... die Alten werden Träume haben ...
Predigt zu Pfingsten 2010
Eines Tages wollten sich die Menschen einen Namen machen. Sie wollten hoch hinaus. Sie wollten sein wie Gott - und sie
bauten einen hohen Turm in Babel. Sei-ne Spitze sollte bis zum Himmel reichen. Ein Wolkenkratzer in alter Zeit! Ein
Denkmal der Arroganz und Überheblichkeit! Gott aber ging dazwischen - und das Ende vom Lied: Die Sprachen der
Völker gingen durcheinander. Einer verstand den Anderen nicht mehr. Wenn alle sein wollen wie Gott, einer den anderen
aussticht, einer der Konkurrent des Anderen ist - wenn das so ist, dann verstehen sich die Menschen wirklich nicht mehr.
Dann verkommt alles in Feindschaft. Vom Miteinander, von Zusammenarbeit keine Spur! Dafür steht der Turm in Babel.
Pfingsten - das ist ein Gegenbild dazu - ein Bild der Hoffnung. Die Jünger Jesu hatten sich nach seinem Tod verkrochen.
Sie hatten sich eingesperrt, trafen sich nur hinter verschlossenen Türen. Es regierte die Angst, die Unsicherheit. Sie
wussten nicht, was lief. Und dann passiert etwas, was keiner vorhersehen konnte. Die Bibel nennt es "das Brausen des Geistes",
der keine verschlossenen Türen mag. Der Geist vertreibt die Furcht. Eine neue Kraft bricht sich Bahn. Im Bild gesprochen:
ein Feuer brennt - es wärmt und entzündet. Feuerzungen geben den zündenden Funken. Die Menschen in der Nachfolge
Jesu bekommen ein anderes Gesicht: mutig, klar sehend, be-geist-ert. Sie erzählen. Sie predigen. Sie geben weiter, was sie
erfahren haben, was ihnen Halt und Sinn gibt, was zum Halt und tragenden Grund auch für andere werden kann. Der Verfasser
der Pfingstgeschichte findet kaum ein Ende, diese anderen aufzuzählen - eine lange Liste, jeder Lektor freut sich, wenn er
sie ohne Probleme hinter sich bringt: Parther, Meder, Elamiter, Leute aus Mesopotamien (Irak) und Kappadozien (Anatolien), aus
Phrygien und Pamphylien, Römer, Proselyten, Kreter, Araber - also die ganze damals bekannte Welt. Die Botschaft ist
für alle da, alle können sie verstehen - und verstehen sich dann auch untereinander - auch wenn sie keinen Sprachkurs
gemacht haben. Wer schon einmal Gäste etwa aus Guatemala bei sich zu Hause hatte, ohne Spanisch zu können, sagte
hinterher: Wir verstanden uns mit Händen und Füßen. Wir verstanden uns vor allem mit dem Herzen. Es war keine
Einheitssprache, kein "religiöses Esperanto", das damals zu Pfingsten gesprochen wurde. Die Sprachen blieben verschieden -
aber jeder verstand! Es ist wie eine große Versöhnung, wie eine Vision einer vereinten Menschheit. Wir denken oft von
den Unterschieden her: verschiedene Nationen und Sprachen, verschiedene Generationen, Klassen und Konfessionen - und wir pflegen
dann die Unterschiede; man muss dafür kein Bayer sein! Hier wird von Einheit her gedacht. Die junge Kirche pflegt die Einheit:
"Alle aber, die gläubig geworden waren, blieben beieinander und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und teilten
aus an alle, je nachdem wie bedürftig einer war." (Apg 2,44f) So wird von den Menschen in der Urgemeinde Jerusalem erzählt.
Das ist sozusagen die Modellge-meinde- so ähnlich, sagt die Bibel, soll es überall werden, nach diesem Modell: Einheit,
Verstehen, groß geschriebenes Füreinander, Teilen. Die Einheit bestand nicht aus blassen Katechismussätzen, die alle
unterschreiben konnten. Die große Versöhnung wurde ganz konkret und handgreiflich, sie prägte das Leben zutiefst: die
frühen Christen teilten untereinander, wie jeder es nötig hatte. "Liebeskommunismus" hat man das auch genannt. Für
spätere Zeiten war das ein Stachel im Fleisch: da war jeder auf sich und seine Habe bedacht, auf sein Privateigentum, und vom
Liebeskommunismus blieb oft nur übrig der Klingelbeutel mit Euro und Cent darin.
Die Pfingstgeschichte zeigt also ein kräftiges Bild der Versöhnung, der Einheit und des neuen Mutes. Man hat Pfingsten darum
auch die Geburtsstunde der Kirche ge-nannt. Kirche - das sind Menschen, die sich vom Heiligen Geist Gottes zusammenbringen lassen und
seine Versöhnung leben wollen. Auf dem Ökumenischen Kirchentag in München war viel davon zu spüren. Die Menschen
drängen auf Einheit, auf Versöhnung, auch auf den gemeinsamen Tisch des Abendmahls. Kirche soll nicht um sich selber kreisen
und sich nicht nur mit den eigenen Problemen beschäftigen, so groß sie auch sein mögen. Man möchte im Sinne von
Pfingsten "verstehen". Verstehen heißt heute auch: Anteilnehmen. Das große Unverständnis nach dem Turmbau von Babel
bedeutete Feindschaft und Fremde unter den Menschen. Das neue pfingstliche Verstehen löst Feindschaft auf und bewirkt Gerechtigkeit:
die Not des anderen sehen, seine Schmerzen und seinen Hunger nach gutem Leben verstehen. Anteilnehmen. Ihn nicht im Stich lassen.
Die Pfingstgeschichte ist dabei alles andere als Schönfärberei und eitel Sonnen-schein. Sie enthält Überraschungen
und kann uns stören. Petrus zitiert in seiner ersten Predigt gleich nach dem Pfingstereignis den Propheten Joel aus dem Alten
Testament: "Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure jungen Männer werden Visionen haben und eure Alten werden
Träume haben. Auch über meine Knechte und Mägde werde ich von meinem Geist ausgießen." Das ist überra-schend.
Von den Alten werden in der Regel keine Träume mehr erwartet, sie sollen in ihrer Ruhe bleiben und sich heraushalten. Auf Knechte
und Mägde und auf die Jungen hört man in der Regel auch nicht. Die, die sonst immer reden und am Drücker der Macht sitzen,
die, die die Mikrofone für sich haben, - sie werden hier bei der Ausgießung des Geistes nicht erwähnt. Der Pfingstgeist
traut denen, denen sonst wenig zugetraut wird und die nie im Blickpunkt sind: den Jungen, den abgeschriebenen Alten, den Knechten und
Mägden, den Hartz-4 - Leuten, um es modern zu sagen. Niemand wird vergessen und niemand ausgeschlossen, gerade die Unbeachteten
finden Beachtung. Die Randgruppen rücken in den Blick. Der Geist Gottes ist ihnen nicht fremd, vielleicht erfahren sie ihn in ihrem
Leben viel deutlicher als die Satten und Starken und Mächtigen.
Merken Sie, wie viele Facetten Pfingsten hat? Wie viel Stoff zum Weiterdenken und Weiterhandeln? Wir haben da eine alte Geschichte,
voller Ermutigung und auch voller Unruhe. Unruhe, weil wir so weit noch nicht sind. Wir teilen unsere Habe nicht oder kaum. Wir achten
wenig auf die Visionen der Jungen und die Träume der Alten und den Geist derer, die unten sind. Wir nehmen das alles nicht sehr
ernst und bedeutsam. Wir ver- stehen oft nur unsere Freunde und nur die, die so denken wie wir selbst. Wir überschreiten selten
Grenzen und stoßen ungern in neue Räume vor - so wie der Geist Gottes es uns vormacht. Wir wollen oft einfach nur in Ruhe
gelassen werden. Aber diese Pfingst-Geschichte kann uns nachgehen. Biblische Geschichten sind oft wie Brote, von denen sich das Gewissen
ernährt. Pfingsten kann unsere Freude am Verstehen stärken, unsere Hoffnung auf eine tiefer gehende Versöhnung, unsere
Unruhe angesichts der eigenen Halbherzigkeit, unser Gespür für den Gottesgeist auch heute. Auch wenn heutzutage vielen das Fest
egal geworden ist - wir haben guten Grund, Pfingsten zu feiern!
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