Fahr hinaus ins Weite
Predigt am 2.9.2010 beim Geistlichen Donnerstag in St. Marien, Hagen
Liebe Schwestern und Brüder!
Petrus und die anderen Fischer hatten die ganze Nacht gefischt, aber nichts gefangen. Wir dürfen davon ausgehen,
dass Petrus ein ausgezeichneter Fischer war, ein Mann mit Kenntnis und Erfahrung. Er wusste wohl sehr genau, welche
Fische an welchen Stellen zu welchen Zeiten - vornehmlich nachts - am besten ins Netz gingen.
Nach erfolgloser Nacht bittet Jesus die Fischer, noch einmal die Netze auszuwerfen - tagsüber, zu einem
ungewöhnlichen, ja geradezu unmöglichen Zeitpunkt. Offensichtlich hat Jesus vom Fischen überhaupt keine
Ahnung. Die "natürliche" Antwort des Petrus wäre: "Meister, davon verstehst du nichts. Pfusch uns nicht ins
Handwerk!" Stattdessen kommt diese "übernatürliche" Reaktion: "Auf dein Wort hin werde ich noch einmal
hinausfahren!"
Diese Handlung, dieses unfassbare Vertrauen - das ist das Unerklärliche dieses Evangeliums - mehr noch als die vollen
Kähne, die dann später unter der Last der Fische zu sinken drohen.
Gegen ein notwendiges Maß an Vertrauen setzen heute viele Menschen lieber ihre Erfahrungen. Stellen Sie sich eine
Sitzung im Gemeinderat vor. Neue Mitglieder sind hinein gewählt mit neuen Ideen, die sie anbringen, und da sagen die
"alten Hasen" womöglich: "Freunde, lasst es. Das wird doch nichts. Haben wir doch alles schon vor Jahren versucht. Da
kommt doch kein Mensch!" Die Bedenkenträger berufen sich immer auf ihre Erfahrung - in der Regel auf schlechte
Erfahrungen, die sie gemacht haben: "die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen!"
Das Geburtstagskind der letzten Woche, Mutter Teresa von Calcutta, vor hundert Jahren geboren, nimmt als junge Lehrerin mit
geöffneten Augen die entsetzliche Not in der Millionenstadt Calcutta wahr. Helfen wäre gut - aber wie und wo anfangen?
Die Leute mit Erfahrung und entsprechenden Bedenken raten ab: "Das ist doch alles nur ein Tropfen auf einen heißen Stein!
Du allein gegen eine ganze Stadt! Die Stadt ist nicht zu retten!" Mutter Teresa lässt sich - wie Petrus, wie alle Heiligen
- aber nicht von schlechten Erfahrungen leiten, sondern von guten Erwartungen - lässt sich leiten von einem unbändigen
Vertrauen, dass Gott seine Möglichkeiten hat. Und wir - im Schritt und Sprung des Vertrauens - stellen uns dann diesen
größeren Möglichkeiten Gottes anheim. Was passiert dann? Mut wächst einem zu, Kraft wächst einem zu,
und es geschehen Zeichen und Wunder: Kähne, die vor Fischen fast untergehen. "Auf dein Wort hin…" werden ein paar Brote und
ein paar Fische verteilt, und es reicht für alle, für eine große Menschenmenge. Wunderbare Brotvermehrung! Bei
Mutter Teresa: wunderbare Menschenvermehrung - nach zwanzig Jahren in Calcutta hat sie zweitausend Schwestern hinter sich!
Hätte Petrus damals nur aus seinen Erfahrungen gehandelt, dann wäre die Nachfolge sozusagen "ins Wasser gefallen" -
sie hätte nicht stattgefunden. Die Nachfolge im heutigen Evangelium beginnt da, wo Petrus sich auf Jesus einlässt, auf
sein Wort hin hinausfährt und die Netze noch einmal auswirft. Der etwas stereotype Schlusssatz "Sie zogen die Boote an Land,
ließen alles zurück und folgten ihm nach" beschreibt eigentlich nur die Konsequenz aus diesem ersten Schritt des
Vertrauens. So war Petrus - so ist er: bereit zum ersten und zum zweiten Schritt, zum Sprung ins Vertrauen, in die Arme Gottes.
Später wird er über das Wasser laufen, auf Jesus zu - wird sinken, aus Angst, aus der Ahnung des Abstands zu Jesus -
auch hier: "Herr, geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch!" Aber der Abgrund des tiefen Wassers wird ihn nicht verschlingen,
Jesus streckt ihm die Hand entgegen, das Vertrauen hofft auf diese Hand, die einen nicht im Abgrund belässt, sondern rettet,
aufrichtet, aufstehen lässt - auferstehen.
Petrus hat sich auf das Wort Jesu eingelassen: "Fahr hinaus auf den See! Fahr hin-aus ins Weite!" Was löst dieses Wort heute
in uns aus?
Ich muss gestehen: Ich finde das Wort "Weite" anziehend. Es zieht mich wirklich an. Das Psalmwort "Du führst mich hinaus ins Weite"
ist wie ein Magnet für mich. Wenn ich um die Weite bitte, wenn ich sie denke und ausspreche, dann tritt sie oft ein. Dann geschieht
sie. Zum Beispiel, wenn ich irgendeinem Ärger nachhänge, irgendeiner Kränkung, irgendeinem Groll, der mir auf der Seele
liegt, und ich spreche mir das Psalmwort vor, dann spüre ich: Gott hat dich, hat uns zur Weite gerufen. Das holt mich aus dem Mauseloch
heraus, in das ich mich verkrochen habe. Das sprengt die Enge und Engstirnigkeit und das Kreisen um die eigene Person, das Kreisen um dieses
oder jenes Problem. Dann wird mir wirklich weit ums Herz. Gott führt uns hinaus in die Weite des Herzens, das nicht um sich selber
kreist. Er führt uns hinein in seine Weite - wer könnte weiter sein als er? Er - der Großmeister der Vergebung, alles andere
als kleinlich rechnend. Großherzig, großzügig. Reine Liebe - und die ist immer weit. Weite - wie eine Verheißung!
Weite - das lässt mich auch an die Kirche denken. Ich finde, wahrscheinlich im Gegensatz zu den meisten Menschen: die Kirche ist eine
Lehrmeisterin der Weite. Vielleicht nicht auf den ersten Blick, da fallen auch mir manche Engführungen und Engstirnigkeiten ein. Aber
wer mit der Kirche lebt, lernt eine
räumliche Weite kennen, die der Weltkirche. Einen ungeheuren Erfahrungsschatz an gelebtem
christlichem Leben: Brüder und Schwestern unter Eskimos und Südseeinsulanern, unter Chinesen, Amerikanern und Arabern. Ein
Stück Zuhause, ein Stück Heimat, egal, wohin du kommst. Wie viele Spaltungen gibt es in der Welt - und was für ein Potential
des Friedens und der Gemeinschaft: Menschen aus allen Kulturen, Rassen und Sprachen in der einen Kirche.
Wer mit der Kirche lebt, lernt eine
zeitliche Weite kennen: eine Geschichte buchstäblich von Adam und Eva an bis heute. Ein
enormes Gedächtnis, ein unermessliches Erinnern, das davor bewahrt, in den Moden des Tages auf- und unterzugehen. Die Geschichten aus
der Bibel und von den Heiligen als Schätze der Erinnerung. Vor allem die Geschichte von Jesus Christus, die nicht nur als zweitausend
Jahre alte Geschichte erinnert wird, sondern heutig wird, gegenwärtig wird - gerade auch durch diese Feier, zu der wir uns hier
versammelt haben.
Wer mit der Kirche lebt, lernt eine
geistliche Weite kennen: nicht nur Zeit, heute und morgen - sondern Ewigkeit! Unser Leben: 60
oder 70 oder 80 Jahre - plus Ewigkeit! Unser Diesseits kein abgeschlossenes Gehäuse, sondern mit Türen und Fenstern hin zu der
größten Weite, hin zu Gott. Der Mensch ist nicht nur auf sich selbst und seinesgleichen und auf seine Produkte bezogen - sondern
auf Gott. Weite - was für eine Verheißung!
Von Antoine de Saint-Exupery gibt es das schöne Wort: " Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Leute zusammen, um Holz zu
beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen - lehre sie zunächst die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer!" Wer
glaubt, teilt eine Sehnsucht - ja, die nach der Weite Gottes und unseres Lebens. Mit dieser Sehnsucht beginnt alles - auch das, was unter
"Neuevangelisierung" in der Kirche versucht wird. Den christlichen Glauben in eine oft so gottferne Welt zu bringen und "Menschenfischer"
zu sein - das ist zu-nächst keine Sache bestimmter Methoden oder seelsorglicher Strategien oder Reformen. Es kommt nicht darauf an, im
"Schiff, das sich Gemeinde nennt" die Kajüten neu zu streichen oder ein gemütliches Bordfest zu feiern. Zweifellos ist die
Bootsbesatzung rastlos bemüht, die Netze zu flicken, das Schiff zu reparieren; sie zerbricht sich den Kopf, wie sie die Netze füllen
kann - und das alles mit sehr magerem Erfolg! Manche springen zudem ab ins Rettungsboot oder in die Beiboote und nehmen ihren eigenen Kurs.
Gott möge uns stattdessen helfen, dass wir "auf sein Wort hin" neu hinausfahren, die Sehnsucht und die Suche nach der Weite und der Wahrheit
miteinander teilen und nicht ständig im sicheren Hafen ankern, im allzu Vertrauten. Auch auf das Fremde müssen wir uns einlassen! Im Hafen
werden die Netze ganz gewiss nicht voll! Da muss man hinaus. Und, wie Adolf Kolping einmal gesagt hat: "Da muss, wer Menschen fischen will, sein
Herz mit an die Angel hängen" - oder ans Netz. Ich weiß nicht, was bei uns mit an der Angel hängt - hoffentlich ganz viel Herzblut,
aber auch viele Vorurteile, eine Menge Missverständnisse und viele blockierende Erfahrungen. Gebe Gott, dass wir unsere Erfahrungen ins Vertrauen
hineinhalten und über alle Enttäuschungen und Zweifel hinweg - auf Sein Wort hin - neu hin-ausfahren, immer wieder hinaus - ins Weite!
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