Nichts ist hoffnungslos
Der Jüngling von Nain - Predigt am 06.06.2010
Die Mutter des Jünglings von Nain erzählt (Lk 7,11-17)
1. SZENE
Schalom: Ich bin Sara und lebe in Nain. Nain ist eine kleine Stadt, nicht allzu weit weg von Nazareth - den Ort kennt Ihr sicher besser.
Ich will Euch heute erzählen, welch wunderbare Geschichte vor einigen Jahren sich in meinem Leben abgespielt hat. Eigentlich fängt
die Geschichte aber gar nicht wunderbar an, sondern sehr, sehr traurig. Ihr müsst wissen, dass mein Mann schon vor vielen Jahren
gestorben ist. Mein Sohn David kann sich kaum noch an seinen Vater erinnern. Wir beide standen seither ziemlich alleine da, und es war nicht
leicht für mich, für uns beide zu sorgen. Ich war froh, als David älter wurde und langsam anfing, da und dort auf den Feldern
mitzuhelfen und ein bisschen Geld nach Hause zu bringen. Ich liebte meinen Sohn sehr, wir waren sehr eng miteinander, und ich dankte Gott,
dass ich ihn hatte. Bei uns, Sie wissen es vielleicht, gibt es ja keine Renten und keine Pflegeheime für alte Leute. David würde
im Alter für mich sorgen, so wie es überall bei uns die Kinder für ihre alten Eltern tun.
Doch dann passierte etwas ganz Schreckliches. David hatte einen schlimmen Unfall. Alle Pflege half nichts, - die guten Ratschläge, die
Tränen und Gebete - alles war umsonst. Ich musste mit ansehen, wie mein Sohn, meine Zukunft immer schwächer wurde. Nach ein paar
Tagen starb er. Meine Trauer war nicht zu beschreiben. Ich hatte jetzt niemand mehr. Und wer würde im Alter für mich da sein? Ich
hielt meinen toten Sohn im Arm und hätte ihn am liebsten nie mehr losgelassen. Doch die Nachbarn drängten: "Du weißt doch,
dass David heute noch beerdigt werden muss!" Das geht bei uns immer sehr schnell, wegen des warmen Wetters und der Hygiene. In großer
Eile wurde alles vorbereitet, und gegen Abend machte sich ein langer Trauerzug auf den Weg zum Begräbnisplatz, draußen vor der
Stadt. Ich erlebte alles nur wie durch einen Schleier und fühlte mich furchtbar zerstört. Irgendwie war ich mit gestorben. Meine
Nachbarn und Freundinnen kümmerten sich zwar um alles, aber mir gegenüber waren sie sprachlos und sehr hilflos.
2. SZENE
Mit gesenktem Blick folgte ich den Trägern. Etwas außerhalb des Stadttors hielt der Trauerzug an. Als ich aufsah, bemerkte ich,
dass eine Gruppe von Wanderern uns entgegengekommen war. Die meisten waren mit gesenktem Kopf an uns vorbeigegangen. So gehört es sich
bei uns, so tun es alle. Doch einer war stehen geblieben. Er hatte die Lage erfasst und schaute mich an. Den Blick werde ich nie vergessen.
In seinem Inneren, ja in seinen Eingeweiden schien er gepackt zu sein von einem ganz tiefen Mit-Leiden. Er schien das zu kennen, was einem
Menschen wie ein Berg auf der Seele liegt. Er sah meine Tränen und meine Verzweiflung und sagte leise: "Weine nicht!" In diesen zwei
Worten lag so viel Liebe und Trost. Das tat mir gut. Er legte den Arm um mich und schaute mit mir zusammen auf die Bahre, auf der David lag.
Die Träger standen etwas verlegen herum. Ich musste diesem Fremden nichts sagen, er verstand alles von selbst. Und er trauerte wirklich
mit mir.
Plötzlich legte er seine Hand auf die Bahre. Und dann wurde es unglaublich! Er sprach den toten David an und rief laut: "Junger Mann,
ich sage dir, ich befehle dir: steh auf!"
3. SZENE
Das Folgende - ich kann kaum drüber reden, oft genug haben mich die Leute für verrückt gehalten. Und es ist ja auch verrückt.
Es verrückt, was sonst so sicher ist. Tot ist tot. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber hier? "Steh auf!" Als ich ein Jahr
später von Jesu Auferstehung hörte, war ich weniger fassungslos als die anderen. Ich hatte Ähnliches ja schon am eigenen Leib,
oder besser: am Leib meines Sohnes erlebt. David lebte! Und Jesus, dieser geheimnisvolle Fremde ergriff Davids Hand, legte sie in meine Hand und
gab mir meinen Sohn zurück. Die Leute um uns herum wichen erschrocken zurück, doch dann rief einer: "Ein großer Prophet ist
unter uns! Gott selbst ist uns zu Hilfe gekommen! Lasst uns Gott danken und ihn loben!" Andere stimmten ein. Einigen kam vielleicht der Prophet
Elia in Erinnerung, der zu seiner Zeit den Sohn einer Witwe ähnlich ins Leben zurück gerufen hatte. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich
diese Geschichte in der ganzen Gegend. Für uns alle war klar: hier hatte Gott selber gehandelt. In Jesus war Gott uns begegnet, uns allen,
aber ganz besonders meinem Sohn David und mir. Dieses neu geschenkte Leben hat alles für uns verändert. Bis auf den heutigen Tag treibt
mich tiefe Dankbarkeit an. Und in schwierigen Situationen denke ich immer daran: Nichts ist hoffnungslos. Gott hat seine Möglichkeiten. Er
kann alles verändern!
Nichts ist hoffnungslos: Gott kann alles verändern! So schloss Saras Bericht. Und wie ist es mit uns? Ist das auch unsere Erfahrung und unser
Bekenntnis: Nichts ist hoffnungslos - Gott kann alles verändern?
Vielleicht haben Sie das schon mal am eigenen Leib erfahren müssen: "Es ist alles zu spät. Es hat alles keinen Sinn mehr!" In der Schule
klappt es nicht mit den Klausuren - die Firma baut immer mehr Stellen ab - der Alltag zehrt an den Nerven und raubt einem die Lebenskraft - die
Gesundheit spielt nicht mehr mit, man muss mit allem rechnen …
Wir feiern immer wieder die heilige Messe, weil wir glauben, dass wir nie allein sind, sondern Gott mitten unter uns ist. Wir glauben und hoffen,
dass er auch uns heute Morgen so anschauen, so berühren, so ansprechen möchte, wie Jesus es damals in Nain getan hat, bei der trauernden
Mutter: "Weine nicht. Verzweifle nicht. Gib die Hoffnung nicht auf. Ich bin da. Ich habe mehr Möglichkeiten als du ahnst." Das sagt er heute
Morgen auch zu uns. Er wird sicher nicht mit einem Handstreich alle Probleme und Fragen beiseiteschieben, er wird nicht die Toten wieder ins alte
Leben zurückrufen. Aber die Geschichte von Mutter und Sohn in Nain ist ein Hinweis darauf, dass Gottes Liebe stärker ist als alles, sogar
stärker ist als der Tod. Jesus Christus kommt auch heute ans Stadttor, dahin, wo die Leute sind - kommt als der, der nicht verstummt vor Trauer
und Leid, der den Fragen nicht ausweicht, sondern uns stärkt und stützt und neue Hoffnung gibt.
Die Mutter des "Jünglings von Nain" hat mit ihrem toten Sohn ihre Zukunft und Sicherheit verloren - eigentlich kann sie jetzt nur noch betteln
gehen. Vielleicht ist ihr da bewusst geworden: "Ich habe mein Leben nicht selber in der Hand. Ich kann mich nicht wirklich gegen alles absichern!"
Doch gerade da, als sie mit ganz leeren Händen da stand, ist Jesus in ihr Leben getreten und hat ihr unerwartet eine ganz neue Zukunft
eröffnet.
Wir werden nicht immer die Erfahrung machen, dass das, was wir verloren haben, uns genauso wiedergeschenkt wird. Aber wir dürfen uns selber sagen:
Ich habe das Leben nicht in der Hand. Aber da ist einer, dem ich vertrauen kann. Er sieht weiter. Er öffnet Wege - nicht immer die, die ich erwarte.
Nichts ist hoffnungslos. Gott kann alles verändern!
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