Johannes, der Täufer
Predigt vom 05.12.2010
"Tröste dich, tröste dich, mein Volk," so beginnt der Komponist Georg Friedrich Händel sein Oratorium
"Der Messias". Diese Worte wurden ihm selbst zum Trost. Er lebte damals mit einer schweren Krankheit und war in
Depressionen gefallen. In dieser schwierigen Lage machte er sich daran, den Messias zu komponieren. Die ersten Worte
"Tröste dich" waren für ihn wie ein Zauber: es geschah, der Trost zog in ihn selber ein. Drei Wochen arbeitete
Händel am Messias wie in einem Rausch. Das Werk verwandelt ihn selbst. Aus tiefer Niedergeschlagenheit und Depression
steht er wie neu geboren auf. Und so hat er der Nachwelt ein Werk hinterlassen, das immer wieder neu wie ein Echo auf
Gottes Trost ist.
Tröstet mein Volk. Der Herr selbst tröstet sein Volk: Die langdauernde Gefangenschaft in Babylon ist zu Ende, das
Volk darf heimkehren nach Jerusalem, Gott selber wird es führen. Die Evangelisten haben die Stimme in der Wüste,
die das ankündigt, mit Johannes dem Täufer gleichgesetzt, obwohl 500 Jahre dazwischen liegen. Sie haben Johannes
als eine solche Stimme in der Wüste gehört - eine Stimme, die das Volk zur Umkehr ruft.
Umkehr - im Bild der Propheten heißt das: Wir sollen die Straßen ebnen, gerade machen. Jesaja hat die großen
Prachtstraßen Babylons gekannt, wohin das Volk verbannt war. Durch diese breiten und geraden Straßen wurden in
einer festlichen Prozession die Götterbilder getragen. Jahwe, der Gott Israels, braucht dagegen kei-ne Bilder und keine
Prozessionen. Er wird seine Herrlichkeit zeigen, indem er sein Volk durch die Wüste führt und es wieder in der alten
Heimat, in Jerusalem ankommen lässt.
Die Wüste wird heute als ein Bild empfunden für unsere Zeit, für die Betonwüste der großen Städte,
für die Leere, Isolation und Einsamkeit, die viele Menschen heimsucht. In alten Zeiten war die Wüste ein Ort, wo die
Dämonen hausen. Im Bild der Wüste toben sich auch heute die Dämonen aus: Gewalt, Misstrauen, Ausbeutung,
Zerstörung. All das macht aus fruchtbarem, bewohnbarem Land eine Wüste, eine "seelische Wüste". In ihr kann man
kaum existieren, man muss sich betäuben, mit Konsum vollstopfen, mit Medien ablenken, mit Alkohol oder Drogen zudröhnen,
um sie auszuhalten.
Wüste und Steppe sind ganz sicher auch Bilder für uns selbst, für unser Inneres. Die Wüste ist für die
frühen Mönche, die "Wüstenväter", der Schauplatz, an dem wir mit den inneren Feinden zu kämpfen haben,
aber auch der Ort, wo wir uns ganz ehrlich selbst begegnen können. Dort schauen wir sozusagen vorbehaltlos und schonungslos
in den Spiegel. Dort erfahren wir, wo wir dran sind mit uns. Darum nennt man die Rückzugstage und Einkehrtage z.B. in
Klöstern auch gerne Wüstentage, weil sie uns helfen, zu uns selber zu finden und dadurch auch Gott näher zu kommen.
Gott möchte sich auch heute in der Wüste und in der Steppe unserer heutigen Welt einen Weg bereiten. Aber er braucht uns
dabei als seine Mitarbeiter - indem wir das Hügelige eben machen, verbogene Maßstäbe zurechtrücken, verwilderte
Sitten wieder kultivieren, mitten durch die Dürre und Wildnis eine Schneise schlagen.
Advent, Ankommen Gottes im Jahr 2010, in der heutigen Welt. Sie braucht Menschen wie Johannes den Täufer, der sich hinstellt und
das sagt, was er von Gott her spürt. Der sich mit den wichtigen Leuten anlegt und sie nicht gerade schmeichlerisch als
"Schlangenbrut" bezeichnet. Der den Leuten nicht nach dem Munde redet, sondern ihnen Umkehr zumutet. Und der die Zeichen sieht für
das, was kommt: das kommende Gericht, der kommende Messias, der nicht mit Wasser, sondern mit Heiligem Geist taufen wird.
Solche Leute wie Johannes bereiten dem Herrn den Weg - zu den Herzen der Menschen. "Den Weg bereiten" - das meint nicht, wir könnten
selber alle Hindernisse aus dem Weg schaffen. Aber wir müssen unsere Wüste wahrnehmen und nicht drüber hinweggehen,
sondern sie "bekennen" und so mitnehmen zu Gott. Gott schreibt uns nicht ab wegen unserer Verwüstungen. Es kann sein, dass er uns
gerade dort entgegenkommt, wo wir ihn gar nicht erwarten! In dem Verdrängten, das wir nicht mehr in den Blick nehmen wollen: in der
eigenen Dunkelheit, in der Schuld, die wir mit uns herumschleppen, ohne sie richtig loszuwerden, in unseren Ängsten, in unserer Unruhe,
Zerrissenheit und Leere. Er kann kommen, um die Leere zu füllen. Er kann kommen, um das innerlich Kranke zu heilen. Er kommt, um
Schuld zu vergeben.
Allerdings möchten wir Gott lieber auf den Prachtstraßen begegnen, außerhalb von uns, in einem schönen Gottesdienst,
in Feierlichkeit, in wohltuender innerer Erbau-ung. Dort ist Gott sicher auch gegenwärtig. Aber begegnen wird er uns erst dann, wenn wir
ihn in unsere ganz persönliche innere Wüste und Steppe eintreten lassen. Ich kann Gott meine Angst nicht aussparen, meine
Empfindlichkeit und Unruhe, meine Wut und Eifersucht, meine Schattenseiten, meine Unfähigkeit, mich selber in den Griff zu bekommen.
Nicht an mir vorbei, sondern gerade in meiner wirklichen Lage und in meinem inneren Chaos möchte mir Gott begegnen. Ich muss ihm nicht
ein geschöntes Bild präsentieren. Ich kann mich ihm so zeigen, wie ich wirklich bin. Nur so kann er mich verwandeln, die Berge und
Täler und Abgründe ausgleichen, die mich zerklüften und auseinander reißen. Dort kann er auf krummen Zeilen gerade
schreiben.
Die Rauheit Johannes des Täufers gehört immer zum zweiten Adventssonntag. Jo-hannes lenkt unseren Blick in die Wüste. Es ist
keine angenehme, sondern eine herbe Predigt, die er verkündigt. Aber er ist auch der Wegbereiter für die Freudenbotschaft vom Messias,
vom Christus. Dieser kann uns befreien aus der Macht der Wüste und ihrer wilden Bewohner, er kann unsere inneren Verwundungen und
Verwüstungen heilen. Nehmen wir die Adventszeit als Zeit der Einkehr in uns selbst, als Zeit der Besinnung auf das, was wirklich
zählt: dann können wir mit großem inneren Gewinn Weihnachten feiern.
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