Medardus
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FischerVom Verlorenen

Predigt vom 12.9.2010


Wir alle wissen: Evangelium, das heißt Frohe Botschaft, Ermutigung zum Leben. Also zunächst nicht: Forderung, Moral, Anspruch: "Tu dies, tu das!" Das ist niemals der Einstieg, der Zugang, der erste Schritt zum Evangelium hin, sondern frühestens der dritte oder vierte. Der erste Schritt ist auch gar nicht unsere Sache! Den ersten Schritt, den Einstieg, macht Gott auf uns zu! Er steigt ein in das Drama "menschli-ches Leben" - er sucht den Zugang zu uns.

Jesus erzählt davon in den Gleichnissen, und wir spüren: Hier ist das Evangelium auf Anhieb Frohbotschaft, gute Nachricht, die Lasten von uns nimmt, die uns entlastet. Da ist die Geschichte vom guten Hirten, der 99 Schafe zurücklässt, um das eine verlorene heimzuholen. Oder die Frau, die 10 Drachmen hat und eine verliert - wie sie das ganze Haus auf den Kopf stellt - eine richtige Hausfrau, bis sie die Münze wieder findet. Und dann wird kräftig gefeiert und in der Geschichte vom verlorenen Sohn sogar ein Kalb geschlachtet für den Festtagsbraten: ein Fest ist angebracht, und Freude herrscht, wenn Verlorenes wieder da ist.

Liebe Christen, haben Sie auch schon mit wachsender Ungeduld etwas Wichtiges gesucht? Das passiert mir ständig. Ich konnte ein wichtiges Dokument nicht finden, ich hatte es verlegt. Es macht einen kribbelig und nervös bis in den Schlaf hinein, und was immer Sie sonst tun - sie müssen an das verlorene Dokument denken. Es beherrscht Ihre Gedanken - ja, bis Sie es mit großer Erleichterung finden. Die Freu-de ist dann nur zu verständlich.

Wenn es bei Papieren schon so ist - wie viel mehr bei Menschen! Freude über den verlorenen Menschen, der heimfindet! Der verlorene Mensch ist nicht nur der Außenseiter, der im tiefsten Dreck bei den Schweinen oder bei den Drogen steckt. Es ist nicht nur der, der - wie das eine Schaf - das schützende Gatter der Familie oder der Kirche verlassen hat oder vom Weg abgekommen ist. Der verlorene Sohn, die verlorene Tochter: es sind nicht die Anderen! Die Verlorenheit ist uns allen gemeinsam; sie steckt in uns drin. Manchmal spüren wir, wie sehr wir gefährdet sind, wie eng unsere Grenzen sind, wie der Kopf ganz anders will als das Herz. Manchmal spüren wir unsere innere Leere, spüren, wie dünn die Decke des "guten Christen" ist. Und dann, wenn wir uns so gar nicht leiden können, hören wir, wie sehr wir geliebt sind. Und wie nah der bei uns ist, der uns nachgeht und sucht und auf uns wartet. Und können es kaum glauben. So viel Mühe für unsereins? So viel Interesse an unserem armseligen Leben?

Die Frau im Gleichnis sucht die Münze. Jeder Mensch ist eine unbezahlbare Münze, einzigartig - es gibt diese Münze, die wir sind, nicht noch mal. Jedes menschliche Leben ist unbezahlbar und kostbar und wertvoll genug, um gesucht zu werden. Und es ist wirklich Frohe Botschaft - zu wissen, dass es das gibt: trotz aller Verlorenheit gefunden zu werden, daheim zu sein, in sich zu Hause zu sein, dazu zu gehören zur Welt Gottes. Die Freude darüber bringt uns immer wieder dazu, Gottesdienste zu feiern.

Liebe Schwestern und Brüder, ich wünsche uns vor allem, dass wir die Freude nicht verlieren, die unser Evangelium so deutlich durchzieht. Freude heißt nicht unbedingt überschwängliche jubelnde Stimmung, hochgerissene Arme, verzückte Gesichter. Freude ist die Zwillingsschwester der Hoffnung - ist eine tiefe Ge-wissheit, die uns trägt. Wer diese Freude kennt, wird nicht so schnell in das Klagen und Jammern und in die Untergangsstimmung einstimmen, die sich auch in der Kirche breit gemacht hat. Denn die Zahlenverhältnisse im Bezug auf das Gleichnis scheinen sich umzukehren - eher nur noch ein Schaf im Stall und 99, die zu suchen sind! Halten sich die Kirchen womöglich für eine Art Kaufmann, dessen Ware wenig interessiert, ein Ladenhüter, und der auf ihr sitzen bleibt?

Nein, der Glaube ist keine Handelsware mit augenblicklich schlechter Konjunktur. Um im Gleichnis zu sprechen: die Schafe sind zwar weithin außerhalb des Gatters - aber sie bleiben erreichbar für Gott. Ich bin überzeugt: Gott findet Menschen wieder und Menschen finden Gott wieder: aber zu ihrer Zeit - nicht automatisch, nicht jahr-gangsweise, nicht einfach über Tradition. Oft überraschend, manchmal durch Krisen und Schicksalsschläge. Manchmal durch existentielle Fragen, die man nicht los wird. Manchmal durch Erinnerungen. Manchmal erst auf dem Sterbebett. Die Gnade hat ihre eigene Stunde - sie richtet sich nicht unbedingt nach unseren Terminen.

Es ist wichtig, heute mit Freude, mit Hoffnung, mit Gelassenheit, mit Geduld seinen Weg zu gehen. Mit der Hoffnung, dass Gott auch das Verlorene, den Verlorenen sucht und berühren und finden kann - zu seiner Zeit. Mit der Freude darüber, und die dürfen wir uns auch durch schlechte Erfahrungen nicht nehmen lassen. Ein kleiner Text des schwäbischen Pfarrers Michael Graff bringt das auf den Punkt, ausgehend von den Erfahrungen, die auch wir bei einer kirchlichen Trauung machen:

Pastor und Küster schauen sich an. In mürrischem Einvernehmen. Sie denken: Diese Truppe hat sicher seit Jahrzehnten keine Kirche von innen gesehen. Mehr Fotografen sind da als Leute, die mitbeten. Beim Evange-lium sind alle sitzen geblieben. Von Tut und Blasen keine Ahnung mehr! "Man sollte die Brocken hinschmeißen," flüstert der Versucher. Aber die Braut hat tapfer versucht mitzusingen, der Bräutigam hat gestrahlt, nach dem Auszug haben sich beide herzlich bedankt. Der Pastor ist milder ge-stimmt: Vielleicht berührt sie der Herrgott ja doch! Man kann das zumin-dest nicht ausschließen.

Auch bei den Gleichnissen von dem Sämann und der Saat dürfen wir in die Schule gehen. Sie laden ein, das zu tun, was wir tun können: mit zu säen, aber das Wachstum und die Ernte und, was daraus wird, Gott zu überlassen. Wir haben unsere Möglichkeiten - und viele Begegnungen und Gespräche können etwas von Gott, dem großen Sucher der Verlorenen und Liebhaber des Lebens, durchscheinen lassen. Er spricht in unsere eigene Verlorenheit hinein, und er kann, auch durch uns, in die Verlorenheit anderer hineinsprechen.

Ich wünsche uns den Mut, Augen und Ohren und ein Herz zu haben nicht nur für die, die im vertrauten Gatter oder Stall mit uns leben, sondern auch für die, die so ein wenig "verloren" durch die Welt laufen.

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