaberisch und etwas freudlos um den wahren Glauben! Wir entkommen alle nicht unserem Menschsein, unseren Grenzen und Sünden. Christ sein heißt nicht: keine Sünden haben. Sondern: zu einander zu stehen - und um Vergebung zu bitten, Vergebung zu erfahren.

Mit großem Realismus hat Jesus im Kreis der Apostel seine zukünftige Kirche vorhergesehen. Helden waren kaum darunter; vor dem Kreuz Jesu sind sie alle geflohen - Ausnahme: der ideale Johannes. Und doch war etwas in ihnen, das sie später alle zum Martyrium führte (Ausnahme wieder: unser Johannes): eine wachsende tiefe Verbundenheit mit Jesus. Diese Verbundenheit, diese "Liebe" ist der Kern des Glaubens und der Kirche. Mit dieser Liebe sind wir alle angetreten in der Kirche - aber dann kann geschehen, was auch in jeder ehelichen Verbundenheit und Liebe passieren kann: dass die Liebe "rostet", erschlafft, müde wird, nur noch Routine ist. Dass kein Feuer mehr brennt. "Brannte nicht unser Herz?", fragten sich die Jünger in Emmaus, als sie Jesus begegneten. Eine gute Frage auch für uns: Brennt unser Herz noch - und wofür? Ist wenigstens noch die Glut da - Langzeitglut -, oder hüten wir nur noch die Asche? Fahren wir noch hinaus aufs Meer - wie die Menschenfischer im Evangelium -, oder sitzen wir nur noch in den Hafenkneipen und palavern herum? Könnte das der geistliche Sinn der gegenwärtigen Kirchenkrise sein, dass wir deutlicher eine Antwort auf solche Fragen versuchen? Unsere Liebe zu Christus erneuern? Aus den Palaver- und Laberecken herauskommen und "aufs Meer hinausfahren" - "auf sein Wort hin", im Vertrauen auf ihn? Hinausfahren in die Wagnisse des Lebens hinein, manchmal "ohne zu wissen, wohin es geht". Und sich nicht leiten lassen von schlechten Erfahrungen, sondern von guten Erwartungen - weil es " auf sein Wort hin" geschieht. Und klaren Kurs behalten und vor den Stürmen des Meeres nicht in Panik geraten. In all dem würde dann die "Liebe" drinstecken, von der Jesus sprach:
" Simon Petrus, liebst du mich?"
Ich muss Sie jetzt ganz kurz in die griechische Sprache entführen, um einen wunderbar menschlichen Zug in der Frage Jesu deutlich zu machen: Liebst du mich? Da steht für "lieben" griechisch "agapao", Agape, und das ist die ideale, reine, bedingungslose, grenzenlos hingebende Liebe - die Weise, wie Gott den Menschen liebt. Eine hohe Messlatte! Petrus aber, im Wissen um seine Schwächen, gebraucht in seiner dreimaligen Antwort "Du weißt, dass ich dich liebe" ein anderes Wort: "phileo" - und das ist bescheidener: phileo heißt : Freund sein, meint die begrenzten menschlichen Versuche der Liebe. Jesus fragt also sinngemäß:
"Petrus, liebst du mich mit der maßlosen Hingabe und Liebe, die Gott zum Menschen hat?" (eine Frage, die er besser an Johannes gerichtet hätte)
Und Petrus antwortet sinngemäß:
"Ja, Herr, du kennst meine armseligen und stümperhaften Bemühungen, Dir ein Freund zu sein."
Und dann die Überraschung: Beim dritten Mal greift Jesus das Wort des Petrus auf. Also, er spricht nicht mehr von agape, der grenzenlosen Liebe, sondern auch von philia, der menschlichen Freundschaft und Liebe mit allen Macken und Begrenzungen: "Petrus, kannst du und willst du mir wie ein Freund sein?"

Das genügt jetzt offensichtlich: die bescheidene, schwache Liebe, zu der einer fähig ist. Etwas Großartiges ist hier geschehen, schreibt Papst Benedikt XVI. in seinem Jesus-Buch: "Man könnte beinahe sagen, dass nicht Petrus sich Jesus, sondern dass Jesus sich Petrus angepasst hat!"

So ist Jesus Christus. Seine Maßstäbe sind groß - aber er legt die Messlatte nicht so hoch, dass nur noch Helden und Heilige hinüber springen. Er kommt mit grenzenloser Liebe (agape), aber unsere bescheidenen Antwortversuche (philia) genügen ihm. Er kennt den Menschen und sieht und liebt ihn realistisch. Zum Beispiel den Petrus. Zum Beispiel auch uns.



Text downloaden