Predigt am Sonntag der geistlichen Berufe
24. / 25.04.2010
Liebe Schwestern und Brüder,
dieser Sonntag der geistlichen Berufe - ein wenig eine "Werbeveranstaltung" u.a. für das Priesteramt - findet
statt in einer höchst ungünstigen und schwierigen Zeit. Die Gründe für die gegenwärtige Krise
sind uns bis zum Überdruss bekannt. Seit Wochen sind wir Zeugen einer belastenden Mischung von sachlichen
Informationen und Kommentaren, von Unterstellungen und Polemiken - und dazwischen immer wieder erschütternde
Berichte von Opfern oder Zeugen. Und außerdem weiter zu viel Schweigen, zu viel Verschleierung in der Kirche.
Vertrauen und Glaubwürdigkeit können da nicht wachsen.
Bischof Ackermann von Trier, der Beauftragte für die Missbrauchsthematik, sagte vor ein paar Tagen in einer Predigt
vor Hunderten Priestern:
"Der bildhafte Vergleich mit dem isländischen Vulkan, der Europa in Atem hielt, scheint für die Krise der Kirche
nicht so abwegig: es ist, als ob eine Kruste aufgebrochen wäre und sich nun mit Macht aus den Tiefen und Abgründen
der jüngeren Vergangenheit eine giftige, stinkende Wolke entladen würde, die sich auf alles legt und mit einem
Staubschleier bedeckt. Wahrlich keine Zeit für triumphierende Höhenflüge."
Der Bischof fragt auch: Warum geschieht das alles ausgerechnet im Priesterjahr, wo es um Stärkung und Treue der Priester
gehen soll? Manch einer - so deutet er die Reaktionen, die ihn erreichen - sieht hier Satan am Werk. Aber das alles wird nicht
gegen den Willen des Herrn geschehen. Vielleicht will Gott, dass die Erneuerung der Kirche durch diese Art des Fegefeuers und
der schmerzlichen Reinigung hindurch geschieht. Die Freude daran, Christ zu sein und zur Kirche zu gehören, darf keinen
Schaden nehmen; aber sie kommt aus dem demütigen Wissen: wir stehen im Dienst einer Botschaft, die kraftvoll ist wie am
ersten Tag und auch dem Menschen von heute und morgen Hoffnung geben kann und wird. Resignation wäre ein schlechtes Echo
auf die gegenwärtige Situation. Umso besser ist dagegen: Nachdenklichkeit! Ich erlebe jetzt Nachdenklichkeit an vielen
Stellen. Viele fragen sich: Warum war man in der Vergangenheit - in Kirche u n d Gesellschaft - so "stumpf", so harmlos,
unwissend und unaufmerksam gegenüber den jetzt sichtbaren Problemen und Skandalen? Warum wurde so oft weggeschaut und
geschwiegen? Warum hat man nicht sehen wollen? Warum war die "reine Weste" der Kirche wichtiger als die Hilfe für die Opfer?
Warum diese entfesselten Aggressionen und Machtspiele? Wie unglücklich waren die Menschen wohl, die in den jetzt sichtbaren
Abgründen drinsteckten? Und wie konnte man das Evangelium, die Frohe Botschaft von einem menschenfreundlichen Gott, so
entstellen?
Gott sei Dank dürfen die allermeisten von uns feststellen, dass sie selbst bewahrt geblieben sind vor solchen Opfer- und
Tätererfahrungen, bewahrt geblieben vor bestimmten Verwundungen und Gefährdungen. Bewahrt geblieben vor eigenen
Abgründen von Aggression und Sexualität, bewahrt geblieben vor heiklen Situationen. Das ist kein Grund, um selbstgerecht
zu sein - aber sehr wohl ein Grund für Dankbarkeit!
Liebe Schwestern und Brüder,
als Christen können und wollen wir aber nicht stehen bleiben bei den Stimmen, die um uns und in uns zu hören sind. Es ist
wichtig, unter all den Stimmen gerade die Stimme Jesu Christi zu hören. Das Evangelium spricht ja ganz ausdrücklich davon:
"Meine Schafe hören auf meine Stimme." Mit dem Hören fängt alles an: der Glaube an Gott, die innere Beziehung zu Jesus
Christus, die Anhänglichkeit an das Evangelium, das im eigenen Leben getan, "praktiziert" werden will. Meine Schafe hören
auf meine Stimme! Was für eine Stimme ist da zu hören: Voller Liebe, Weisheit und Ernsthaftigkeit. Nicht das Stimmengedröhn
der Propaganda. Nicht die Stimme des Geschwätzes. Auch nicht die kalte Stimme eines Paragraphenreiters. Nein - die Stimme Gottes
in der menschlichen Stimme Jesu Christi - eine Stimme, die Menschen beseelt, geheilt, erlöst hat. Hören wir immer noch auf
diese Stimme? Klingt das Wort Jesu Christi nicht doch zu weit weg, zu altmodisch, zu vollmundig? Ist er für uns die maßgebliche
Stimme - für den Alltag, für das Leben - und nicht bloß für schöne Sonntagsreden? Bedeutet das intensive
Hören auf Jesu Stimme, auf seine Worte die Heilung der jetzigen Situation, die Reinigung, der Ausweg? "Ich gebe ihnen ewiges Leben.
Sie werden niemals zugrunde gehen", sagt Jesus weiter. Niemand. Niemals. Was für eine Hoffnung liegt darin!
Und zugleich - Vorsicht! Vielleicht haben wir gedacht: Wer getauft ist, oder wer sogar zum Priester geweiht ist, ist schon definitiv bei
Jesus angekommen. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir sagen: Christ sein, auch Priester sein, bedeutet nicht: Angekommen sein, sondern
unterwegs sein und unterwegs bleiben. Unser Leben ist ein "Kommen und Gehen" im wahrsten Sinn des Wortes. Wir laufen nicht gradlinig auf das
Ziel zu. Es gibt in uns die Schwerkraft des sündigen Menschen, die uns immer wieder von Gott und Jesus wegdrängen will, so dass wir
abdriften und nicht mehr hören und gar nicht mehr auf Jesus Christus zugehen. Die Fliehkräfte unserer Welt sind äußerst
stark! Allein wird man wahrscheinlich weg gezogen, umgepustet. Allein werden wir den Weg nicht schaffen. Wir brauchen einander, um uns
gegenseitig auf dem Weg des Glaubens zu halten.
Beten wir darum, dass auch unsere Wege, durch welche Bedrängnisse und Krisen und Umwege sie jetzt auch führen mögen, - im
Tiefsten Wege sind auf Ihn zu, der uns sein Wort und seine Stimme gibt - und als das lohnende Ziel uns niemals aus dem Blick geraten darf!
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